Zum 70. von Peter Handke Die Möglichkeiten der Sprache
Vor 46 Jahren betrat Peter Handke die Bühne der literarischen Öffentlichkeit, heute ist er einer der deutschsprachigen Autoren, die auch im Ausland einen Namen haben. Nun wird der Sprach- und Selbsterforscher 70 Jahre alt.
Peter Handke war Jura-Student in Graz, als er mit ersten literarischen Arbeiten auf sich aufmerksam machte - zunächst im "Forum Stadtpark" Graz, dessen Literatursparte maßgeblich von Alfred Kolleritsch verantwortet wurde. Kolleritsch gab auch die Literaturzeitschrift "manuskripte" heraus, in der Texte Handkes erschienen.
Sprachkritik und Selbsterkundung
Berühmt wurde Handkes Auftritt auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton 1966: Der schüchterne junge Mann mit Pilzkopf hielt, sich gelegentlich verhaspelnd, eine polemische Rede zum Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur, in der das böse Wort "Beschreibungsimpotenz" vorkam. Binnen kurzer Zeit war Handke in der Szene ein Begriff, sein Theaterstück "Publikumsbeschimpfung" wurde wenig später in der Regie von Claus Peymann uraufgeführt.
Hintergrund
Der sprachkritische Impetus seines Princetoner Auftritts sollte für Handkes Werk bedeutsam werden. Seine frühen Arbeiten inszenieren ihn als Exerzitien genauer Spracharbeit, als Anrennen gegen die Konvention und als Neuschöpfung von Welterfahrung. Zugleich ist Handkes Arbeit, dem Zeitgeist der 60er- und 70er-Jahre durchaus entsprechend, eine Selbsterkundung, eine Verteidigung des Subjektiven gegen Mechanismen der Entfremdung und Zwänge der Verbürgerlichung. Gesellschaftskritik im griffigen Sinne allerdings übte er nicht, sondern betrachtete die Verhältnisse eher grundsätzlich. Handke war, nachdem er 1965 sein Jurastudium aufgegeben hatte, ein sehr produktiver Autor, machte sich rasch einen Namen und wurde sehr bald schon mit höchsten Ehren bedacht: 1973 erhielt der Autor, mit erst dreißig Jahren, den Büchnerpreis. Nun war er als Schriftsteller etabliert - und geriet in eine Krise.
In der Folgezeit änderten seine Texte ihre Atmosphäre. Handke wagte zunehmend einen hohen Ton, eine ungeschütztere Weltbejahung, arbeitete mit Pathos und Universalisierungen. Die Kritik führte heftige Debatten um den "neuen" Handke, die den Autor durchaus traf. Was zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki über sein 1979 erschienenes Buch "Langsame Heimkehr" geschrieben habe, sei, so Handke im Oktober 2012 gegenüber der Süddeutschen Zeitung, "blanker Vernichtungswille" gewesen. Handke reagierte seinerseits mit persönlicher Wut, wollte seinen Verleger Siegfried Unseld zu einer Distanzierung gegenüber Reich-Ranicki bewegen und soll versucht haben, ihn dazu bringen, vor seinen Augen ein signiertes Buch des Kritikers in den Papierkorb zu werfen. In seinem Werk verfolgte er den eingeschlagenen Weg weiter.
"Versuch über den Stillen Ort"
Das jüngste Buch von Peter Handke trägt den Titel "Versuch über den Stillen Ort" und knüpft an frühere "Versuchs"-Bücher an - über die Jukebox, die Müdigkeit oder den "geglückten Tag". Für den Autor ist der genaue Blick auf Dinge oder Zustände auch eine Möglichkeit, eine Art Autobiografie zu schreiben, induktiv gewissermaßen, vom Einzelnen ausgehend, das in seinen Facetten und subjektiven Bedeutungen erzählerisch aufgefächert wird. In seinem neuen Unternehmen dieser Art geht es um die Sehnsucht nach dem Rückzug. Die Rede vom "stillen Ort" ist dabei durchaus sehr konkret zu verstehen: Mit der speziellen Handke-Mischung aus Alltagsbeobachtung und existenziellem Gestus beschreibt der Autor Toiletten an allen möglichen Orten der Welt. Sie mit einem "Ich muss kurz verschwinden!" aufzusuchen, das wird allerdings nicht nur mit schierer Notdurft, sondern auch mit einem grundsätzlichen "Gesellschaftswiderwillen", einem "Geselligkeitsüberdruss" motiviert.
Stille Orte
"Es ist jetzt der Moment, klarzustellen: Die so oder so stillen Orte haben mir nicht allein als Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien gedient. Zwar waren sie das zum Teil, von Anfang an. Aber sie waren, ebenfalls von Anfang an, zugleich etwas Grundanderes, auch mehr; viel mehr. Besonderes dieses Grundandere, dieses viel Mehr hat mich ja bewegt zu dem Versuch hier, über es im Aufschreiben ein wenig, naturgemäß bruchstückhafte Klarheit zu schaffen."
aus: Peter Handke, "Versuch über den Stillen Ort", Suhrkamp Verlag Berlin 2012
Der Einzelgänger und der Zeitgenosse
Die Spannung zwischen der öffentlichen Figur und dem einzelgängerischen Selbst ist für Peter Handke nicht nur eine des persönlichen Lebens, sondern auch seines Schreibens. Ohne sich von den "Reden der anderen" zurückzuziehen, wie er sagt, lässt sich für ihn die eigene Sprache nicht retten oder wiederfinden. Handke ist ein Einzelgänger, ein Solitär, sein Zorn ist legendär, doch seine "Güte", wie der Verleger Michael Krüger es nennt, gehört ebenso zu ihm.
Seit mehr als zwanzig Jahren lebt er zurückgezogen im Pariser Vorort Chaville, schreibt, unternimmt einsame Spaziergänge. Dennoch ist Handke ein aufmerksamer Zeitgenosse - und nimmt auch in Kauf, mit unpopulären Meinungen ins Gerede zu kommen. Seine umstrittenen Äußerungen zum Jugoslawien-Krieg nahmen ihren Ausgang von einer typisch Handkeschen Denkfigur: gegen die journalistische Sprache einer anderen, im weiteren Sinne literarischen oder poetischen Sprache ihr Recht zu verschaffen, gegen die verbreitete Meinung die eigene Wahrnehmung zu setzen. Für Handke bedeutete das, mit dem Appell "Gerechtigkeit für Serbien" Partei zu ergreifen. Dafür wurde er heftig kritisiert, hielt aber an seiner pro-serbischen Position fest - und trat während der Beerdigung von Slobodan Milošević mit einer Rede auf. Im Bild des "politischen" Handke in der Öffentlichkeit hat diese Episode ihre Spuren hinterlassen.
Biografisches
- Geboren am 6. Dezember 1942 in Griffen-Altenmark/Kärnten, aufgewachsen bei Mutter und Stiefvater, der zunehmend alkoholsüchtig und gewalttätig wurde
- 1944-48 Kindheitsjahre in Berlin
- 1948 Rückkehr nach Griffen zur Familie der Mutter
- Schulbesuch im katholischen Internat und im Gymnasium Klagenfurt
- 1961 Abitur, anschließend Jurastudium
- 1965 Abbruch des Jurastudiums
- 1966 Wortmeldung bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, Romandebüt "Die Hornissen", Theaterstück "Publikumsbeschimpfung"
- 1971 Selbstmord der Mutter
- 1982 - 1987 mit Tochter Amina (geb. 1969) in Salzburg
- Seit 1991 Wohnsitz in Chaville bei Paris
- 1992 Geburt der Tochter Léocardie aus der Beziehung mit der französischen Schauspielerin Sophie Semin
- ab 1996 Debatte um Handkes Streitschriften zum Balkankrieg
- 2004 Gefängnisbesuch in Den Haag bei Slobodan Milošević, 2006 Rede bei dessen Beerdigung
- 2007 Reise mit Claus Peymann ins Kosovo
- 2007 Die österreichische Nationalbibliothek erwirbt große Teile von Handkes Werk als "Nachlass zu Lebzeiten"
Werkauswahl
- 1966 Romandebüt "Die Hornissen"
- 1968 "Kaspar", Theaterstück
- 1969 "Das Mündel will Vormund sein", Theaterstück
- 1970 "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", Roman
- 1971 "Der Ritt über den Bodensee", Theaterstück
- 1972 "Wunschloses Unglück" (Erzählung über den Selbstmord der Mutter)
- 1972 "Der kurze Brief zum langen Abschied", Erzählung
- 1975 "Die Stunde der wahren Empfindung"
- 1976 "Die linkshändige Frau", Erzählung
- 1979 "Langsame Heimkehr"
- 1980 "Die Lehre des Sainte-Victoire"
- 1986 "Die Wiederholung", Roman
- 1992 "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten", Theaterstück
- 1994 "Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten"
- 1997 "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus"
- 2002 "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos", Roman
- 2004 "Don Juan", Roman
- 2010 "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen"
- 2011 "Der große Fall"
- 2012 "Die schönen Tage von Aranjuez", Theaterstück
Ehrungen
- 1967 Gerhart-Hauptmann Preis
- 1972 Schiller-Preis der Stadt Mannheim
- 1973 Büchnerpreis (1999 aus Protest gegen das NATO-Bombardement auf Jugoslawien zurückgegeben)
- 1979 Kafka-Preis
- 1983 Kärntner Kulturpreis für Übersetzungen aus dem Slowenischen
- 1986 Literaturpreis der Stadt Salzburg
- 1987 Bremer Literaturpreis
- 1988 Großer Österreichischer Staatspreis
- 1993 Dramenpreis des Goethe-Instituts
- 1995 Ehrenpreis des Schiller-Gedächtnis-Preises für das Gesamtwerk
- 1998 Serbischer Literaturpreis "Goldener Schlüssel von Smederevo"
- 2005 Siegfried-Unseld-Preis
- 2006 für Heinrich-Heine-Preis vorgesehen, Debatte im Düsseldorfer Stadtrat wegen der Serbien-Debatte, Handke erklärt seinen Verzicht
- 2007 Berliner Heinrich-Heine-Preis
- 2008 "Thomas Mann Preis" der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
- 2009 serbischer Literaturorden "Goldenes Kreuz des Fürsten Lazar"
- 2011 "Immer noch Sturm" als bestes Stück bei den Nestroy-Theaterpreisen ausgezeichnet
Peter Handke zum 70. Geburtstag auf Bayern 2:
- Diwan, 1. Dezember 2012, 14.05 Uhr: Eberhard Falcke im Gespräch über den Autor und sein neues Buch "Versuch über den stillen Ort"
- kulturWelt, 6. Dezember 2012, 8.30 Uhr: Beitrag "Ehemaliger Publikumsbeschimpfer. Peter Handke wird 70"
- Theo.Logik, 3. Dezember 2012, 21.03 Uhr: Beitrag "Literatur aus Österreich. Peter Handke und die Theologie"
- radioThema, 6. Dezember 2012, 20.03 Uhr: "Der Abenteurer des Schreibens. Peter Handke wird 70", eine Sendung von Eberhard Falcke

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