Briefe des jungen Beckett "Weitermachen ist mehr, als ich tun kann"
Samuel Beckett, der Schweigsame, hat in seinem Leben Zehntausende Briefe geschrieben - an Freunde, Verleger, später auch an Bewunderer. Nun liegt der erste Band eines außergewöhnlichen Editionsprojekts in deutscher Übersetzung vor.
Ein dichter Prosastil, intensiv, anspielungsreich, aber nie geschwätzig, mal böse, mal spöttisch, mal derb, mit einem speziellen Sinn für die traurigen Grotesken des Scheiterns: Der Ton Samuel Becketts ist auch in seinen Briefen wiederzuerkennen. Der vielsprachige Beckett schreibt auf Englisch und Französisch, manchmal auch auf Deutsch, streut Lateinisches ein, erklärt seinem Freund und Förderer James Joyce altgriechische Wörter, setzt viel- und manchmal sehr eindeutige Verse ein.
Selbstporträt des Dichters als junger Mann
Der nun auf Deutsch unter dem Titel "Weitermachen ist mehr, als ich tun kann" erschienene Band ist der erste einer auf vier Teile ausgelegten Edition. Er versammelt Briefe aus den Jahren 1929-1940. In dieser Zeit ist Beckett (1906 -1989) als Schriftsteller noch unbekannt. Er wird von Krisen und Zweifeln geplagt, rechnet stets damit, zu scheitern, macht dennoch weiter.
Klassiker der Moderne
Immer wieder muss Beckett Absagen von Verlagen hinnehmen, denen er seinen frühen Roman "Murphy" vorgelegt hat, 1929 schreibt er: "Ich möchte das verdammte Ding gern loswerden, egal wie, egal wo, aber mit den literarischen Mülleimern, die nicht so zimperlich sind, habe ich keine Erfahrung." Soll er seine Publikationspläne aufgeben und sich nur in einem engeren Kreis von Freunden mit seiner Arbeit bekanntmachen? Beckett denkt ernsthaft darüber nach, reicht dann aber doch wieder das Manuskript ein, wartet, und ist - womit man für den kompromisslosen Autor vielleicht nicht rechnet - sogar bereit, Kürzungen und Änderungen vorzunehmen. Ende 1937 schließlich findet er einen Verleger - und schreibt an einen Freund: "Dass es angenommen wurde, berührt mich jetzt noch weniger als die Ablehnungen zuvor." Beckett ist ruhelos in diesen frühen Jahren, lebt in Paris, London, Dublin und unternimmt viele Reisen.
Beckett in Deutschland
"Die Reise erweist sich als Debakel. Deutschland ist gräßlich. Das Geld ist knapp. Ich bin ständig müde. Alle modernen Bilder sind in den Kellern. Ich notiere alles, wie es kommt, habe aber seit meiner Abreise nichts Zusammenhängendes geschrieben, auch nichts Unzusammenhängendes. Und nicht das Gespenst eines Buchanfangs. Das körperliche Elend ist trivial im Vergleich zum intellektuellen. Es ist mir egal & ich weiß nicht, ob beides verbunden ist oder nicht. Es reicht schon, daß ich mir nichts Schlimmeres vorstellen kann als den geistigen Marasmus, in dem ich seit Monaten herumwanke und schmore. Es erweist sich tatsächlich als Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin, was ich schon wußte, bevor ich sie antrat."
Beckett am 13. Dezember 1937 aus Berlin
aus: Samuel Beckett, "Weitermachen ist mehr, als ich tun kann", Briefe 1929-1940, herausgegeben von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn und Lois More Overbeck, ins Deutsche übersetzt von Chris Hirte, Suhrkamp Verlag 2013
Bewerbungen, Brotjobs, Projekte
Um über die Runden zu kommen, nimmt Beckett Übersetzungsaufträge an - und weist sie auch ab, wenn sie ihm nicht interessant erscheinen: "Ringelnatz ist meiner Ansicht nach nicht der Mühe wert." Er schreibt Rezensionen, korrigiert Fahnen für Joyce, der die Geldsumme der Bezahlung mit "einem alten Mantel und 5 Krawatten" aufstockt, er arbeitet als Sprachlehrer, bekommt eine Stelle als Gutsverwalter angeboten, bewirbt sich als Italienischlehrer in Kapstadt. Fast schon rührend liest sich aus heutiger Sicht die positive Referenz eines Professors des Trinity College in Dublin für diese Bewerbung: "Ohne Übertreibung darf ich behaupten, dass er neben umfassender akademischer Kenntnis der italienischen, französischen und deutschen Sprache auch über bemerkenswerte kreative Fähigkeiten verfügt."
Beckett entblößt, präsentiert, offenbart sich in seinen Briefen, gelegentlich wütet er, selten theoretisiert er, noch seltener rechtfertigt er sich. Aber da er von Anfang an – und nicht nur dank Joyces Einfluß – jedem instrumentalistischen Sprachverständnis abhold ist, tun die Briefe dies als Entäußerungen eines Schriftstellers, als Akte des Schreibens."
Herausgeber Dan Gunn in der Einführung zum Briefband
Der junge Beckett braucht Gelegenheiten, Geld zu verdienen, und er ringt um eine Existenz für die Kunst. In seinen Briefen zeigt er sich als kundiger Museumsbesucher, setzt sich intensiv mit Malerei auseinander, etwa mit Cézanne und besonders mit dem irischen Künstler Jack Yeats. Auch seine Lektüreliste ist beeindruckend, sie reicht von Ariost und Aristoteles über Diderot, Kant, Keats, Leibniz, Rousseau und Schopenhauer bis zu Stendhal, Sterne und Tasso. In Literatur und Kunst ist hier ein junger Mann auf der Suche nach neuen Formen - ein empfänglicher Einzelgänger, sensibel und verletzlich, ernsthaft noch in seinem Spott, schwankend zwischen großen Plänen und tiefer Depression. Briefe als Botschaften an andere: In ihnen wird auch die grundsätzliche Spannung zwischen Becketts Zurückgezogenheit und seinem Hunger nach Austausch deutlich. Manchmal leidet er unter seiner Einsamkeit, manchmal sehnt er sich nach ihr, ist zugleich aber ein sehr zugewandter, anteilnehmender Briefpartner.
Eine editorische Großtat
Zeit seines Lebens blieb Beckett in der Erledigung seiner Post ausgesprochen gewissenhaft. Meistens reagierte er rasch, beantwortete Briefe bis auf wenige Ausnahmen selbst und per Hand. In den 60 Jahren zwischen 1929 und 1989 entstanden so mehr als 15.000 Briefe. 1985 gab Beckett die Zustimmung zur Veröffentlichung - und die komplizierte Arbeit der Editoren konnte beginnen. Die Originale in Becketts gefürchteter Handschrift mussten transkribiert, Briefpartner ausfindig gemacht, Hintergrundinformationen nachrecherchiert werden. Die vier Bände der geplanten Ausgabe werden 2.500 Briefe vollständig wiedergeben und aus weiteren 5.000 in Anmerkungen zitieren. Das ist ein Mammutprojekt, und die Herausgeber gehen es mit großer Sorgfalt an. Ausführliche Einführungen erläutern die Hintergründe, jedem Jahr wird eine Zeittafel mit wichtigen Daten zu Leben und Werk des Schriftstellers vorangestellt, ein umfangreicher Fußnotenapparat ordnet Namen und Fakten ein und stellt Bezüge her.
Im Büchermagazin Diwan stellt Stefan Berkholz den Band mit Briefen des jungen Samuel Beckett vor: Samstag, 9. Februar 2013, 14.05 Uhr (Wiederholung 22.05 Uhr).

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