Bayern 2 - Diwan

Der neue T.C. Boyle "Wenn das Schlachten vorbei ist"

Ein Öko-Roman mit ausdrücklichem Titel: Das neue Buch von T.C. Boyle stellt ein paar Grundsatzfragen zu unserem Naturverhältnis. Auf einer Insel vor Kalifornien bekriegen sich nicht nur Ratten und Singvögel, sondern auch Umweltaktivisten.

Stand: 09.02.2012
T.C. Boyle | Bild: Annette Pohnert / Carl Hanser Verlag

Der Mensch und seine kreatürliche Seite, der Mensch und die Natur - dieses Thema lässt T.C. Boyle nicht los. Er inszeniert es in unterschiedlichen Genres und mit unterschiedlichen literarischen Helden, mal als ironisch-pathetisches Romanporträt eines alternativen Lebensmodells, mal als Kampf um Naturräume und Macht, mal ganz an der individuellen Existenz.

In "Drop City", erschienen 2003, schickt Boyle eine Hippie-Kommune vom sonnigen Kalifornien in die Grenzerfahrung Alaskas, in seinem Story-Band "Zähne und Klauen" bekommen es die Protagonisten dort mit wilden Tieren zu tun, wo sie es nicht vermuten. Auch der zuletzt auf Deutsch erschienene Roman "Das wilde Kind" (2010), der von einem "Wolfskind" aus südfranzösischen Wäldern erzählt, geht der Frage nach, was den Menschen als Naturwesen eigentlich ausmacht.

Das Krisenbewusstsein und die Anwälte der Natur

Dass das Naturverhältnis des postmodernen Menschen vor allem im Bewusstsein einer ökologischen Krise liegt, ist ein Umstand, den T.C. Boyle gerne ausbeutet. Wo der Mensch zum Kämpfer für die Natur wird, seziert Boyle seine Absichten und Aktionen - kühl und zugleich mit leicht schräger Fantasie. Einen militanten Umweltschützer machte er schon 2000 zur Hauptfigur eines Romans: "Ein Freund der Erde", angesiedelt im Jahr 2025, erzählt von einer Gruppe von Öko-Aktivisten. Der Schauplatz ist ein vom Klimawandel gefährlich veränderter Planet, Boyles Vision eine beißende Antiutopie. Seine literarische Verve schreibt ebenso gegen die Zerstörung der Natur an wie gegen ihre Romantisierung.

Was ist der schützenswerte Naturzustand?

In seinem neuen Buch macht Boyle die Kluft zwischen Fraktionen unter den Naturschützern selbst auf: Tierrechtler treffen auf Regenerationsökologen. Dave LaJoy ist radikaler Tierschützer, Alma Boyd Takesue Biologin. Der eine lehnt es ab, dass zur Erhaltung einer seltenen Vogelart Ratten getötet werden, die andere will, in staatlichem Auftrag und mit viel Steuergeld, genau das durchsetzen, um ein gestörtes ökologisches Gleichgewicht zu sanieren. Der Kampf zwischen beiden Parteien wird erbittert geführt - und Boyle setzt ihn zusammen mit den tödlichen Kämpfen unter den Tieren in Szene.

"'Diese Ratten sind schon seit zweihundertfünfzig Jahren auf der Insel!', ruft LaJoy und schiebt sich weiter in die Mitte, um ihnen auszuweichen. 'Welche Welt wollen Sie wiederherstellen? Die von vor hundert Jahren? Tausend? Zehntausend? Warum' - er steht jetzt im anderen Seitengang und wendet sich an das Publikum - 'nicht gleich einen Zwergmammut klonen und auf der Insel aussetzen, wie in Jurassic Park?'"

aus: T. Coraghessan Boyle, Wenn das Schlachten vorbei ist, aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Carl Hanser Verlag

Die Santa-Barbara-Inseln sind ein Ökosystem, in das der Mensch längst eingegriffen hat, indem er sie für die Schaf- und Schweinezucht nutzte und Ratten einschleppte. Auch von dieser alten Geschichte erzählt "Wenn das Schlachten vorbei ist" - und lässt sie in die Widersprüchlichkeiten vieler guter Absichten von heute münden.

T.C. Boyle ist Kult und hat eine große und enthusiastische Fangemeinde, die jedes neue Buch mit Spannung erwartet. Was seinen Produktionsrhythmus betrifft, enttäuscht der Autor seine Anhänger nie: Boyle ist ein Vielschreiber. Und was er schreibt, ist eindringlich, griffig, böse - Boyle eben.

Der Punk als Autor

T. Coraghessan Boyle 2004

T. Coraghessan Boyle wurde 1948 als Sohn irischer Einwanderer im Staat New York geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war Alkoholiker, Boyle selbst nach eigenen Angaben in seiner Jugend ein Herumtreiber, Gelegenheitsfixer und Punk. Seinen Schulabschluss schaffte er nur mit Mühe, ging aber dennoch ans College und entdeckte dort seine Leidenschaft für die Literatur. Boyle arbeitete als Lehrer an seiner alten Schule - und bekam es noch einmal mit der sozial schwierigen Situation dort zu tun, mit Drogen und Gewalt.

Hätte ihn das Schreiben nicht davor bewahrt, wäre er selbst zum Süchtigen geworden, hat er später gesagt. 1979 veröffentlichte Boyle eine Kurzgeschichtensammlung unter dem Titel "Descent of Man" (deutsch: "Tod durch Ertrinken"), die er anstelle einer Dissertation an der Universität einreichte. Nun war der Punk Doktor der Literatur. Er bekam Preise, ein Stipendium und einen Lehrauftrag. Und er schrieb weiter.

Werke - eine Auswahl:

  • "Wassermusik", Roman (1982)
  • "Grün ist die Hoffnung", Roman (1984)
  • "Greasy Lake", Kurzgeschichten (1985)
  • "World's End", Roman (1987)
  • "The Road to Wellville", Roman (1993)
  • "The Tortilla Curtain", Roman (1995), deutsch: "América"
  • "Riven Rock", Roman, (1998)
  • "Ein Freund der Erde", Roman (2000)
  • "Drop City", Roman (2003)
  • "Dr. Sex", Roman (2004)
  • "Talk Talk", Roman (2006)
  • "Die Frauen", Roman (2009)

Für den Diwan hat Eberhard Falcke den neuen Roman von T.C. Boyle gelesen. Seine Besprechung ist in der Sendung am Samstag, 11. Februar 2012 ab 14.05 Uhr auf Bayern 2 zu hören (Wiederholung um 22.05 Uhr).