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"Die autoritäre Revolte" Volker Weiß untersucht die Neue Rechte und den Untergang des Abendlandes

In den USA ein Präsident mit autoritärer Agenda, in Österreich werden die Identitären lauter, in Dresden marschiert allwöchentlich die fremdenfeindliche Pegida. Wohin man blickt: Die radikale Rechte scheint auf dem Vormarsch zu sein. Was aber denken die Rechten von heute? Wo liegen ihre ideologischen und geisteswissenschaftlichen Wurzeln? Und wer sind ihre zentralen Protagonisten?

Von: Günter Kaindlstorfer

Stand: 09.03.2017

Volker Weiß | Bild: Annette Hauschild

Natürlich, es gibt sie noch, die stiernackigen Schläger mit Springerstiefeln, die neonazistische Parolen grölen und den rechten Arm mit biergetrübtem Blick zum Deutschen Gruß erheben. Aber: Im Rechtsextremismus 2.0 sind sie nicht mehr der dominierende Typ. Der Jung-Faschist von heute kommt eloquenter und smarter daher als der dumpfe Hooligan vergangener Tage.

"Man setzt weniger als die alte Rechte auf dieses martialische Auftreten, was auch inhaltliche Gründe hat. Man will sich möglich weit von allen Konnotationen der alten Rechten, vor allem vom Nationalsozialismus, entfernt halten."

Volker Weiß im Diwan

Provokant und frech im Auftritt

Ein gutes Beispiel für die neue Strategie der radikalen Rechten ist die "Identitäre Bewegung". Ob die Street-Fighting-Men der "Identitären" mit gelben Fahnen und islamfeindlichen Transparenten durch deutsche Innenstädte marschieren oder in Global-2000-Manier provokante Banner über dem Brandenburger Tor entrollen: Die rechten Revoluzzer von heute versuchen, rechtsextremem Denken und Handeln einen schicken, rebellischen Anstrich zu geben. "Nicht spießbürgerlich angepasst und demütig, sondern provokant und offensiv werden die Inhalte vorgebracht."

"Selbst subkulturelle Formen, einst Ausweis des linken Protestes gegen das Establishment, sind willkommen. Die Rechten scheinen von den Linken gelernt zu haben und bieten sich als ,neue 68er’ an. Doch unter der dünnen Oberfläche ihres poppigen Protestes finden sich die alten Inhalte, und ein genauerer Blick zeigt, dass auch das provokante Vorgehen keineswegs neu ist."

Volker Weiß in Die autoritäre Revolte

Die Ideen, Quellen und Ziele sind die alten

Inhaltlich unterscheiden sich alte und neue Rechte weniger, als es die Neue Rechte Glauben machen möchte. Volker Weiß arbeitet in seinem Buch auf eindrucksvolle Weise heraus, aus welchen intellektuellen Quellen sich das rechtsradikale Denken des Jahres 2017 speist. Neben Heidegger, Carl Schmitt und anderen „usual suspects“ sind es vor allem die Repräsentanten der sogenannten Konservativen Revolution, auf die sich die artikulationsfähigeren Vertreter der Neuen Rechten beziehen. „Konservative Revolution“: Unter diesem Schlagwort fasste der Schweizer Neofaschist Armin Mohler nach dem Zweiten Weltkrieg eine einflussreiche Gruppe republikfeindlicher Intellektueller der zwanziger und dreißiger Jahre zusammen, Autoren wie Oswald Spengler, Othmar Spann und die Gebrüder Jünger, die auf die Herausforderungen der Moderne mit dezidiert antiliberalen, antidemokratischen und antiegalitären Konzepten geantwortet hatten. Inhaltlich hat sich im Denken der Rechten seit den Tagen des alten intellektuellen Faschismus wenig geändert:

"Das zentrale Element im Menschenbild der Neuen Rechten ist das Bild der Ungleichheit. Man geht nicht nur davon aus, dass die Menschen verschieden sind – selbstverständlich sind Menschen verschieden –, sondern, dass sie tatsächlich auch nicht mit gleichen Rechten versehen sind. Die Ungleichheit ist ein zentraler Gedanke der Neuen Rechten, die ja elitär denkt. Sie geht davon aus, dass es Führung und letztendlich auch Gefolgschaft gibt."

Volker Weiß im Diwan

Die "Metapolitik" des Franzosen Alain de Benoist

Eine prominente Rolle in Volker Weiß’ Studie kommt dem zentralen Theoretiker des neuen Rechtsradikalismus zu: dem Franzosen Alain de Benoist:

"Die Nouvelle Droite, also die französische Form der Neuen Rechten, war eine intellektuelle Bewegung, die sich aus kleinen neofaschistischen Organisationen herauskristallisiert und wesentliche strategische Impulse entwickelt hat. Zum Beispiel das Konzept der „Metapolitik“, das Alain de Benoist, ein zentraler Theoretiker, von der Linken übernommen und auf rechts gewendet hat. Man versucht auch dort Einfluss zu nehmen auf breitere Bewegungen. Aber ähnlich wie in der deutschen Neuen Rechten, ist die Strategie eigentlich immer, mehr die Entscheidungsträger zu beeinflussen, weil man an eine elitäre Gesellschaftsordnung glaubt. Es reicht, wenn man die oberen fünf Prozent beeinflusst, der Rest folgt dann von alleine. Das ist die Ideologie. Deswegen legt die neue Rechte in Frankreich und Deutschland sehr stark Wert auf Beeinflussung der akademischen Führungsschichten und versucht sich mit Studentenverbindungen zusammen zu tun, Allianzen zu bilden. Man findet viele Kader der neuen Rechten, die auch eine Vergangenheit in Studentenverbindungen haben."

Volker Weiß im Diwan

Wer sind nun aber die zentralen Feindbilder der Neuen Rechten? Neben Gender-Mainstreaming-Beauftragten, Multikulturalisten, Anhängerinnen der Political Correctness und Linken aller Art sind es im Grunde genommen die Prinzipien der relativistischen Moderne in ihrer Gesamtheit. Anders gesagt: die offene, pluralistische Gesellschaft, wie Karl Popper sie konzipiert und beschrieben hat. Ein Rechtsradikaler, der seine Agenda ernst nimmt, wird mit dem Pluralismus der westlichen Moderne nichts anfangen können. Konstitutiv für die Neue Rechte ist zudem – auch das ein Erbteil der ALTEN Rechten – ein radikaler Kulturpessimismus:

Kulturpessimismus: die neue alte Haltung der Rechten

Stephen Bannon, das apokalypse-verliebte Mastermind hinter Donald Trump, wird das mit Sicherheit auch so sehen. Volker Weiß, einer der profundesten Kenner der rechtsradikalen Szene, hat ein informatives, erhellendes und zutiefst beunruhigendes Buch geschrieben. Ein aufwühlendes Buch. Eines der Bücher der Stunde.

Diwan

Volker Weiß: "Die autoritäre Revolte - Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes", 304 Seiten, Klett-Cotta
Günter Kaindlstorfer hat das Buch für den Diwan gelesen.
Samstag 11. März, 14:05 Uhr auf Bayern 2.


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