Bayern 2 - Evangelische Perspektiven

Alleinsein Entrümpelungskur für die Seele

Im Schnitt ist jeder Mensch ein Drittel seiner Zeit allein. Nicht jeder liebt diese einsamen Augenblicke - und flüchtet in Beziehungen und Beschäftigungen mit anderen. Dabei ist Alleinsein von Zeit zu Zeit sogar sehr wichtig.

Autor: Rita Homfeldt Stand: 12.01.2012
Mann im Abendrot an einem See | Bild: picture-alliance/dpa

Einsamkeit heißt, Menschen zu vermissen. Alleinsein heißt, sich selbst zu genügen, sagt der Jesuit Antoni Demelo. Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein ist ein gefühlter, erklärt die Psychologin Ursula Wagner.

"Ich kann einsam unter vielen Menschen sein, vielleicht, weil ich mich nicht in einer Gruppe von Gleichgesinnten befinde. Gleichzeitig kann ich alleine in der Wüste sitzen und mich mit der ganzen Welt verbunden fühlen."

Diplom-Psychologin Ursula Wagner

Ursula Wagner

Für viele Menschen klingt Alleinsein jedoch nach Einsamkeit und das macht ihnen Angst. Sie suchen lieber nach Zerstreuung und Ablenkung. Um dem Alleinsein zu entkommen, flüchten sie sich in eine Beziehung, so Wagner: "Viele unterliegen dem Irrtum, dass allein die Partnerschaft ihre Einsamkeit auslöschen wird. Aber die Einsamkeit, die man in einer Beziehung empfinden kann, ist häufig sogar schmerzhafter, als wenn man wirklich allein und einsam ist. Weil man dann merkt, dass man sich in der Gegenwart eines früher geliebten Menschen abgeschnitten fühlt." Beziehungen gelingen besser, wenn man die Möglichkeit hat, sich immer wieder mal zurückzuziehen.

Auch sonst ist ein zeitweises Alleinsein eine Art Entrümpelungskur für Seele und Persönlichkeit. Ein Rückzug in ein Kloster etwa oder eine Bergtour kann absolut erfrischend sein, reinigend und wohltuend. So ganz allein mit sich selbst hat man die Chance zu entdecken, was man im Leben noch machen möchte und kann lernen, wie man mit sich selber "befreundet" sein kann. Die Zurücknahme der sozialen Beziehungen, der Konzentration auf das Innere sei zwar extrem anstrengend, sagt der Münchner Philosoph Wilhelm Vossenkuhl. Gelingt es, erleben das viele als ein großes Glück.

Auf Dauer aber, glaubt Vossenkuhl, wird man alleine nicht glücklich - das hätten auch schon Hegel und andere große Philosophen beschrieben: "Der Mensch ist ein soziales Wesen, wir brauchen immer die Anerkennung anderer zum Glücklichsein. Wir müssen das überzeugte Gefühl haben, es kümmert sich wer um uns, es ist jemand an uns interessiert und schätzt uns."

Buchtipp:

Buchcover: "Die Kunst des Alleinseins"

Ursula Wagner hat sich in ihrem Buch "Die Kunst des Alleinseins" quer über alle Forschungsrichtungen wie Philosophie, Religion und Psychologie mit dem Thema Alleinsein auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluss: Das sich Wohlfühlen im Alleinsein ist im Menschen angelegt. Aber der Trieb sich mit anderen zu verbinden und zusammen zu sein, ist der stärkere."