Typisch brasilianisch Jorge Amado: "Die Werkstatt der Wunder"
In Pelourinho, der heruntergekommenen Altstadt von Salvador de Bahia, spielt "Die Werkstatt der Wunder". Es ist ein typischer Amado und gehört - wie Kenner des produktiven Brasilianers wissen - zu seinen besten Werken. Zum 100. erscheint der Roman in neuer Übersetzung.
Amado: der Geliebte - Nomen est omen. Der Nachname des am 10. August 1912 in Itabuna geborenen Schriftstellers ist Programm. Jorge Amado schreibt für sein Volk und über sein Volk und ist der wohl populärste Schriftsteller Brasiliens. Nicht nur in seiner Heimat: In fast 50 Sprachen sind seine Werke übersetzt worden. Und so wurde Bahia - und vor allem die von ihm so geliebten und wunderbar gezeichneten Mulatten von Bahia - in aller Welt berühmt. Sie prägten in Ost und West - allerdings ein bisschen verschieden - die Vorstellungen vom prallen Leben in dem Land, aus dem der Samba und der Karneval kommen.
"Es gibt auf der Welt keine besseren Menschen als das Mulattenvolk von Bahia."
Jorge Amado
Der "brasilianische Balsac"
Mit 16 gründete Amado mit Freunden die "Akademie der Rebellen", mit 20 schrieb er seinen ersten Roman und trat in die kommunistische Partei ein. Als die verboten wurde, ging er 1948 ins Exil nach Europa, wo er sich mit Jean Paul Sartre, Pablo Neruda und Anna Seghers befreundete. Letztere lobte ihn als "brasilianischen Balsac". Das soziale Elend in seiner Heimat und die vitale Findigkeit, mit der sich insbesondere die Ärmsten arrangieren, sind der Stoff seiner Romane. "Suor" 1935 (Das Mietshaus) erzählt vom Leben in den Mietskasernen von Bahia, "Mar Morto" 1936 (Tote See) vom harten Leben der Fischer in Bahia, "Sao Jorge dos Ilheús" 1944 (Das Land der Goldenen Früchte) dreht sich um die schwere Urbarmachung des Landes für die Kakao-Bohne - Amados Vater besaß eine Kakaoplantage.
Lebenslänglich rebellisch
Für seine frühen, im Geist des Kommunismus geschriebenen Romane wurde Amado 1951 mit dem Stalin-Friedenspreis ausgezeichnet. Doch vereinnahmen ließ er sich nicht vom Propaganda-Apparat; nach seiner Rückkehr nach Brasilien zog er sich bald aus der Politik zurück und widmete sich ganz dem Schreiben. Die "kleinen Leute", große und kleine Rebellen, Nichtetablierte, Verstoßene, denen es zu eng ist in der herrschenden Gesellschaft, bleiben sein Thema und sein Erfolgsrezept. Etwa die "Herren des Strandes", eine Bande von Straßenjungen, die in einem verfallenen Speicher hausen und mehr und weniger originell um Nahrung und ums Überleben kämpfen. Viele der Jungs werden kriminell, nur einer von ihnen, ein Künstler, genannt "Professor", schafft den gesellschaftlichen Aufstieg. Doch die bestehende Gesellschaft passt ihm nicht: der Künstler wird zum Arbeiterführer und Revolutionär. Der 1937 in Brasilien erschienene Roman wurde bald verfilmt und wurde zum Longseller.
Verführte, Verführerinnen und Aufrührer
Mario Vargas Llosa über Amado
"Jorge Amado vereint in sich die Begabung, Geschichten zu erzählen, mit einer großzügigen und unverstellten Menschenliebe, die er mit vollen Händen austeilt, und so, wo immer er sich befindet, um sich eine anregende Atmosphäre voller Wärme schafft, die denjenigen, der das Glück hat, von ihr umfangen zu werden, mit dem Leben versöhnt und glauben lässt, dass die Menschen auf dieser Erde vielleicht doch besser sind, als sie scheinen. "
Rebellisch ist auch Gabriela in dem 1958 erschienenen- wohl meistverkauften Roman von Amado: "Gabriela wie Zimt und Nelken". Doch die junge Mulattin zeichnet sich noch durch etwas anderes aus, das Amado lebenslänglich fasziniert und nicht losgelassen hat: eine ungeheure Vitalität und den Zauber der Schönheit. Gabriela flieht aus ihren armen Verhältnissen im dürren Landesinneren nach Bahir und nimmt in einer Hafenstadt eine Stelle als Köchin an. Der Besitzer des Lokals will die so ungenierte wie attraktive Frau nur für sich und heiratet sie. Doch die Ehe mit all den Regeln und Konventionen bekommt ihr nicht, engt sie ein. Gabriela merkt, dass sie ihre Reize verliert - auch für ihren Mann - und flieht in die Arme eines anderen Mannes. Ihr Ehemann annulliert die Ehe - sie blüht wieder auf und wird erneut zu seiner Geliebten und Köchin.
Gedenkfeier zum 100. Geburtstag
Die Vorbereitungen der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Pedro Archanjo stehen im Zentrum des jetzt zum 100. Geburtstag von Amado neu erscheinenden Romans "Die Werkstatt der Wunder". Pedro Archanjo ist eine typische Amado-Figur: Frauenheld und Säufer, engagierter Kämpfer gegen Rassismus und ein Mulatte aus dem ärmsten Viertel von Salvador da Bahia. Seine Heimat wird erst durch den Besuch und die Nachfrage eines Nobelpreisträgers aus der Columbia-Universität auf den 25 Jahre zuvor volltrunken in der Gosse gestorbenen Mann aufmerksam: Archanjo soll ein bedeutender Ethnologe gewesen sein, der mit akribischer Quellen-Analyse nachgewiesen hat, dass große Teile der brasilianischen Intelligenz - Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Bischöfe - von schwarzen Vorfahren abstammen. Archanjo - in diesem Punkte deutlich das Alter Ego von Amodo - beschwor demnach in bahnbrechenden Werken die Segen der Rassenmischung in Bahia. Der amerikanische Nobelpreisträger triit zu Beginn des Romans eine produktive Legenden- und Mythenbildung über Archanjo los, - Amado gelingt mit diesem Roman eine grandiose Wissenschafts- und Mediensatire voller Humor.
"Werkstatt der Wunder"
"'Wer ist dieser Pedro Archanjo, von dem man noch nie gehört hat', fragten sich verblüfft die Journalisten. In der Hoffnung, ein Stichwort zu erhalten, erkundigte sich einer, auf welchem Weg Levenson von dem brasilianischen Autor erfahren habe. 'Ich habe seine Bücher gelesen', antwortete der Gelehrte, 'seine unvergänglichen Bücher'."
Jorge Amado: "Die Werkstatt der Wunder". Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner
S. Fischer Verlag 2012, 432 Seiten.
"Nach der Lektüre von DIE WERKSTATT DER WUNDER kann man Amado nicht mehr als populären Unterhaltungsschriftsteller abtun, sondern muss den Hut ziehen vor einem Autor, der nichts von der Ausgrenzung des Anderen hält, sondern auf Austausch und Vermischung setzt, ohne die Wunder des Lebens aus den Augen zu verlieren."
Margrit Klingler-Clavijo
Magrit Klinger-Clavijo porträtiert Jorge Amado zum 100. Geburtstag und stellt seinen neu übersetzen Roman "Die Werkstatt der Wunder" vor: Diwan am Samstag, 11. August 2012, 14.05 Uhr (Wiederholung 22.05 Uhr), Bayern 2.

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