Zeruya Shalev "Für den Rest des Lebens"
Obsession und Ernüchterung, in eine vorwärtstreibende Sprache gebracht: Das macht die Romane von Zeruya Shalev aus. Bei ihr wird leidenschaftlich geliebt und gehasst - auch in ihrem neuen Buch, das nun auf Deutsch vorliegt. Ursula März hat es für den Diwan gelesen.
Shalevs wichtigstes Thema sind Familienverstrickungen und ihr schmerz- und lustvolles Aufbrechen. Bereits ihre früheren Bücher buchstabieren dieses Thema durch - insistierend, mutig, erbarmungslos: In "Liebesleben" gerät eine junge verheiratete Frau in eine wahnwitzige Beziehung zu einem alten Freund ihres Vaters, in "Mann und Frau" führt Shalev ihre Leser in die zermürbende Geschichte einer vom Scheitern bedrohten Ehe, deren Erstarrung sich in rätselhaften körperlichen Symptomen äußert. "Späte Familie" schließlich lässt die Hauptfigur aus einer Beziehung ausbrechen, in tiefe Zweifel geraten und in eine neue, eine "späte" Familie eintreten.
Aufbruch der Gefühle
Auch der neue Roman betrachtet einen Familienzusammenhang. Dina Horowitz ist Historikerin, ihr Bruder Avner Anwalt. Der Aufbruch, von dem Zeruya Shalev so oft erzählt, wird an diesen Figuren unter existenziellen Zeitdruck gesetzt. Sie finden sich in der Lebensmitte wieder und stellen sich die typischen Fragen der Midlife Crisis: Was fange ich an mit der Zeit, die mir noch bleibt? Was mache ich für den "Rest des Lebens"? Und die Antworten, die sie sich geben, kommen zunächst ebenso typisch daher: Avner, der Erfolgsmensch, verlässt seine Familie und verfällt einer geheimnisvollen Frau, in Dina, die bereits eine pubertierende Tochter hat, regt sich ein mächtiger Kinderwunsch. Weil sie zu alt ist, um selbst noch einmal Mutter zu werden, richtet sich all ihre Energie darauf, ein Kind zu adoptieren; ein Kind aus Russland.
Bei Zeruya Shalev werden solche Emotionen und Pläne zu Obsessionen, die bestehende Beziehungen ins Wanken bringen. Allerdings gibt die Autorin diesem Muster in ihrem neuen Buch eine besondere Wendung: Aus dem Neuanfang wird auch eine Rückkehr - vorübergehend ziehen Avner und Dina ebenso wieder ins Haus ihrer alten und kranken Mutter ein wie die Enkelin, Dinas Tochter.
Die Rückkehr der alten Kinder
"Was für eine seltsame Kindheit, sagt Dina und weicht zurück, als sie ihre Stimme in dem leeren, verglasten Zimmer hört, alles an diesem seltsamen Alter fühlt sich so an, als würde sie in den Wechseljahren wieder zum Kind, als der Körper noch schmal und verschlossen und die Seele noch nicht aufgewacht war. Sollten wir dorthin zurückkehren, fragt sie sich erstaunt, mit letzter Kraft, nach der ungeheuren Anstrengung, eine Familie zu gründen und für sie zu sorgen, nachdem unsere Kinder erwachsen, unsere Ehemänner alt und unsere Eltern gestorben sind, für den Rest unseres Lebens zu der unreifen, egoistischen und verschlossenen Existenz zurückkehren und schweigend die Wunden von Ehebrüchen, von Verlassensein, verbinden und aufbinden, verbinden und aufbinden?"
aus: Zeruya Shalev, "Für den Rest des Lebens", aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berlin Verlag
Im Rhythmus langer Satzreihen
In Chemda, der betagten Mutter, wird die Gleichzeitigkeit von Erinnerung, Sehnsüchten und Gegenwart, die Shalev im Bewusstsein ihrer Figuren anlegt, geradezu verkörpert. Die Personen wandern zwischen den Zeiten, der Text zwischen den Perspektiven. Dennoch werden Familienrollen letztlich nicht aufgebrochen, und die Familie selbst, so kompliziert es auch sein mag, in ihr zu leben, bleibt doch die Klammer, die alles zusammenhält - oder zusammenhalten soll. Das Buch endet mit Dinas Fahrt nach Sibirien, wo sie ihren Adoptivsohn abholen soll. Dort erreicht sie die Nachricht vom Tod der eigenen Mutter. Und Dina beschließt, das russische Kind nach der Verstorbenen zu nennen: Chemdat. Wo es keine Nähe durch Abstammung gibt, soll sie doch als Bedeutungszusammenhang hergestellt werden.
"Wenn ich schreibe, verfalle ich in eine Art träumerische Konzentration, es ist, als ob die Sätze aus einer verborgenen geheimnisvollen Quelle sprudelten. Schreiben ist eine Mischung aus Unbewusstem, Inspiration und einem gewissen Grad an Vorausplanen."
Zeruya Shalev 2006 gegenüber der ZEIT
"Für den Rest des Lebens" ist sofort als ein Shalev-Roman erkennbar: Wieder schreibt die Autorin dicht an den Personen, begibt sich ganz in deren Innensicht, erforscht mit immer neuen Wendungen ihre Gefühle bis in feinste Verästelungen hinein und zeigt die Welt so, wie sie ihnen erscheint. Das Vokabular ist klar und einfach, die Syntax vermeidet komplizierte Verschachtelungen. Der ausgeprägte Stil Shalevs, für den sie berühmt ist und von ihren Fans so geschätzt wird, ergibt sich vor allem durch ihre rhythmischen Satzkaskaden. Sie erzeugen eine spezielle Intensität, die auch dort erstaunlich lebensnah bleibt, wo die erzählte Geschichte übersteigert wird oder sich hochsymbolische Motive und Metaphern finden. Das ist sicher einer der Gründe für den internationalen Bestseller-Erfolg der Autorin Shalev.
Zur Person
Zeruya Shalev wurde 1959 im Kibbuz Kinneret geboren. Ihr Vater war einer der wichtigsten Literaturkritiker Israels, ihre Mutter Malerin. Nach ihrer Militärzeit studierte Shalev Bibelwissenschaften, arbeitete als Lektorin und schrieb Lyrik und Kurzprosa.
International bekannt wurde Zeruya Shalev mit ihrem Roman "Liebesleben", der in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Zusammen mit den beiden Folgebüchern bildet er laut Shalevs Verlag eine "Trilogie über die moderne Liebe". Die Schauspielerin Maria Schrader verfilmte "Liebesleben" in ihrer ersten Regiearbeit, Shalev übernahm eine kleine Rolle als Bibliothekarin. 2004 wurde Shalev in Jerusalem bei einem Selbstmorattentat schwer verletzt und konnte lange nicht arbeiten.
Werke:
"Liebesleben", Roman (2000)
"Mann und Frau", Roman (2001)
"Späte Familie", Roman (2005)
"Mamas liebster Junge", Kinderbuch (2006)
"Für den Rest des Lebens", Roman (2012)
Für den Diwan hat Ursula März den neuen Roman von Zeruya Shalev gelesen. Ihre Besprechung ist in der Sendung vom 28. Januar 2012 zu hören, 14.05 Uhr auf Bayern 2 (Wiederholung um 22.05 Uhr).

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