Mark Twain "Meine geheime Autobiografie"
Der Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn hat auch eine Autobiografie geschrieben. Sie kennen sie nicht? Kein Wunder. Anders als Arnold Schwarzenegger und Jörg Kachelmann, die ihre Erinnerungen gerade feilbieten, hat er sie erst 100 Jahre nach seinem Tod freigegeben.
Mit 40 Jahren, genau zwischen dem Erscheinen der Abenteuer von Tom Sawyer und von Huckleberry Finn, hat Mark Twain mit seinen Lebenserinnerungen begonnen und 35 Jahre lang daran gearbeitet - bis kurz vor seinem Tod. Da war er schon längst weltberühmt, ja eine Ikone der US-amerikanischen Literatur; seine Erinnerungen hätten gewiss reißenden Absatz gefunden.
"Wie aus dem Grab"
"Aus gutem Grund spreche ich aus dem Grab statt mit lebendiger Zunge: So kann ich frei reden. [...] Mir schien, ich könnte so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief sein, wenn ich wüsste, dass das, was ich schreibe, niemand zu Gesicht bekommt, bis ich tot und nichtsahnend und gleichgültig bin."
Mark Twain im Vorwort zu "Meine geheime Biografie"
Doch Twain, der mit bürgerlichem Namen Samuel Langhorne Clemens hieß, wollte alles frei von der Leber wegschreiben und verfügte, dass seine Erinnerungen 100 Jahre unter Verschluss gehalten werden sollten. Pünktlich nach dieser Zeitspanne erschien vor zwei Jahren die "Geheime Autobiografie" in den Vereinigten Staaten und jetzt übersetzt in Deutschland. Genauer: Der dicke Schuber mit gut 700 Seiten Text und fast 400 Seiten Zusätzen, der jetzt auf Deutsch vorliegt, ist nur der erste Teil dieser Autobiografie, zwei weitere Textbände sind noch geplant.
Ein Leben in bunten Assoziationen
Allerdings fällt gar nicht auf, dass es sich bislang nur um einen Teil der Erinnerungen handelt. Denn Mark Twain hat sich während der jahrzehntelangen Arbeit an diesen Memoiren von der chronologischen Linearität frei gemacht und verschiedene Zeiten, Gleiderungen und Stile ausprobiert. Was sonst eine Autobiografie ausmacht, die einheitliche, alles deutenden oder gar rechtfertigende Perspektive auf ein großes Stück gelebten Lebens, sucht man hier vergebens. Mark Twain hat in den 35 Jahren mehrfach angesetzt und verschiedene Blickwinkel ausprobiert. Seine jetzt vorliegende Autobiografie gibt die redigierten und mit Zeitungsausschnitten ergänzten Diktate wieder, die er 1904 in Florenz und 1906 in New York mit seinem Biografen und einer Stenotypistin gemacht hat und allerlei vorläufige Versuche, sein Leben eigenhändig, chronologisch oder assoziativ, von Event zu Event springend, festzuhalten. Twain-Spezialisten werden einige Passagen der "geheimen Biografie" schon kennen - Teile davon hat der Schriftsteller bereits zu Lebzeiten herausgebracht.
Die Biografie in der Autobiografie
Zentraler Bestandteil dieser "geheimen Autobiografie" ist die Liebe zu und die Trauer um seine Tochter Susy, die als Kind eine Biografie ihres damals 50-jährigen Vaters schrieb und mit 24 starb. Twain zitiert und kommentiert Susys Zeilen seitenlang und hält sie dem Sermon zeitgenössischer Feuilletonisten entgegen, die es gewagt haben, Makel an seiner Erscheinung zu entdecken. Die Meinung der "unvoreingenommenen" Susy lautet: "Er hat schönes graues Haar, kein bisschen zu dick und kein bisschen zu dünn, sondern genau richtig; eine römische Nase, die die Schönheit seiner Gesichtszüge noch unterstreicht; freundliche blaue Augen und einen kleinen Schnurrbar. Er hat einen wunderschön geformten Kopf und ein schönes Profil. Er hat eine sehr gute Figur - kurzum, er ist ein ausserordentlich gutaussehender Mann".
Aus dem Nähkästchen
Mark Twain war vor allem ein schlauer Mann - und weiß sich in seiner Biografie auch bestens so zu inszenieren. Etwa wenn er erzählt, wie er in den Jahren 1898-1905 seine Vortragsreisen gestaltete: War er eingeladen, in Boston vorzutragen, so erprobte er seine Rednerkunst erst in der Provinz drumherum und zwar so lange, bis der Vortrag saß. "Zuerst an einem Hund zu erproben" nennt er diese Methode und macht sich gehörig lustig über einen in seinem "Revier" jagenden Anfänger, der kläglich scheiterte, weil er sich zu gut für solche Trockenübungen in der Provinz gehalten hatte.
Mark Twain "Meine geheime Autobiographie". Warum das Buch nach seinem letzten Willen erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte, das erzählen der Twain- Übersetzer Hans Christian Oeser und Harry Rowohlt, der als selbsternanntes "Deklamiertier" Twains Memoiren als Hörbuch eingelesen hat. Beide sind zu Gast auf dem Buchmesse-Diwan von Bayern 2, Samstag, 13. Oktober 2012 14.00 Uhr. Wiederholung der Sendung: 22.05 Uhr.

Wetter


