Grenzgänge "Kanada" von Richard Ford
Der neue Roman von Richard Ford schickt einen Teenager allein in ein fremdes Land. Das Buch erzählt von einem Menschen, der aus allen Bindungen fällt, von Einsamkeit und Abhängigkeit. Und vom Glück, noch einmal davonzukommen.
Dell Parsons, der Ich-Erzähler im neuen Roman von Richard Ford, ist 15 Jahre alt, als eine Freundin der Familie ihn aus Montana nach Saskatchewan bringt, um ihn den Nachforschungen des Jugendamts zu entziehen. Seine Eltern haben zu diesem Zeitpunkt bereits ebenfalls eine Grenze überschritten - diejenige, die das bürgerliche Leben, die Normalität umgibt: Nach einem stümperhaften Banküberfall sitzen sie im Gefängnis. Dell und seine Zwillingsschwester Berner bleiben zurück, das Mädchen geht nach Kalifornien, Dell soll in Kanada unterkommen.
Ausgeliefert
Ein gelobtes Land allerdings ist es nicht, in das er da gelangt. Dell landet in einer heruntergekommenen Kleinstadt bei einem gewissen Arthur Remlinger, arbeitet zunächst als Reinigungskraft in einem billigen Hotel Remlingers, dann als Fallensteller und Vogeljäger. Nach und nach erfährt er von der kriminellen Vergangenheit seines Gastgebers - und natürlich gerät er selbst in dessen krumme Geschichten. Auch in solche, in denen es um Mord geht.
Reise ins Ungewisse
"Eine Grenze bedeutete zweierlei auf einmal. Einreise und Ausreise. Ich reiste aus, was sich bedeutsam anfühlte. [...] Ich schaute geradeaus und verhielt mich still. Aus einem Grund, den ich nicht hätte erklären können, wollte ich, dass wir durchkamen, ich war aufgeregt und hatte zugleich Angst, wir könnten daran gehindert werden. [...] Jenes Gefühl damals hatte ich nicht erwartet. Ich war allein in meinem Bett aufgewacht, hatte meiner Schwester nachgesehen, als sie aus meinem Leben ging, vielleicht für immer. Meine Eltern saßen im Gefängnis. Ich hatte niemanden, der sich um mich kümmerte oder sorgte. Was habe ich zu verlieren?, das war jetzt wohl die richtige Frage. Und die Antwort lautete - sehr wenig."
aus: Richard Ford, "Kanada", aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Hanser Berlin 2012
Ein Leben aus der Nähe betrachten
Richard Ford hat sich als Autor geduldiger Gesellschaftsromane einen Namen gemacht, die sich ganz auf ihre Protagonisten konzentrieren. Er ist kein Sprachexperimentator, kein Formenspieler, keiner, der als großer Ironiker auftritt. Bekannt wurde er auch hierzulande mit seiner Romantrilogie um Frank Bascombe, der sich als Sportreporter und Immobilienmakler durch sein Leben und seine privaten Fährnisse hangelt. Wenn Ford von Beziehungen und Familien erzählt, dann nicht im - sonst so beliebten - Format eines Großtableaus mehrerer Generationen, sondern aus einer individuellen Perspektive. Und für den Schriftsteller ist genau das auch eine vorrangige Aufgabe der Literatur, die sie zum Beispiel von der Mythenmaschine der großen Politik unterscheidet: "Deshalb sind Romane so wichtig: Sie zeigen uns das Leben aus der Nähe", so Ford im Interview mit der Berliner Zeitung.
US-Autoren
Auch "Kanada" betrachtet ein Leben aus der Nähe. Die Krimi-Logik des Plots unterläuft Ford ganz direkt: Immer wieder liefert er früh Informationen, um dann erst die Vorgeschichten dazu nachzuliefern. Bereits im ersten Satz des Romans werden Taten und - einige - Täter genannt: "Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten." Es geht also nicht um Suspense, sondern um das, was einer Person widerfährt, um die Auswirkungen von Ereignissen auf eine Existenz. Es geht bei Ford darum zu zeigen, was es heißt, ein Individuum zu sein - in einem bestimmten Land, einer bestimmten sozialen Position und einer bestimmten Zeit.
Keine Heldengeschichten
Dell Parsons blickt auf seine eigene Jugend in den 60er-Jahren zurück. Und er erzählt seine Geschichte aus 50 Jahren Abstand, als ein Mann, der es, anders als seine Schwester Berner, geschafft hat, dem Schicksal als Außenseiter zu entkommen: Er hat es zum Highschool-Lehrer gebracht, eine Frau gefunden, ist inzwischen in Pension - kurz: Er ist wieder ins bürgerliche Leben zurückgekehrt. Doch auch das erzählt Ford nicht als eine amerikanische Heldengeschichte, sondern nüchtern und bisweilen leicht melancholisch. "Kanada" ist auch ein Buch über das Schicksal - und unseren Umgang mit seinen Härten und Ungerechtigkeiten. "Ich weiß", schreibt der Ich-Erzähler Dell zum Schluss, "dass man bessere Chancen im Leben hat - bessere Überlebenschancen -, wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden." In solchen Sätzen ist es zu hören, das menschenfreundliche und vielleicht dann doch wieder sehr amerikanische Pathos des Richard Ford.
Mit seinem neuen Roman nimmt Ford eine alte Idee wieder auf: Die ersten Notizen zur Geschichte stammen von 1989, Ford hat sie - mit der Vorsicht des Bewohners eines Holzhauses, der Brände fürchtet - über viele Jahre im Gefrierfach aufgehoben. Bereits in seinem Buch "Wild leben", im Original 1990 erschienen, griff er den Stoff auf, und nun hat er ihn, unter dem Titel, den schon die frühen Entwürfe trugen, in einen umfangreichen Roman gefasst: "Kanada".
Werke in Übersetzung - eine Auswahl
- "Ein Stück meines Herzens", Roman (1989)
- "Der Sportreporter", Roman (1989)
- "Wild leben", Novelle (1991)
- "Der Frauenheld", Novelle (1994)
- "Unabhängigkeitstag", Roman (1995)
- "Abendländer", Novelle (1998)
- "Eine Vielzahl von Sünden", Erzählungen (2002)
- "Die Lage des Landes", Roman (2007)
Im Diwan stellt Eberhard Falcke den neuen Roman von Richard Ford vor: Samstag, 15. September 2012, 14.05 Uhr (Wiederholung 22.05 Uhr) auf Bayern 2.

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