Bayern 2 - Diwan

Zum Bloomsday Neue Joyce-Übersetzungen

Wie wird jemand zum Autor? Joyce zeichnet in seinem Roman "Porträt des Künstlers als junger Mann" die Selbstfindung eines begabten Internatszöglings nach, der die Kunst für sich entdeckt. Nun liegt das Buch in neuer Übersetzung vor.

Stand: 13.06.2012
James Joyce | Bild: picture-alliance/dpa

Der Roman wurde erstmals 1916 in einer Buchausgabe veröffentlicht - und trägt deutlich autobiografische Züge. James Joyce war zu dieser Zeit 34 Jahre alt, hatte Sprachen studiert, erste Erzählungen des "Dubliners"-Zyklus geschrieben, war mit seiner Gefährtin Nora nach Triest aufgebrochen, wo er als Sprachlehrer arbeitete, und hatte einen Sohn und eine Tochter. In der Geschichte seines Helden Stephen Dedalus erzählt Joyce von eigenen Erfahrungen als Schüler: Von 1888 bis 1891 hatte er das Jesuiteninternat Clongowes Wood besucht, zunächst um auf das Priesteramt vorbereitet zu werden.

Die Religion, die Liebe und die Kunst

Doch Joyce fühlte sich nicht berufen. Dennoch hat die jesuitische Ausbildung mit Lektüren von Aristoteles und Thomas von Aquin, zugespitzter Arbeit am Begriff und katholischem Alltag in seinem Werk deutliche Spuren hinterlassen. Nicht nur im "Porträt" werden religiöse Autoritäten in Zweifel gezogen - gottesfürchtig oder ironisch, gelehrt, kraftvoll und anspielungsreich. Und natürlich spielt in der Adoleszenz-Geschichte die Entdeckung der Sexualität eine wichtige Rolle. Der Text geht Stephens Entwicklung vom Kind, das eine innige Beziehung zu seiner Mutter hat, zum jungen Mann mit, der erste Erfahrungen mit einer Prostituierten macht. Die Lust und die Sünde, das wird ein tiefer Konflikt für Stephen, der sich schließlich von der Religion ab- und der Kunst zuwendet. Auch ihr nähert er sich gleichermaßen mit Hingabe und theoretischem Räsonnement.

Der Zögling, die Kameraden, die Kapelle und das Bett

"Wann würde er so sein in Poesie und Rhetorik wie die Kameraden? Die hatten gewaltige Stimmen und gewaltige Stiefel, und sie lernten Trigonometrie. Das lag in sehr weiter Ferne. Erst kamen die Ferien und dann das nächste Trimester und dann wieder Ferien und dann wieder ein weiteres Trimester und dann wieder Ferien. Es war wie ein Zug, der in Tunnels rein- und wieder rausfuhr, und das war wie die Geräusche der essenden Jungs im Refektorium, wenn man die Läppchen an den Ohren öffnete und wieder schloss. Trimester, Ferien; Tunnel, raus; Geräusch, aufhören. In wie weiter Ferne das lag! Es war besser, zu Bett zu gehen, um zu schlafen. Bloß noch Gebete in der Kapelle und dann ab ins Bett. Er erschauderte und gähnte. Es würde herrlich sein im Bett, nachdem die Laken einigermaßen warm geworden waren. Zuerst waren sie so kalt beim Reinkriechen. Ihn schauderte, als er dran dachte, wie kalt sie zuerst waren. Aber dann wurden sie warm, und dann konnte er schlafen."

aus: James Joyce, "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann", aus dem irischen Englisch übersetzt von Friedhelm Rathjen, Manesse Verlag

Der Sprachkünstler Joyce

Ein weiteres wichtiges Thema des Romans ist die kritische Auseinandersetzung mit einem neu erwachenden irischen Nationalismus. Doch nicht sein unerschrockener Umgang mit heiklen Inhalten, sondern die Form, die Joyce ihnen gab, haben ihn für die Literaturgeschichte so bedeutsam gemacht. Er war ein kühner Neuerer literarischen Schreibens. In seine Prosa fließen umgangssprachliche Wendungen ebenso ein wie Sprachspiele bis zum Kalauer, Gebetsformeln, Reime, Fach- und Privatsprachen.

Zu Joyce und "Ulysses"

James Joyce | Bild: picture-alliance/dpa zum Video mit Informationen Klassiker der Weltliteratur James Joyce - "Ulysses"

Als James Joyce 1941 in Zürich starb, ließ ihn die irische Regierung nicht zurückführen, weil sie ihn nicht für bedeutend genug hielt. Heute pilgern Fans aus aller Welt am 16. Juni nach Dublin, um sein Meisterwerk zu feiern. [mehr]

Die durchgängige Erzählung wird gebrochen, die Syntax immer wieder fragmentiert, es gibt Schnitte und Abbrüche. An die Stelle einer geradlinigen Geschichte tritt ein komplexes System aufeinander verweisender Motive und Sprachelemente. All das ist schon im früheren "Porträt des Künstlers als junger Mann" angelegt und wird später im Hauptwerk "Ulysses" zu einem großen Prosa-Panorama ausgearbeitet. "Finnegans Wake", das erst 1939 erscheint, zwei Jahre vor Joyces Tod, radikalisiert das sprachliche Experiment dann noch einmal. Friedhelm Rathjen, der die neue Übersetzung des "Porträts" besorgt hat, ist auch das Wagnis eingegangen, drei Texte aus diesem kaum übertragbaren späten Werk in einer zweisprachigen Ausgabe vorzulegen: "Geschichten von Shem und Shaun".

Bereits lange bevor "Finnegans Wake" erschien, wurden Teile des Riesenwerks separat veröffentlicht, darunter das berühmte Kapitel "Anna Livia Plurabelle", 1928 erschienen, und eben die "Geschichten von Shem und Shaun" (1929). Sie gehen auf eine zelebrierte Fehde zwischen Joyce und dem Schriftsteller Wyndham Lewis zurück, der den "Ulysses" ein "Monument wie ein Rekorddurchfall" und die Arbeiten zu "Finnegans Wake" "Kinderspielchen à la Gertrude Stein" genannt hatte. Joyce hielt dagegen - und schrieb weiter in seinem ungewöhnlichen, sprachspielerischen Duktus.

Sprachexperimente übersetzen

"As he set off with his father’s sword, his lancia spezzata, he was girded on, and with that between his legs and his tarkeels, our once in only Bragspear, he clanked, to my clinking, from veetoes to threetop, every inch of an immortal."

"Als auf er brach mit seines Vaters Schwort, seiner lancia spezzata, höhnenhaft umschlossen, und mit dem zwischen seinen Beinen und seinen Tearrhecken, unser einst und ziger Frechspeer, rasselte er, meins Erkrachtelns, von der Wehtuhsohl bis zum Dreischeintel, jeder Zoll eins Unsterblichen."

aus: James Joyce, "Geschichten von Shem und Shaun/Tales Told of Shem and Shaun", englisch und deutsch, herausgegeben und übersetzt von Friedhelm Rathjen, Suhrkamp Verlag

Die Arbeit des Übersetzers

Es ist kaum möglich, alle Bedeutungsebenen und Anspielungen, die Joyce in Sinn und Klang seines artifiziellen Wortschatzes unterbringt, ins Deutsche zu bringen. Man habe es mit einem "kühnen Buch für kühne Leser" zu tun, so Friedhelm Rathjen über "Finnegans Wake", und das Amt des Übersetzers könne es nur sein, "dafür zu sorgen, dass beide zusammenfinden." Seine Arbeit wirft keinen ganz neuen Blick auf Joyce - gerade für "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" lag bereits eine gute deutsche Übersetzung von Klaus Reichert vor. Der neue Text aber ist frischer und liest sich, vor allem in den umgangssprachlichen Passagen, "heutiger".

Die Bücher

  • James Joyce, "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann", aus dem irischen Englisch übersetzt von Friedhelm Rathjen, Manesse Verlag Zürich
  • James Joyce, "Geschichten von Shem und Shaun/Tales Told of Shem and Shaun", englisch und deutsch, herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Friedhelm Rathjen, Suhrkamp Verlag

James Joyce hatte bereits 1904 mit einem autobiografischen Roman mit dem Titel "Stephen der Held" begonnen. Nach fast vier Jahren Arbeit entschloss er sich, noch einmal neu anzufangen - und eine komplexere, gebrochenere Form zu wählen. So entstand das "Porträt". 1904 war auch aus anderen Gründen ein wichtiges Jahr für Joyce: Er begegnete Nora Barnacle, seiner späteren Geliebten und Ehefrau, die ihn tief beeindruckte. Am 16. Juni desselben Jahres wurden beide ein Paar - in welchem Sinne, darüber gehen die Joyce-Legenden auseinander; die züchtigeren Versionen berichten von einem ersten Kuss. Später ließ Joyce seinen "Ulysses" an diesem einzigen Tag spielen, und Joyce-Fans begehen das Datum noch immer als "Bloomsday", benannt nach der Hauptfigur des Romans, Leopold Bloom. Der Diwan nimmt den diesjährigen Bloomsday zum Anlass, die gerade erschienenen Neu-Übersetzungen von Joyce-Texten durch Friedhelm Rathjen vorzustellen.

Niels Beintker im Gespräch mit Andreas Trojan über Rathjens Joyce-Übertragungen, Diwan, 16. Juni 2012, 14.05 Uhr auf Bayern 2 (Wiederholung 22.05 Uhr)


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