Bayern 2 - Dossier Politik

Runter vom Narrenschiff Politische Kultur in Deutschland

Der Aschermittwoch hat eine lange Tradition, auch in der Politik, besonders in Bayern. Da treten die Großen auf und heizen ihren angestammten Wählern ein. Und die Presse berichtet artig. Manche halten das für politische Kultur. Dabei hat der bundesdeutsche Parlamentarismus noch mehr zu bieten – sollte er jedenfalls. Eine kleine Bestandsaufnahme

Autor: Lukas Hammerstein Stand: 22.02.2012

Franz Josef Strauß wusste noch, wie man richtig poltert in der Nibelungenhalle, grollend und böse und witzig. Alle versuchten es ihm nachzumachen.

Wirkte trotz moderner Technik irgendwie verloren: Edmund Stoiber auf der Bühne der neuen Dreiländerhalle in Passau.

Aber nicht nur, weil die Halle seit 2003 eine andere ist, sahen Stoiber oder Streibl eher wie Abziehbilder aus, ziemlich blass, wie verkleidet. Die Parteien machen sich ihren Reim auf die beginnende Fastenzeit – und poltern alle, was das Zeug hält. Wir schicken unseren schärfsten Beobachter los, auf dass er berichte, wie es 2012 gewesen sein wird, was los war, wer wo wie gut war. Um dann zu sagen, ob etwa Kultur in den Reden steckte.

Rituale gehören zur Politik wie zum richtigen Leben. Der Rücktritt des Bedrängten. Das Poltern zum Aschermittwoch. Die gepflegte Rede im Bundestag und in den Landtagen. Nur hört inzwischen kaum noch jemand zu. Das hat mindestens zwei schlechte Gründe. Erstens bewahren sich die Damen und Herren Mächtigen ihre besten Sätze und Statements für die Talkshow auf. Und zweitens hören wir Wähler schon lange nicht mehr richtig hin.

Hören sich selbst nicht zu: Gespräche und Telefonate während einer Rede eines Kollegen sind Alltag im Deutschen Bundestag, ...

Aus der Kultur des Parlamentarismus, seiner Rhetorik wie seiner Transparenz, ist ein Verhau geworden, eine offene Baustelle. Entscheidungen fallen im Hinterzimmer, der Lobbyist hat das Sagen, und der Bürger bleibt freiwillig der Dumme. Jedenfalls solange er noch keine rechte Wut hat.

Früher konnte man sich noch vorstellen, wie es sich wohl anfühlt, die Macht zu haben. Die Lust am Formulieren hörte man einem Barzel genau so an wie einem Brandt. Ärger und schlechte Laune wohnten der Stimme Herbert Wehners inne.

Volle Säle, volle Aufmerksamkeit: Als bisher ungeschlagen am Rednerpult gilt Franz-Josef Strauß - bis heute.

Die Freude am Polemisieren war bei Franz Josef Strauß mit Händen zu greifen. Aber wie ist das wohl heute. Was denkt sich der Hinterbänkler in Berlin. Wie ist das, wenn man als Kommunalpolitiker ein wenig Macht und noch mehr Ohnmacht hat? Und wo kommt das Misstrauen her, mit dem wir unseren Politikern begegnen, die so gar nichts Unheimliches mehr haben? Aus reicher Erfahrung? Weil uns die Medien alles Mögliche erzählen? Oder weil wir praktischerweise niemandem mehr trauen?

Die heutige Jugend! Jung, dynamisch und kritisch!

Die Piratenpartei ist der letzte Schrei in der Politik. Wilde junge Leute, die das Narrenschiff entern, damit das Politische endlich wieder Fahrt aufnehmen kann. Occupy ist auch nicht von schlechten Eltern, da strömen die jungen Leute gleich scharenweise wütend auf die Plätze, um alles zum Besseren zu wenden. Mehr Träume wagen. Es ist eben nicht so, dass die Jugend faul oder resigniert in den Hängematten ihrer Elternhäuser läge, nein, sie strömt zusammen und stoppt die Macht wie im Fall des ACTA-Abkommens. Politik wird gemacht!

Studiogast: Hans-Peter Bartels, SPD

Der gebürtige Düsseldorfer studierte Politik, Soziologie und Volkskunde in Kiel und ist seit 1998 direkt gewählter Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Er hat mehrere Bücher publiziert, darunter eine Kleine Verteidigung der Politik. Seit zwei Jahren ist Bartels Vorsitzender der Arbeitsgruppe Demokratie der SPD-Fraktion.

Die Themen im Einzelnen

  • Saft & Kraft. Zur politischen Rhetorik aus aktuellem Anlass (Rainer Volk)
  • Das Vertrauen der Wähler, die Würde des Amtes, die Macht der Medien. Essay (Peter Jungblut)
  • Ganz nah am Volk. Eine Reportage aus dem Kommunalen (Veronika Wagner)
  • Das Politische entern. Eine Reisereportage zu den Anfängen des Neuen (Achim Wendler)

Redaktion: Lukas Hammerstein, Rainer Volk
Moderation: Barbara Kostolnik

Dossier Politik, Mittwoch 22.02.2012, 21.03 Uhr, Bayern 2