Sündenfall Biosprit Von Kleinbauern, Kirchen und Konzernen
In Ländern wie Guatemala haben Großunternehmen die Landwirtschaft ganzer Regionen auf den Anbau von Ölpalmen und Zuckerrohr umgestellt, aus denen Biodiesel und Ethanol gewonnen werden kann. Viele Menschen haben damit ihre Überlebensgrundlage verloren.
Eigentlich ist Biosprit eine faszinierende Angelegenheit, sagt der Entwicklungssoziologe Georg Krämer aus Bielefeld. Durch den Anbau solcher Pflanzen, könne man gleich zwei Probleme lösen: "Zum einen kann man treibhausgasneutral Energie gewinnen, weil die Pflanzen den Kohlenstoff aus der Luft speichern, den sie dann bei ihrer Verbrennung wieder abgeben. Damit hätte man eine klimaneutrale Energiequelle. Und zum anderen wäre das eine neue Einkommensquelle für Entwicklungsländer."
Von Sprit wird man nicht satt
Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung
Seit Anfang 2011 gilt in Deutschland die nationale Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung. Diese legt fest, dass flüssige Biomasse, die dem üblichen Benzin oder Diesel beigemischt werden kann, nur noch aus nachhaltiger Produktion stammen darf, im Interesse des Umwelt- und Klimaschutzes.
Georg Krämer weiß aber auch um die Risiken, die durch den verstärkten Einsatz von Agrartreibstoffen anstelle fossiler Brennstoffe für die Landbevölkerung der Exportländer entstehen: Großplantagen vertrieben Kleinbauer und versiegeln Flächen, die eigentlich dringend für den Anbau von Grundnahrungsmitteln benötigt werden. Doch mit Mais, Bohnen und Reis sind nur geringe Profite zu erzielen. In Guatemala - dem Land mit dem höchsten Bevölkerungswachstum Mittelamerikas - setzen großen Investoren auf riesige Ölpalmen- und Zuckerrohrplantagen. Aus diesen Pflanzen wird Biosprit hergestellt.
Theo.Logik
Anfangs haben die großen Agrarunternehmen die Ausbreitung der Ölpalmen und des Zuckerrohrs als wichtige Entwicklungsschritte gepriesen. Sie haben Fortschritt für die Region versprochen und Wohlstand für alle. Doch die meisten Landarbeiter glauben schon längst nicht mehr an diese Versprechen. Auch der Gewerkschaftsführer Esteban Hermelindo von der Landarbeiterbewegung CUC erwartet nicht, dass die Menschen auf dem Land vom Geschäft mit den Energiepflanzen profitieren werden.
"Das Ergebnis sind Vertreibungen der Landbevölkerung, Haftbefehle, Einschüchterungen durch die Armee, durch die Polizei. Wir werden wie Eindringlinge behandelt und als Terroristen bezeichnet. Diese Leute haben die Macht, aber wir formieren unseren Widerstand gegen die großen Unternehmen. Wir wollen, dass sie das Polochic-Tal verlassen, damit wir wieder Mais und Bohnen und Reis für unsere Familien anbauen können. Unsere Kinder sollen dreimal am Tag zu essen bekommen. Sie sollen Bildung bekommen und Gesundheitsversorgung."
Esteban Hermelindo
Scheinheilige Frömmigkeit
Beklagenswert an der Situation in Guatemala ist auch die Tatsache, dass die meisten Großgrundbesitzer dort gläubige Christen sind: Sie geben sich fromm, aber sie unterdrücken die verarmte Landbevölkerung und beuten ihre Arbeiter aus. Priester Marco Recinos nimmt kein Blatt vor den Mund, obwohl er schon einige Todesdrohungen bekommen hat.
"Es ist traurig, aber man muss eingestehen, dass es vor allem katholische Geschäftsleute waren, die in dieser Gegend die Bauernführer oder Gewerkschafter ermorden ließen. Sie unterdrücken diejenigen, die ein gerechteres System wollen. Die Täter sind Leute, die zur Messe gehen und die heilige Kommunion einnehmen."
Priester Marco Recinos aus der Gemeinde Tucurú
Solange Großgrundbesitzer die Politik diktieren, wird die verarmte Landbevölkerung Guatemalas weiterhin zu den Leidtragenden des Biosprit-Angebots an europäischen Tankstellen gehören. Dass von dieser Industrie auch eine breite Bevölkerungsschicht profitieren kann, zeigt das Beispiel Brasilien. In der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas fahren heute nahezu alle Autos ausschließlich mit Biosprit und von der enormen Nachfrage haben nicht nur große Konzerne etwas, sondern auch Kleinbauern und Kooperativen, die durch Regierungsprogramme unterstützt werden.

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