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Der neue Kapielski "Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen"

Kapielski ist Kapielski. Auch in seinem neuen Buch bringt der Berliner Schriftsteller, Künstler und bekennende Biertrinker, der sich einmal den "armen Mann von Charlottenburg" nannte, seine höchst persönliche Sicht der Dinge zu Papier. Sprachbewusst, komisch, böse.

Stand: 26.06.2012
Thomas Kapielski | Bild: picture-alliance/dpa

"Kunst ist schlimmer als Heimweh", schrieb Thomas Kapielski in seinem 2009 erschienenen Buch "Mischwald". Kunst allerdings ist bei ihm eigentlich überall - oder nirgends: Sein Thema ist das Leben, sein Gestus kunstvoll antikünstlerisch. Kapielskis Texte sammeln mit ausgeprägtem Sinn fürs Anekdotische und Pointierte Gedanken und Erlebnisse zu einem eigenen Kosmos der Weltdeutung zusammen. Die Verbindungen sind lose und assoziativ, die Erkenntnisse obskur oder heiter, tiefschürfend oder banal.

Der unbedingt subjektive Blick

Kapielski schrieb zunächst nahe an der Umgangssprache, und noch immer berlinert es in seinen Texten gelegentlich, obwohl diese inzwischen einen ironisch gebrochenen, altertümlich anmutenden Ton anschlagen. Mal schreibt sich Kapielski in einen Furor über die modernen Zeiten und ihre Menschen: "Nichts machen sie mehr schön!", heißt es dann, und weiter: "Das Sprechen gellt und belfert." Dann wieder sucht er das "Eigentliche" in "Milde und Sanftmut, die Luther Lindigkeit nennt". Das Ich des Buches reist durch die Republik, wundert sich in Hamburg darüber, dass "jedweder" am Ufer der Alster entlangkeucht, bekommt es am Stuttgarter Bahnhof mit einem "Bataillon Württembergischer Streuobstgrenadiere" auf der einen und "etlichen Söldnern" auf der anderen Seite des umkämpften Gebiets zu tun, "welche mit Wasser scharf" schießen. In München wird es von einem "hinterlistigen Kaffeetremor" befallen - "ein Bio-Tremor war's" - und lässt sich im Zug nach Frankfurt "irgendwie ganz jeck und schepp" davon betören, dass eine Frau "vollauf fidel einen Strunk rohen Blumenkohls" isst.

Worte und Zeiten

"Ich muß keiner Generation angehören! Gar nicht! - Wenn diese meinen Stil für veraltet hält, weil ich verschlafene Worte wecke, dann habe ich es geschafft. Überdies erzwingt eine entzweite Welt das Ende des Unverblümten. Gewohnheitsmensch zu sein, rechne ich mir als Tugend und Lebensgeschick an. Das Leben ist mir unwichtig, aber es begeistert mich beinahe alles an ihm. [...] Festigkeit erlangt, wer sich Geschmack anbildet und windfühlig bleibt. Wer Zeiten als Winde verachtet, vermag dennoch nicht, ihre Wirkmacht abzuerkennen. Windverächter und Wetterverschmäher freveln und ziehen Ungewitter auf sich!"

aus: Thomas Kapielski, "Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen", Suhrkamp Verlag 2012

Sprachspiele

Kapielski pflegt eine sehr eigene Lust an Sprachspiel, Wortgeschichte und Wortschöpfung. Er unterwirft seiner Methode der assoziativen Analyse Gott und die Welt, zitiert die Bibel, Pindar, Aristoteles, Kleist, Kant und wiederholt Jean Paul. Sein Text findet seinen Weg zwischen Kulturgut und Kalauer, lässt Worte in neuen Rollen auftreten. Substantive als Verben oder Adjektive zum Beispiel: Der Sohn "austert" dann "wieder so vermiesmuschelt und vierzehnjährig auf dem häuslichen Parkett umher", das Bahndesign "albdrückt". Die Sprache soll die Unterschiede exakt markieren: Das "Verflusen" zum Beispiel ist keinesfalls mit dem "Verspröden" zu verwechseln. Manchmal macht die Bedeutungsstiftung aus subjektiver Beobachtung, die Kapielski durchexerziert, allerdings auch Pause. Dann, so schreibt er, sitze er "in Heiterkeit" nur so da und lasse den Dingen ihren Lauf. Und: "Dann winken sie mir heimlich!"

Kapielski ist Kapielski

Thomas Kapielski, geboren 1951, war lange so etwas wie eine Institution im West-Berliner Milieu: In den 70er- und 80er-Jahren kannte ihn die Szene als Objektkünstler, Fotografen, Autor und Aktionisten, als einen anti-intellektuellen Intellektuellen, Kneipenphilosophen und Kleinbühnenliteraten.

Der Literaturbetrieb jenseits der Stadt wurde auf den sperrigen Schreiber mit dem speziellen Humor aufmerksam, als dieser ihm 1999 bei einem denkwürdigen Auftritt beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb den Spiegel vorhielt: Der vom Autor Kapielski vorgetragene Text erzählte von einem Autor namens Kapielski, der sich damit herumquält, auftreten zu müssen - wenn auch nicht bei einem Lesewettbewerb, sondern in einer Talkshow. Die Darbietung stieß auf beinahe einhellig positive Resonanz bei der Jury, einen Preis bekam Kapielski dennoch nicht. Doch von nun an war er Kennern auch außerhalb von Berlin ein Begriff. Das Kunst und Leben verzwirbelnde Schreiben, mit dem er damals am Wörthersee auffiel, pflegt der Autor noch immer. Und sein Verlag erklärt ihn ebenfalls mit ihm selbst. In der Ankündigung zu "Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen" heißt es, deutlich verkürzt zitiert: "Kapielski ist Kapielski ist Kapielski ist Kapielski. Und der neue Kapielski ist der neue Kapielski ist der neue Kapielski ist der neue Kapielski."

Werke - eine Auswahl

  • "Aqua Botulus", Roman (1992)
  • "Leid light", Texte (1993)
  • "Der Einzige und sein Offenbarungseid. Verlust der Mittel" (1994)
  • "Nach Einbruch der Nüchternheit", Werkkatalog 1979-1996
  • "Davor kommt noch. Gottesbeweise IX-XIII" (1998)
  • "Danach war schon. Gottesbeweise I-VIII" (1999)
  • "Sozialmanierismus. Je dickens destojewski" (2001)
  • "Weltgunst. Denkwürdigkeiten 2002 bis Sommer 2004" (2004)
  • "Ortskunde. Eine kleine Geosophie" (2009)
  • "Mischwald" (2009)

2010 wurde Thomas Kapielski mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet, 2011 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

Für den Diwan hat Knut Cordsen mit Thomas Kapielski über sein neues Buch "Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen" gesprochen. Samstag, 30. Juni 2012, 14.05 Uhr (Wiederholung um 22.05 Uhr) auf Bayern 2.


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