Bayern 2 - Diwan

Karl Heinz Bohrer "Granatsplitter - Erzählung einer Jugend"

Als Herausgeber des "Merkur" mokierte er sich über deutschen Kleingeist und schätzte die große intellektuelle Geste. Nun blickt Bohrer auf seine Kindheit im Krieg, seine Nachkriegsjugend und seine ästhetische Erziehung zurück.

Stand: 30.07.2012
Karl Heinz Bohrer | Bild: Peter-Andreas Hassiepen

Karl Heinz Bohrer ist eine der kontroversen Gestalten der intellektuellen Bundesrepublik - und eine der komplizierteren. Bohrer, 1932 in Köln geboren, wurde im Internat "Birklehof" im Schwarzwald humanistisch ausgebildet, studierte in Göttingen Germanistik, Geschichte und Soziologie, arbeitete in Stockholm und London und übernahm 1982 einen Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Bielefeld. Die geistige Atmosphäre der dortigen Reformuniversität allerdings forderte ihn bald zu Stellungnahmen heraus.

Denn gegen das linksliberale "juste milieu", das Kunst und Kultur vorrangig sozialhistorisch oder ideologiekritisch betrachtete, hatte Bohrer schon früh die Autonomie des Ästhetischen geltend gemacht. Und dem ästhetischen Blick auf die Dinge setzte er die bundesrepublikanische Lebenswelt ebenso aus wie die politischen Verhältnisse. Im "Merkur", dessen Herausgeber Bohrer seit 1984 war, erschien zum Beginn der Ära Kohl die gelehrte Satire "Die Ästhetik des Staates", an gleicher Stelle schrieb Bohrer immer wieder mit Wut und Hingabe über Hässlichkeit, Provinzialismus und Konformismus in Deutschland.

Bundesrepublikanische Debatten

Eine reine Stilkritik war das nie - eher schon eine Kritik am vorherrschenden Stil des Denkens. Bohrer berief sich auf den pathetischen Denker Nietzsche und befasste sich mit Ernst Jünger und dessen "Ästhetik des Schreckens", während andere sich nach der Erfahrung des NS-Faschismus in argumentativer Kleinarbeit um eine Neubegründung moralischer Normen bemühten. Mit Jürgen Habermas, dem Diskursethiker und Hauptvertreter der jüngeren Kritischen Theorie, verband Bohrer eine Freundschaft, die produktiven Streit gewohnt war. 1990 allerdings kam es zum Zerwürfnis: Habermas war skeptisch gegenüber der Wiedervereinigung, Bohrer hatte sie emphatisch begrüßt. Und er trat zugleich für einen neuen Patriotismus jenseits der Verfassungstreue und eine andere Erinnerungskultur ein - gegen die, wie er meinte, üblich gewordene Fixierung auf die "Naherinnerung" an den Holocaust. Dabei sei es ihm, so schrieb Bohrer 2011 im Rückblick, nicht einfach "um diese oder jene Geschichtsschreibung" gegangen, sondern grundsätzlicher "um falsche Geschichtsphilosophie".

Ästhetische Erziehung

Für manchen Linken wurde Bohrer zur Reizfigur eines konservativen Ästhetizismus. Über seine kulturellen Wurzeln und seine frühen Jahre schreibt er, fast 80-jährig, nun selbst in seinem Buch "Granatsplitter". Zwar stellt er im Postscriptum ausdrücklich fest, der Band sei "nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend", doch das dürfte sich nicht so sehr auf den Realitätsgehalt des Erzählten beziehen, sondern auf die Erzählhaltung des Textes: Dieser versetzt sich jeweils ganz in Imagination und Erleben der Hauptfigur, die zu Beginn ein achtjähriger Junge, am Ende ein Student von 22 Jahren ist, der nach England reist.

Schrecken und Schönheit

"Die Granatsplitter waren das Schönste, was man sich ausdenken konnte. Manche waren von dunkel leuchtendem Rot und schwarz an den Rändern, andere hatten eine bläulichweiße Färbung, und wieder andere waren von gleißendem Gelb oder Silber. Es war wie ein Märchen - man war der Held eines Märchens, der etwas Wunderschönes, sehr Fremdes, sehr Seltsames fand, das ihm das Gefühl gab, fortan Glück zu haben. Der Junge war regelrecht entzückt von dieser Schönheit. Er hatte das gleiche Gefühl wie damals, als man ihm aus Tausendundeiner Nacht die Geschichte vom Prinzen in dem funkelnden Palast vorgelesen hatte, in dem es viele Gemächer gab, die wiederum funkelten, und in den Gemächern wiederum kleine Kästchen, in denen funkelnde Edelsteine lagen."

aus: Karl Heinz Bohrer, "Granatsplitter. Erzählung einer Jugend", Carl Hanser Verlag 2012

Einen Namen gibt der Autor seinem Helden nicht, auch als "Ich" lässt er ihn nicht auftreten, sondern schreibt von ihm in der dritten Person als "dem Jungen". Die Kindheit im zerbombten Köln und der frühe Enthusiasmus für das kultivierte katholische Ritual - der Knabe spielte die Messe auf dem Dachboden des großväterlichen Hauses nach -, der Schock der ersten veröffentlichten Bilder aus den KZs, die Internatsjahre unter einem antikebegeisterten reformpädagogischen Bildungsideal, jugendliche Glaubenskrisen, erwachende Theaterleidenschaft, Kinobesuche, die Entdeckung von Hemingway, Thornton Wilder und Sartre: Bohrer schreibt einen persönlichen Bildungsroman, der Vorstellungskraft und Empfindsamkeit als gesteigerte Erfahrung von Individualität schildert. Wenn er "den Jungen" einen "Phantasierer" nennt, so ist das, anders als aus dem Mund des Vaters, keineswegs abwertend gemeint.

Ästhetische Praxis und subjektive Freiheit gehören für Karl Heinz Bohrer ebenso zusammen wie für Schiller, den Bohrer als Tertianer mit großer Faszination las. Und sein literarisches Erinnerungsbuch trägt diesem Grundsatz in der Hinwendung zum konkreten Erlebnis vielleicht noch spürbarer Rechnung als seine theoretischen Schriften. Eine vollkommen schlüssige Lebenserzählung und Selbstinterpretation muss daraus nicht entstehen; denn gerade das Unausgedeutete, Besondere, Für-Sich-Stehende des jeweiligen Erfahrungsmoments, das "absolute Präsens" - so ein Bohrerscher Buchtitel - soll hier zu seinem Recht kommen.

Für den Diwan hat Jochen Rack "Granatsplitter" von Karl Heinz Bohrer gelesen und mit dem Autor gesprochen. Zu hören ist seine Buchbesprechung in der Sendung vom 4. August 2012, ab 14.05 Uhr auf Bayern 2 (Wiederholung 22.05 Uhr).


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