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1517 und Luthers Bibel Heinz Schilling und Karl-Heinz Göttert blicken kritisch auf die bewegte Epoche

Der Berliner Historiker Heinz Schilling zeigt, welche enorme Rolle Druckgrafik und Weltwissen im Luther-Jahr spielten. Der Kölner Philologe Karl-Heinz Göttert erzählt die Geschichte von Luthers Bibelübersetzung als feindliche Übernahme.

Von: Niels Beintker

Stand: 20.04.2017

Wittenberg ist nicht länger der Nabel der Welt. Die kursächsische Universitätsstadt, die ihr alsbald berühmtester Bewohner ohnehin gedanklich gerne an die „Grenzen der Zivilisation“ verlagerte, war – im Jahr 1517 – ein durchaus spannender, aber keineswegs ein weltpolitisch bedeutender Ort. Das ist keine neue Erkenntnis. Es tut aber gut, im Rahmen der übereifrigen protestantischen Memorialkultur gelegentlich daran zu erinnern. Der zum Mythos erhobene Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober wird folglich erst ganz am Ende von Heinz Schillings wunderbar erhellender Studie über das Jahr 1517 thematisiert. Der Berliner Historiker richtet den Blick auf die Welt. Oder besser: auf die damals bekannte Welt.

"Eine Globalgeschichte im vollen Sinne ist im frühen 16. Jahrhundert noch nicht möglich und würde auch meine Kompetenzen übersteigen. Gleichwohl: In dieser Kontextualisierung werden doch eine ganze Reihe von liebgewonnenen Interpretationen und auch ein Selbstbewusstsein deutscher oder europäischer Art – dass die Weltgeschichte der Neuzeit sich ausschließlich von Europa her entwickelt habe – doch relativiert."

Heinz Schilling

Die Frühe Neuzeit im Fokus

Heinz Schilling – einer der führenden Forscher für die Epoche der Frühen Neuzeit – erzählt von einem Jahr, das in verschiedener Hinsicht zu einem welthistorischen Schlüsseljahr wurde. Und er beschränkt sich nicht allein auf die zentralen Ereignisse von 1517, darunter auf den Sieg des türkischen Sultans Selim über die Mamluken – den Beginn des osmanischen Kalifates – oder die Reise des jungen Karl von Habsburg nach Spanien, zum Antritt der Herrschaft über Kastilien und Aragon. Heinz Schilling blickt ebenso zurück und voraus. Wichtige und längerfristige Prozesse lassen sich – mit Blick auf das Jahr 1517 – wie unter einem Brennglas gebündelt betrachten.

"Die Welt war damals, in diesen Jahrzehnten zu Beginn des 16. Jahrhunderts, aber auch im ausgehenden 15. Jahrhundert enorm in Bewegung. Und vor allem das ist mir sehr wichtig; Nicht nur die Reformation und nicht nur Humanismus und Renaissance, die auf die eigene europäische Kultur – die Antike – zurückgreifen, haben die Neuzeit geprägt, sondern auch bereits ein mit Macht einströmendes Weltwissen, das unmittelbar in die europäische Neuzeit und die globale Neuzeit eingegangen ist."

Heinz Schilling

Bücher, Grafik, Fernreisen eröffnen neue Welten

Dieses Weltwissen, von dem Heinz Schilling spricht, manifestierte sich etwa in den vielen Berichte von Forschungsreisen in die noch unbekannten, neu eroberten Erdteile, ebenso aber in Europa, wie die Wiener Expedition unter Siegmund von Herbertstein 1517 in Richtung Moskau. Dazu kamen schließlich auch bedeutende exotische Objekte: ein indischer Elefant namens Hanno zum Beispiel, das Lieblingstier von Papst Leo dem Zehnten, ein Geschenk des portugiesischen Königs Manuel – der graue Riese schied 1516 in Rom aus dem Leben und wurde von Raffael auf einem Bild verewigt. Oder auch Odysseus, das Nashorn, das in zuerst lebendig in Portugal, dann ausgestopft in Rom zu bewundern war – und das Albrecht Dürer porträtierte, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Vor dem Hintergrund der Macht des Visuellen in unserer Gegenwart lesen sich solche Passagen mit besonderem Interesse.

"Es  wird zurecht immer auf den Buchdruck hingewiesen, der das akzelerierend schnell verbreitet. Für mich ist fast noch wichtiger oder zumindest genauso wichtig die Druckgrafik. All diese Bücher sind bebildert. Wie das Nashorn als ein Teil dieser Bewegung den Leuten das Neue vor Augen führt, so die Bücher, die über die Welten in Ostasien, die Botanik Ostasiens schreiben – die sind bebildert. Also, dieses Vor-Augen-Stellen durch die Druckgrafik scheint mir genauso wichtig zu sein wie die zurecht betonte Bedeutung des Buchdrucks."

Heinz Schilling

Für Luthers Denken spielte dieses neue Weltwissen interessanterweise keine Rolle, bemerkt Heinz Schilling. Dem Wittenberger Mönch-Professor, wie der Historiker gerne schreibt, sei es allein um zentrale theologische Fragen gegangen, allen voran um die nach dem individuellen Seelenheil. Ein in der welthistorischen Perspektive durchaus markanter Gegensatz. Überhaupt schreibt Schilling – wie schon in seiner großen Martin-Luther-Biographie – mit wohltuender kritischer Distanz, ebenso mit einer feinen Ironie, etwa, wenn er mit Blick auf den Ablass von Papst Leos „Finanzierungsakrobatik“ schreibt oder indem er bemerkt, das Ereignis, auf dem der spätere Mythos von der Begründung der Neuzeit durch die Reformation fuße – der Wittenberger Thesenanschlag –, liege quellenkritisch im Zwielicht. In der Betrachtung eines Jahres über Kursachsen, Deutschland und Europa hinaus liegt zudem auch ein Schlüssel, um den letztendlich erfolgreichen Verlauf der Reformation zu verstehen.

"Die Reformation hätte dann wahrscheinlich keine Chance gehabt sich zu entfalten, wenn Karl nicht mit dem anderen, religiös-ideologisch konträren Weltreich, mit den Osmanen ständig zu kämpfen gehabt hätte. Wenn Karl den Rücken oder die Hände frei gehabt hätte, hätte er wahrscheinlich diese Oppositionsbewegung der deutschen Fürsten – so muss man sie ja sehen – und die selbstbewusste Gestaltung einer reformierten Kirche –  hätte er ohne Probleme sicherlich diesen Widerstand brechen können."

Heinz Schilling

Die Geschichte der Luther-Bibel als feindliche Übernahme

Heinz Schillings Weltgeschichte des Jahres 1517 gehört zu den wichtigen Büchern, die zum Reformationsjubiläum erschienen sind: eine Einladung, das vermeintlich Vertraute in einer anderen Perspektive, mit anderen Fragen zu betrachten. Gleiches gilt für Karl-Heinz Götterts Studie über Martin Luthers Bibelübersetzung – über ein Hauptanliegen der reformatorischen Bewegung und eine in verschiedener Hinsicht bedeutende kulturelle Leistung. Karl-Heinz Göttert, lange Jahre Professor für Ältere Deutsche Literatur in Köln, erzählt die Geschichte der sogenannten Luther-Bibel wie auch der einflussreichen vorangegangenen Übersetzungen als die einer feindlichen Übernahme. Das zielt auf die Einverleibung der ursprünglich Hebräischen Bibel in die christliche – und damit in eine andere heilsgeschichtliche – Perspektive.

"Die Christen hatten das Problem, selbst heilige Schriften zu entwickeln. Das geschah, dass die Paulus-Briefe Grundlage wurden und später die Evangelien. Aber es musste ja so eine Art Beweis heran gezogen werden für die Wahrheit des christlichen Glaubens. Und da spielt nun – wie wir sagen – das Alte Testament eine Rolle, die jüdischen heiligen Schriften, die als Voraussagungsbeweise heran gezogen wurden. Und Luther ist ein Höhepunkt in dieser Übernahme-Geschichte."

Heinz Schilling

Der gehörnte Moses und andere kreative Übersetzungsfehler

Karl-Heinz Göttert schreibt als Philologe, nicht als Theologe über die spannende Übersetzungsgeschichte. Er beleuchtet zunächst den Weg von den ursprünglichen hebräischen und aramäischen Texten zur griechischen Bibel der 70 im hellenistisch-antiken Alexandria, sodann zur Septuaginta und zur schließlich jahrhundertlang im lateinischen Westeuropa bestimmenden, kanonisierten Übertragung durch Hieronymus, den Schutzpatron der Übersetzer. Diese lange Genese eines heiligen Textes verbindet Karl-Heinz Göttert mit verschiedenen Exkursen – kleinen Fingerübungen – zur Geschichte des Übersetzens. Und er schreibt über berühmte Übersetzungsfehler, etwa über den nach Hieronymus gehörnten Moses, den Michaelangelo etliche Jahrhunderte später in Stein gehauen hat. Ein lustiges Beispiel. Die Übersetzung war dennoch eine große Tat.

"Er hat das griechische Neue Testament ins Lateinische übersetzt, das war kein Problem. Aber was ist mit dem Alten Testament? Dann hat er begonnen, mit der Septuaginta, also vom Griechischen ins Latein zu übersetzen, und sofort gemerkt, so geht das nicht. Dann hat er auf die hebräischen Texte zurück gegriffen. Er hat sich mit jüdischen Schriftgelehrten zusammen getan und sich ernsthaft darum bemüht, diese Bibel so zu übersetzen, wie es der Vorlage entspricht. Aber als Christ konnte er auch nicht aus der angelaufenen Strategie herausfallen, sich das Alte Testament dann doch anzueignen."

Karl-Heinz Göttert

72 deutsche Bibelübersetzungen vor der Luthers

Im Zentrum von Karl-Heinz Götterts Buch steht dann aber Martin Luthers Großprojekt, die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, erst das Neue, dann das Alte Testament. Die wiederholte Behauptung des Reformators, die Bibel habe in Deutschland bis zu seiner Zeit nur unter der Bank gelegen, widerlegt der Kölner Philologe ganz nebenbei: Er erzählt von 72 deutschen Übersetzungen vor Luther, erhalten unter anderem in 800 Handschriften und auch in etlichen gedruckten Exemplaren. Dennoch wurde Luthers Übersetzung besonders einflussreich. Zum einen mit Blick auf die Sprache, zum anderen aber auch als Bibel der Reformation, als Ausdruck der neuen, reformatorischen Theologie. Das Alte Testament wurde von Luther konsequent in Bezug auf Christus gedeutet und in diesem Sinn – durchaus freizügig – in die eigene Gegenwart übersetzt. Der Reformator verstand die Bibel als „Predigt von Christus“ und schrieb unter anderem: Es sei Aufgabe des Alten Testaments zu zeigen, dass ein Neues kommen müsse. Am Psalter etwa, für Luther eine Art Lebensbuch, lässt sich das wunderbar nachvollziehen.

"Er hat ja davon gesprochen, dass die Psalmen so etwas wie die Biblia im Kleinen sind. Und damit meinte er die christliche Bibel. Also, er hat die Psalmen für einen christlichen Text gehalten. Und das merkt man dann auch, wenn immer wieder Parallelen gezogen werden, wenn immer wieder gesagt wird, dass da auf Christus verwiesen wird. Oder wenn dann im Psalm 96 die Rede davon ist, der Herr ist König geworden, dann gibt es den Zusatz ‚vom Holze her‘. Das sind Dinge, die zeigen, dass das nicht mehr der hebräische Text ist. Aber das wollte Luther so."

Karl-Heinz Göttert

Die Rolle der Wittenberger Universität

Theologen und Bibelwissenschaftler werden die Übersetzungsgeschichte der Bibel bestens kennen. Für die, die sich jenseits der katholischen und evangelischen Fakultäten bewegen, eröffnet Karl-Heinz Götterts Buch ein großes, wichtiges wie interessantes Terrain, nicht nur Reformationsgedenkjahr. Der Literaturwissenschaftler würdigt die große Leistung Martin Luthers. Er erinnert aber gleichzeitig daran, dass diese ohne die Wittenberger Universität und auch ohne ihren obersten Dienstherren, Kurfürst Friedrich den Weisen, undenkbar gewesen wäre – wie ja überhaupt die Wittenberger Reformation. Und ebenso weist Karl-Heinz Göttert auf Problemfelder der Übersetzung hin, etwa auf Luthers recht eigenwilligen Umgang mit den hebräischen Originaltexten wie auch auf seine zunehmenden Schwierigkeiten mit dem Begriff der Rechtfertigung in der Übersetzung des Römer-Briefes – eigentlich ja der zentrale Gedanke für die Begründung der reformatorischen Theologie. Aus der intensiven Lektüre entstehen Fragen auch für die Gegenwart, für den Blick auf Luthers Bibel, die zum Reformationsjubiläum ja auch in einer neuen, revidierten Ausgabe verlegt.

"Ich hätte die Luther-Bibel heraus gegeben, wie sie ist, und kommentiert. Das hätte man machen sollen. Und daneben eine – ich sage mal salopp – vernünftige Übersetzung, was es ja auch gibt, übrigens auch im evangelischen Bereich. Die Basis-Bibel zum Beispiel, das ist eine gute Übersetzung. Die ist eben nicht falsch. Die ist so wörtlich wie möglich, so verständlich wie möglich. Dann hätte man diese beiden Dinge. Wer wissen will, was in der Bibel steht, kriegt eine vernünftige Übersetzung – ich darf das so salopp sagen – und kriegt dieses wunderbare Zeugnis der deutschen Sprachgeschichte: die Lutherbibel im Original, mit einer entsprechenden Kommentierung.“ Karl-Heinz Göttert

Aus der Beschäftigung mit Luthers Bibel – auch in kritischer Perspektive – erwächst schließlich eine spannende Geschichte des Übersetzens und damit einer wichtigen Grundlage der europäischen Kultur. Auch deshalb ist die Lektüre von Karl-Heinz Götterts Buch erhellend und lohnenswert. Zusammen mit Heinz Schillings Geschichte des epochalen Jahres 1517 gehört zu den Darstellungen, die Luthers Welt – und das nicht nur im engeren, regionalen Sinn – in neuen Perspektiven und mit neuen Fragestellungen in den Blick nehmen. So weisen sie weit über alle Jubelfeierbeiträge hinaus und sind auch nach dem 31. Oktober 2017 unbedingt relevant.

Luther-Lieder

Wer dazu schließlich Luther im Original lesen möchte, kann das in einer schönen Edition seiner Lieddichtungen tun, herausgegeben von Jürgen Heidrich und Johannes Schilling. Das Buch skizziert die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichten von Luthers Liedern, von einer gesungenen Theologie, die auch heute noch – ungeachtet aller Säkularisierungsprozesse – einen durchaus festen Platz im kulturellen Gedächtnis hat. Auch über diese Sammlung dürfen sich nicht nur die „lieben Christen g‘mein“ freuen und fröhlich springen.

Die Bücher

Heinz Schilling: "1517. Weltgeschichte eines Jahres" 364 Seiten, C.H. Beck 24,95 Euro
Karl-Heinz Göttert: "Luthers Bibel. Geschichte einer feindlichen Übernahme" 507 Seiten, S. Fischer. 26,80 Euro
Jürgen Heidrich und Johannes Schilling (Hg.): "Martin Luther. Die Lieder", 204 Seiten, Reclam, Carus, 35 Euro


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