Dicke Luft in Deutschland Energiewende gefährdet Umwelt- und Klimaschutz
Die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist so hoch wie noch nie seit Beginn des Industriezeitalters um 1750, hat die Meteorologiebehörde der UNO bekannt gemacht. Auch sei der Anstieg der Emissionen größer als prognostiziert. Der Weltklimagipfel in Durban in Südafrika vom 28.11. bis 10.12.2011 wird an der alarmierenden Lage gar nichts ändern.
Auch Deutschland, das sich lange Zeit als Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel verstand, kommt mehr und mehr vom Pfad der Tugend ab. Pläne, die Angela Merkel in der EU selbst angeschoben hatte, blockiert ihre eigene Regierung gegenwärtig. Besonders Wirtschaftsminister Rösler von der FDP tut sich als Bremser und Energieverschwender hervor.
Der frühere Vorsitzende der Ethikkommission für den Atomausstieg, Klaus Töpfer, sorgt sich bereits um das Gelingen der Energiewende. «Was passiert, reicht nicht», sagte der ehemalige CDU-Bundesumweltminister mit Blick auf Rösler. Der derzeitige Umweltminister Norbert Röttgen sei «der einzige im Bundeskabinett, der das Thema wirklich aktiv verfolgt und vorantreibt», lobt Töpfer.
Berlins Energiewende, der abrupte Ausstieg aus der plötzlich als gefährlich erachteten Kernkraft, gibt diverse Fragen auf, die überwiegend unbeantwortet bleiben, wirft zudem Schatten auf die nationale Energiesicherheit. Schon reiben sich die Bosse in Deutschlands Braunkohletagebau voller Vorfreude die Hände, erhoffen sie sich doch schon bald sehr gute Geschäfte.
Verschlechterung der deutschen CO2-Bilanz
Denn wenn fossil befeuerte Kraftwerke (Kohle, Erdgas, Öl) an die Stelle der 17 Atommeiler treten, die abgeschaltet werden, muss die CO2-Bilanz Deutschlands zwangsläufig schlechter ausfallen. Die schwarz-gelbe Koalition von Angela Merkel versagt aber beim Klimaschutz noch in anderer Hinsicht, - bei der so genannten energetischen Gebäudesanierung.
Ein entsprechendes Gesetz gilt als ganz wichtiger Baustein der Energiewende, weil damit die Sanierungsquote der Gebäude auf zwei Prozent jährlich verdoppelt werden soll und so viel Energie gespart werden könnte. Durch bessere Dämmung, durch energiesparende Heizungen und neue, wirkungsvollere Fenster soll der Energieverbrauch deutlich sinken. 40 Prozent aller Energie wird in Deutschland bisher in den Gebäuden verbraucht.
Ein geringerer Energieverbrauch ist demnach wichtig, um nicht nur den Atomausstieg zu meistern, sondern um klimaschädliche CO2-Emissionen zu mindern. Etwa ein Drittel dieser klimaschädlichen Emissionen entfällt hierzulande auf den Bereich Strom und Heizung von Gebäuden. Da die konservative Bundesregierung jedoch die Folgekosten des Energiesparens durch Steuervergünstigungen für Hausbesitzer ebenso ungeniert wie massiv den Bundesländern aufbürden will, hat der Bundesrat dem Gesetz bislang seine Zustimmung verweigert.
Erwartungen
N. Röttgen
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat in Durban von außereuropäischen Ländern mehr Einsatz zur Reduzierung von CO2-Emissionen gefordert. "Die Europäer und insbesondere Deutschland müssen bereit sein zu verpflichtenden Reduzierungen von CO2-Emissionen. Wir müssen aber auch die anderen ins Boot holen", sagte Röttgen im "Morgenmagazin" von ARD und ZDF. Man müsse eine realistische Einstellung haben und sich für die Bekämpfung des Klimawandels einsetzen, fügte der Minister hinzu. "Es ist es nicht realistisch, dass hier ein Abkommen unterzeichnet wird. Röttgen bewarb sich beim Klimagipfel für den Sitz des geplanten globalen Klimafonds. Als deutsche Anschubfinanzierung sicherte er zunächst 40 Millionen Euro zu. Der Fonds, dessen Gründung beim vergangenen Klimagipfel in Cancún beschlossen war, soll langfristig Gelder für Klimaschutz in armen Staaten bereitstellen. Institutionelle Struktur und Finanzierungsquellen sind indes noch nicht festgelegt.
X. Zhenhua
Xie Zhenhua
China weckte in der zweiten Verhandlungswoche Hoffnungen auf eine Bewegung in den Klimaverhandlungen. Doch schon kurz darauf sagte Verhandlungsführer Xie, wenn sich für die Zeit nach 2020 eine umweltintegre und allen Seiten gerecht werdende Lösung abzeichne, werde China "vielleicht" Teil dessen sein. Er bekräftigte seine Forderung nach einer zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls und verlangte vergleichbare Anstrengungen der Industrieländer zur Minderung des Treibhausgasausstoßes. Für Entwicklungsländer müssten freiwillige Regelungen gefunden werden.
O. Hohmeyer
Olav Hohmeyer
Klimaexperten, wie Olav Hohmeyer, bewerten die Aussichten der Konferenz von Durban skeptisch. Hohmeyer ist Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen. Seiner Ansicht nach ist kein wesentlicher Fortschritt zu erwarten, solange die USA verbindlichen Vorgaben für einen geringeren CO2-Ausstoß nicht zustimmen. Hohmeyer sagte im Hörfunksender Deutschlandradio Kultur, die USA blockierten durch ihre "Borniertheit" die Schwellenländer, die nicht in Vorleistung gehen könnten, solange sich der größte Pro-Kopf-Emittent der Welt um nichts kümmere.
J. Flasbarth
Jochen Flasbarth
"Die Vorstellung, dass kurz vor Weihnachten in Durban ein Nachfolgeabkommen verabschiedet wird, man im Prinzip unterschriftsfähig ist, die geht glaube ich an der Realität vorbei. Das wird so nicht kommen." Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, im Bayerischen Rundfunk
A. Merkel
Angela Merkel
Auch Bundeskanzlerin Merkel hat mittlerweile nur noch wenig Hoffnung. Sie warnt, die internationalen Verhandlungen könnten zu einer "riesigen Enttäuschung" werden. Denn um die Erderwärmung aufzuhalten, wäre eine viel stärkere CO2-Reduktion notwendig, als sie das Kyoto-Protokoll bislang gebracht hat. Merkel versichert aber zugleich, die EU bleibe bei der Verringerung der Treibhausgase auf Kurs. "Unsere Reduktionsziele liegen fest und wir werden sie nicht ändern", sagte sie.
H. Weiger
Hubert Weiger
Der Umweltschutzverband BUND hat Kritik an der Umwelt- und Energiepolitik der Bundesregierung geübt. Deutschland müsse endlich seinen Widerstand gegen EU-Energiesparziele aufgeben, verlangte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Statt den Kommissionsvorschlag zu verwässern, solle sich die Bundesregierung lieber dafür einsetzen, die Effizienzrichtlinie zu verbessern. Um bis 2020 das deutsche Ziel zu erreichen, den CO2-Ausstoß um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu verringern, seien noch umfangreiche gesetzliche Maßnahmen zum Energiesparen erforderlich. In Durban solle sich Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) zudem dafür einsetzen, dass das für die Industriestaaten geltende Kyoto-Abkommen zur Minderung der CO2-Emissionen mit einer zweiten Verpflichtungsperiode fortgesetzt wird.
A. Steiner
Achim Steiner
Der Chef des UN-Umweltprogramms UNEP Achim Steiner glaubt nicht mehr an die Rettung des Kyoto-Protokolls. "Wenn kein Wunder geschieht, wird es nicht verlängert", so Steiner im Spiegel-Interview. "Das ist sehr schade, denn es hat positiv gewirkt und CO2 zum Wirtschaftsfaktor gemacht. Nun muss etwas Neues geschaffen werden."
Streit auch in der Koalition und mit Brüssel
Streitauslöser ist der junge FDP-Chef Philipp Rösler. Er blockiert im Kabinett Merkel den Vorschlag des deutschen EU-Energiekommissars Günther Oettinger für eine Energieeffizienz-Richtlinie. Dieser Plan sieht vor, dass bis 2020 in der gesamten Europäischen Union 20 Prozent weniger Energie verbraucht wird.
Bezogen auf Deutschland bedeutet das: Die Bundesregierung muss sich verpflichten, den Energieverbrauch jährlich und verbindlich um 1,5 Prozent zu senken. Die Sprecherin von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte dazu dieser Tage: «Wir halten die 1,5 Prozent Einsparverpflichtung für essenziell.» Sie sei ein Kernpunkt der Richtlinie und ihr Minister halte daran fest.
Philipp Rösler hingegen wirft ausgerechnet dem konservativen EU-Kommissar aus Schwaben vor, sein Vorschlag zum Energiesparen sei nichts anderes als „Planwirtschaft“. Der Minister aus der wirtschaftsfreundlichen FDP gefährdet so aber die Einsparziele der EU insgesamt. Kein Wunder also, dass SPD, Grüne, aber auch Kirchen und Umweltverbände Rösler vorwerfen, mit seinem Blockadekurs Europas Energiewende zu torpedieren. SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber warnte bereits: "Deutschland wird zur politischen Lachnummer."
Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die deutsche Wirtschaft und die Verbraucher durch das 1,5-Prozent-Ziel der EU ihre Energiekosten bis 2020 um rund 14 Milliarden Euro mindern könnten. Und 20 klimaschädliche Kohlekraftwerke ließen sich sogar völlig einsparen.
Eingriffe in Umwelt und Natur
Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt keineswegs ohne Eingriffe in Umwelt und Natur voran. So genannte Stromleitungs-Autobahnen werden die Landschaft zerschneiden. Pumpspeicherkraftwerke können durchaus Baumassnahmen zu Lasten der Natur sein. Mehr Wasserkraft bedeutet womöglich Eingriffe in intakte Flusslandschaften.
Die Alternative wäre mehr dezentrale und kommunale Energieversorgung sowie die vermehrte Nutzung von kombinierten Strom- und Heizkraftwerken, auch Kraft-Wärme-Kopplung genannt. Sie lässt sich von und in Kommunen ebenso einsetzen wie bei privaten Hausbesitzern. Die politische Opposition und viele Verbände kritisieren, dass es der schwarz-gelben Koalition dafür aber an der nötigen Einsicht mangele.
Energiewende nur Stückwerk – Renaissance der Atomkraft?
Momentan ist ebenso unklar wie unsicher, ob nicht eines kalten Wintertages Lichter ausgehen und Maschinen stillstehen werden, weil es Deutschland an Strom mangelt. Die Berliner Energiewende ist bislang nur Stückwerk und schon droht – so befürchten manche - ein weiterer Ausstieg aus dem Ausstieg des Ausstiegs. Eventuell müssen vor allem in Süddeutschland Atommeiler länger am Netz bleiben. Mit allen Risiken.
Für Merkels Regierung wäre das dann jedoch ein einziger politischer GAU.
Studiogast: Wilfried Bommert, Wissenschaftsredakteur und Leiter der ersten Umweltredaktion im WDR-Hörfunk
Dr. Wilfried Bommert, im Bergischen Land nähe Köln geboren (Jahrgang 1950), studierte Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. 1977 wurde er dort promoviert und arbeitet seit 1979 als Fach-Journalist beim Westdeutschen Rundfunk. Als Leiter der ersten Umweltredaktion im WDR-Hörfunk beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Themen Welternährung und Weltbevölkerung. 2009 erschien sein Buch “Kein Brot für die Welt, die Zukunft der Welternährung“, in dem er das Spannungsfeld zwischen wachsender Nachfrage, schrumpfenden Ressourcen und zunehmenden Konflikten auf den Nahrungsmittelmärkten analysiert. Zur Zeit widmet er sich dem Aufbau eines "Instituts für Welternährung" in Berlin, das als gemeinnütziges Institut durch Analysen, Konzepte und öffentliche Kommunikation einen Beitrag zur Sicherung der Welternährung leisten soll. Für sein Engagement erkannte ihm die Kluge Stiftung der Universität zu Köln den "Human Award 2012" zu.
Die Themen im Einzelnen
- Merkels Energiewende – woher kommt künftig unser Strom? (Jörg Brandscheid)
- Lokaltermin Baierbrunn – wenn Umweltschützer Wasserkraft ablehnen (Johannes Mayer)
- Wie ein „Dachs“ entsteht – eine Schweinfurter Firma baut Blockheizkraftwerke (Norbert Steiche)
- Sparen als Alternative – Rundgang durch ein Niedrig-Energiehaus (Florian Hartmann)
- Rösler contra Röttgen: Energieverschwender gegen Energiesparer – eine Glosse (Barbara Kostolnik)
Redaktion: Ingo Lierheimer/Thomas Gerlach
Moderation: Ingo Lierheimer
Dossier Politik, 30.11.2011, 21.03 Uhr, Bayern 2

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