"Nullzeit" von Juli Zeh Beziehungshölle im Tauchparadies
Juli Zeh ist eine Schriftstellerin mit speziellem Gespür für aktuelle Themen und zeitgenössische Figuren. Ihr neuer Roman schickt drei Deutsche auf eine Kanareninsel - und erzählt die alte Geschichte von Liebe, Hass und Einsamkeit.
Ausgangspunkt des Buches ist die Reise eines Künstlerpaares nach Lanzarote: Jola ist Schauspielerin, ihr Lebensgefährte Theo Schriftsteller. Um ihrem Image als Darstellerin in einer TV-Serie zu entkommen, möchte Jola sich auf die Rolle einer Tauchpionierin vorbereiten und hat dazu den Tauchlehrer Sven als Exklusivbetreuung für zwei Wochen gebucht. Das deutsche Paar in der Beziehungskrise trifft auf den Aussteiger, einen examinierten Juristen, der seine alte Heimat als "Kriegsgebiet" bezeichnet, in dem das Leben in einem "allumfassenden Netz aus gegenseitigen Beurteilungen" stattzufinden hat.
Beziehungskiste oder Psychothriller?
Damit ist das Personal für eine Dreiecksgeschichte beisammen. Denn es kommt, wie es kommen muss: Zwischen Jola und dem Tauchlehrer entspinnt sich ein kompliziertes Spiel von Anziehung und Zurückweisung, das das Leben der Beteiligten durcheinanderbringt. Theo sieht zu, trinkt, leidet. Mit seinen 42 Jahren wird er von Jola "der alte Mann" genannt, kämpft mit seiner Arbeit als Autor und hat bisher nur eine Romanveröffentlichung vorzuweisen. Seiner Freundin ist er in melancholischer Hingabe verfallen - und wird immer wieder gewalttätig gegen sie. Dennoch kommen beide nicht voneinander los.
Wie andere Bücher von Juli Zeh lässt sich auch "Nullzeit" als Porträt der spätmodernen Gegenwart lesen; wie andere Romane der Autorin stellt auch dieser sein Personal in einen moralischen Konflikt, für den es keine schlichte Lösung gibt. Und wo die Verhältnisse sehr direkt und mit Lust an der pointierten Zuspitzung kommentiert werden, nimmt das Buch selbst eine moralisierende Haltung ein.
Zeh versteht "Nullzeit" eher als Psychothriller denn als Beziehungskiste. Sie baut ihren Text aus zwei Perspektiven auf: Erzählpassagen aus der Sicht Svens und Tagebucheinträgen Jolas. Was tatsächlich geschieht, wird immer wieder fraglich, da sich die subjektiven Wahrheiten gegenüberstehen: Hatten die Urlauberin und der Tauchlehrer Sex hinter dem VW-Bus mit der Ausrüstung oder nicht? Hat Jola Theo unter Wasser in eine gefährliche Situation gebracht - oder war es umgekehrt? Will "der alte Mann" seine junge Frau tatsächlich umbringen? Oder sie ihn? Und wie real sind die leidenschaftlichen nächtlichen Treffen mit Sven auf den Klippen, von denen Jolas Tagebuch berichtet?
Jolas Tagebuch, achter Tag
"Manchmal überkommt mich Panik. Ganz plötzlich, währenddessen. Etwas stimmt nicht. Das Ganze ist zu unwahrscheinlich. Ich verliere die Kontrolle. Als könnte sich Sven jederzeit das Gesicht abreißen und darunter käme jemand anderes zum Vorschein. Mein Vater. Oder der alte Mann. Dann mischt sich auf einmal Hass in die Lust. Ich will die Füße anziehen und Sven in den Bauch treten, so dass er rückwärts in die Brandung stürzt. Wenn Theo mich verprügelt, weiß ich wenigstens: Das ist die Realität. Unverkennbar. Sinnlos, unfair und banal. Irrtum ausgeschlossen."
aus: Juli Zeh, "Nullzeit", Roman, Verlag Schöffling & Co. 2012
Eine engagierte Autorin
Die 38-jährige Juli Zeh ist eine Doppelbegabung: Vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und promovierte Juristin. Unter den jüngeren deutschen Autoren gehört sie zu denen, die sich dezidiert auch zu gesellschaftlichen und politischen Fragen äußern. Als Essayistin nimmt sie Stellung zur europäischen Integration und Krisenbewältigung, als eloquenter Talk-Show-Gast äußert sie sich zu den Dilemmata der Netzpolitik zwischen Nutzerfreiheit und Datenschutz.
Zeh studierte Jura in Passau und Leipzig, schloss 1998 mit dem besten Staatsexamen in Sachsen ab - und hatte zeitgleich das Studium am Leipziger Literaturinstitut aufgenommen. Als Schriftstellerin machte sie 2001 mit ihrem Debütroman "Adler und Engel" auf sich aufmerksam. Die Arbeit in unterschiedlichen Fächern und Genres behielt sie bei: Die Juristin Zeh beschäftigte sich mit Osteuropa aus völkerrechtlicher Sicht, die Autorin berichtete in einem Buch von einer ungewöhnlichen Balkanreise mit ihrem Hund, die sie in jene Städte führte, deren Namen noch aus den Kriegsberichten der 90er-Jahre in den Ohren klangen. In jüngerer Zeit ist Zeh als Verteidigerin des Datenschutzes im Internet gegen amtliche Überwachung aufgetreten. Für die Piratenpartei hegt sie Sympathien, den Künstleraufruf "Wir sind die Urheber!" hat sie nicht unterschrieben. Es gehe mitnichten darum, das Urheberrecht abzuschaffen, sagt sie, außerdem sei Zukunftsangst ein schlechter Ratgeber. Gefahren sieht sie eher in Versuchen, die staatliche Kontrolle des Netzes auszuweiten.
Werke - eine Auswahl
- "Adler und Engel", Roman (2001)
- "Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien" (2002)
- "Recht auf Beitritt? Ansprüche von Kandidatenstaaten gegen die Europäische Union" (2003)
- "Spieltrieb", Roman (2004)
- "Kleines Konversationslexikon für Haushunde" (2005)
- "Alles auf dem Rasen. Kein Roman", Essays (2006)
- "Schilf", Roman (2007)
- "Corpus Delicti", Theaterstück (2007); Roman: 2009
- "Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte", zusammen mit Ilija Trojanow (2009)
- "Der Kaktus", Theaterstück (2009)
- "Nullzeit", Roman (2012)
Ruth Fühner hat "Nullzeit", den neuen Roman von Juli Zeh, gelesen. Im Kritikergespräch mit Judith Heitkamp ordnet sie das Buch ein: zu hören im Diwan, Samstag, 28. Juli 2012 ab 14.05 Uhr (Wiederholung 22.05 Uhr).

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