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"Das Zeitalter des Zorns" Pankaj Mishra und seine Gegenwartsanalyse

Wie lässt sich der politische Hass der Gegenwart verstehen? Mit einem Blick in die Geschichte, so der britisch-indische Autor Pankaj Mishra. Sein Buch blickt auf die Verlierer der Moderne - und auf den robusten Hochmut des Westens.

Von: Eberhard Falcke

Stand: 25.07.2017

Buchcover "Das Zeitalter des Zorns" von Pankaj Mishra | Bild: S. Fischer Verlag, Montage: BR

Hindu-Nationalismus, Islamischer Staat, Brexit und die Wahl Donald Trumps, das sind die Stichworte, mit denen Pankaj Mishra die Verwerfungen markiert, die ihn veranlasst haben, den Ursachen für die Spaltungen in der heutigen Welt nachzugehen. Und um es gleich zu sagen: Mit kurzatmigen oder kleinformatigen Erklärungen gibt er sich dabei gar nicht erst ab. Ein so beliebtes Begriffsschwämmchen wie der Populismus, mit dem allenthalben an den blinden Flecken unseres politischen Lebens herumgeputzt wird, spielt bei ihm von vornherein keine Rolle. Nein, er hantiert mit anderen Kategorien, über seiner Untersuchung steht wie ein Gewitter der Titel: "Das Zeitalter des Zorns". Wenn Mishra auf die Gegenwart blickt, dann fallen ihm vor allem Krieg, Terror, Aufstände und Blutbäder, Finanzkriege, Cyberwars und die Rivalitäten von Milizen oder Mafias ins Auge. Optimisten mögen da von Krisen sprechen, nicht so er.

"Zukünftige Historiker werden dereinst vielleicht in diesem unkoordinierten Durcheinander den Beginn des dritten aller Weltkriege erblicken: eines Krieges, der wegen seiner Allgegenwart einem globalen Bürgerkrieg nahekommt."

Pankaj Mishra, Das Zeitalter der Zorns

Kritik an den Eliten der europäischen Aufklärung

Pankaj Mishra

Doch mag die Lage auch bedrückend sein, neu ist sie seinen Erklärungen zufolge nicht. Man muss nur, so Mishra, den Blick historisch weiten, um zu erkennen, dass der selbstgerechte Hochmut des modernisierten und zivilisierten Westens gegenüber seinen fundamentalistischen, terroristischen Gegnern auf Vergesslichkeit und Beschönigung beruht. Dann macht Mishra einen ebenso gewagten wie interessanten Schachzug: Er nimmt nämlich die derzeit kursierende Kritik an den globalen Eliten und projiziert sie zurück bis zur Epoche der Aufklärung. Als Schlüsselfigur für den Pakt zwischen Geist und Macht stellt er den Bilderbuchaufklärer Voltaire heraus, der sich auch ausgezeichnet auf die Selbstbereicherung verstand, indem er sein Vermögen unter anderem durch Beteiligungen an Reedereien kräftig vermehrte. Ganz anders der von einem "plebejischen Zorn" getriebene Rousseau, mit dem Mishra unverkennbar sympathisiert.

"Weitsichtig kritisierte Rousseau die Gleichsetzung von Freiheit mit freiem Unternehmertum und behauptete, in einer von Kommerz getriebenen Gesellschaft sei die individuelle Freiheit zutiefst bedroht. Der beste Schutz der Freiheit sei nicht Wohlstand, sondern die allgemeine Gleichheit aller Bürger und ein ausgeglichenes Wirtschaftswachstum."

Pankaj Mishra, Das Zeitalter der Zorns

Unüberschaubarer Zorn

Von daher zeichnet Mishra über die letzten 300 Jahre hinweg die immer wieder erneuerte Kluft nach, die regelmäßig zwischen den Profiteuren und den Übervorteilten bei den Projekten von Fortschritt und Modernisierung aufbricht. Mit der jüngsten Globalisierung unserer Tage haben sich diese Konflikte, was Ursachen und Positionen angeht, multipliziert. Entlang dieser Bruchlinien verläuft die "Geschichte der Gegenwart", die Mishra im Untertitel seines Buches meint, und sie läuft auf das hinaus, was er für unsere Gegenwart diagnostiziert: ein Zeitalter, in dem die Brennpunkte des Zorns sich ins Unüberschaubare und kaum noch Beherrschbare vermehrt haben.

"Unser Gefühl, das Jüngste Gericht stehe unmittelbar bevor, wird noch verstärkt durch die Ahnung, daß es nicht allein von selbstsüchtigen Politikern und Geschäftsleuten, illiberalen, manipulierbaren Massen oder brutalen Terroristen herbeigeführt wird. Angesichts der negativen Solidarität zeigt sich der allgemeine Zusammenbruch, wie Baudelaire warnte, 'in der Gemeinheit unserer Herzen'."

Pankaj Mishra, Das Zeitalter der Zorns

Ein illusionsloser Rundblick

Mag sein, daß Mishra dramatisiert, auch mit patenten Lösungen will er nicht aufwarten. Allem Anschein nach geht es ihm um gedankliche Katharsis. Wie andere Thesenfriseure auch, neigt er dabei gelegentlich dazu, verschiedene Phänomene allzu rücksichtslos über einen Kamm zu scheren. Außerdem lebt seine Darstellung in erster Linie von der Ideengeschichte, während die in solchen Fragen gewiss nicht minder bedeutsame politische und soziale Geschichte entschieden weniger zur Geltung kommt.

Dennoch hat Mishra mit dieser Untersuchung sehr viel zu bieten. Er ist ungeheuer belesen, sowohl auf dem Gebiet der Klassiker des europäischen Denkens als auch hinsichtlich der Kritiker und Widersacher der westlichen Vorherrschaft in aller Welt. Vor allem aber setzt sich sein illusionsloser Rundblick durch intelligente Entschiedenheit von den durchsichtigen Beschwichtigungen ab, die unsere öffentlichen Diskurse weithin bestimmen. Sein Vorschlag besteht darin, geläufige Denkmuster aufzubrechen und einzusehen, dass der Westen in den Geschichtsstunden über unsere Gegenwart nicht der Primus sein kann, der gegen den vorgeblichen Irrationalismus aller übrigen immer recht behält. Das ist ein Argument - damit kann man arbeiten.

Pankaj Mishra, "Das Zeitalter des Zorns", 416 Seiten, S. Fischer Verlag, 24,00 Euro


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