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"Sieben Nächte" Simon Strauß' literarisches Manifest der Verzweiflung

Simon Strauß, Jahrgang 88, schreibt gegen die Angst an, dreißig zu werden und sich festlegen zu müssen: auf eine Frau, einen Beruf, ein Leben. Der Theaterkritiker (FAZ) und Sohn von Botho Strauß hat ein fulminantes Debüt vorgelegt.

Von: Knut Cordsen

Stand: 18.07.2017

Buchcover: Simon Strauss - Sieben Nächte | Bild: Blumenbar, Montage BR

Ein radikal subjektives und doch allgemein gültiges Manifest, ein poetisches Pamphlet, eine Anklage- und Kampfschrift ist „Sieben Nächte“ - über das Ungenügen an sich selbst und an der eigenen Generation.

"Ich bin einer, der selbst in der ätzendsten Selbstkritik selbstgefällig bleibt, selbstverliebt, selbstgenügsam. Ich gefalle mir sehr in der Rolle des Gegeißelten, der mit sich abrechnet, ohne sich je wirklich zu befragen, vor allem: wirklich etwas zu verändern. Viele große Worte führe ich im Mund, spreche von Revolution, Freiheit, Leidenschaft und Streit. Aber immer halte ich Distanz und fasse die Begriffe nur mit spitzen Fingern an, so, dass ich sie fallen lassen kann, wenn sie zu heiß werden."

Aus: Sieben Nächte von Simon Strauß

Eine Jugend ohne Pathos

Eine starke Mixtur, mit dem Furor der Jugend geschrieben. Die Krankheit der Jugend von heute, um Ferdinand Bruckner und Joachim Lottmann dieses eine Mal zu verschmelzen, erkennt der Endzwanziger Strauß in ihrer Mut- und Wutlosigkeit. Man sei sich selbst genug und vereinzele im Netz, das nur Gemeinschaft suggeriere, aber nicht wirklich herstellen könne, so die Diagnose. Der Tenor ist: Tinderaccount und Netflixabo – das kann doch nicht alles gewesen sein. Der 1988 geborene Strauß fragt „Woher kommt dieses dumpfe, wehleidige Gefühl, zu spät geboren zu sein, in Zeiten zu leben ohne Arien und Rausch?“. Wo bleiben „Zorneslust“ und Pathos?

"Es ist ein Buch, das sich in vieler Hinsicht als eine Geste darstellt. Es argumentiert nicht durchgehend, es erzählt nicht durchgehend, sondern es befragt und unterbricht sich permanent selber; es ist ein sehr intuitiv geschriebener Text, der in der Tat sozusagen das Schreiben bei Nacht, das etwas Unklare, das auch Emphatische hervorhebt, und explizit eben kein Roman, sondern eine Mischung aus Essay und Erzählung."

Simon Strauß

Ferne Anklänge an den Vater

Simon Strauß formuliert ein vages Gefühl, das in dieser Schärfe bisher noch nicht in Worte gefasst worden ist. Der kulturkritische Gestus erinnert von ferne an seinen Vater, den Dramatiker und Essayisten Botho Strauß, aber aufschlussreich ist eben, dass in „Sieben Nächte“ einer nicht etwa als Vatermörder auftritt, sondern nur feststellen kann, dass die „Vormütter und Vorväter“ vorweggenommen haben, was er selbst gern getan hätte, weshalb er jetzt daran irre wird, den Feind nicht mehr verorten zu können.

"Im Erotischen, im Politischen, im Moralischen, also in allen möglichen gesellschaftlichen Sphären sind ganz viele Mauern schon heruntergerissen, und deswegen ist das Pathos sich sehr schwer zu holen. Wenn schon die Generation der Eltern oder sogar jetzt schon Großeltern all das in gewisser Weise schon mit einer Leidenschaft vertreten haben, für das man selber gerne kämpfen würde. Und deshalb die Arien und der Rausch, der heute etwas weniger geworden ist. Und wenn man so zurückschaut auf die natürlich auch nur idealisierten  Revolutionen der Gesellschaft, dann überkommt einen ein gewisser Neid, weil man sagt, da war noch viel da, was man auch zu recht kaputt machen wollte. Das gibt’s heute eben weniger."

Simon Strauß

Mit Ironie gegen die Verzweiflung

Wer oder was ist es denn, gegen den oder das sich aufzulehnen lohnte? Das Hadern des Erzählers mit sich selbst und seiner Zeit, sein Leiden daran, dass den Unter-Dreißigjährigen nur allzu oft „das Herz krumm wird“, sie sich zu rasch und willfährig den Verhältnissen fügen, sollte unser aller Verzweiflung sein. Aber gegen diese Verzweiflung wehren wir uns verlässlich mit einem „Panzer aus Ironie“.

"Ja, der Ironie-Panzer und vor allem, wie ich ja immer sagen würde, die Steigerung der Ironie, die man ja auch romantisch verstehen könnte, aber sonst ist für mich die Steigerung der Ironie der Zynismus, das Lässig-Sein. Das Nichts-an-sich-Herankommen-Lassen. Das ist schon die dominierende Geisteshaltung in einer Sphäre, in der ich mich immer aufgehalten habe, des universitären oder auch des medialen Spektrums, und da ist eben Pathos auch vollständig unerwünscht. Und auch im Medialen - in der Hinsicht treffen sich die beiden Sphären -, ist natürlich das leicht überhebliche Kritisieren immer der einfachere Gestus des Schreibens als sich für etwas auszusprechen, einen wirklichen Entwurf zu machen und sich verletzlich zu machen. Pathos hat immer was mit Verletzlichkeit zu tun."

 Simon Strauß             

Diwan-Gespräch

Simon Strauß: "Sieben Nächte", Blumenbar, 144 Seiten, 16 Euro

Knut Cordsen hat mit Simon Strauß über sein beeidruckendes Debüt gesprochen.
Samstag 22. Juli, 14:05 Uhr auf Bayern 2
(Wiederholung 21:03 Uhr)


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