Bayern 2 - Diwan

Kapitalismuskritik Ingo Schulze: "Unsere schönen neuen Kleider"

Früher kam ihm das Wort "Unrechtstaat" für die DDR leicht über die Lippen. Doch seit geraumer Zeit blickt Ingo Schulze höchst skeptisch auf die Wende. Etwa in seiner jetzt gedruckten Dresdener Rede: "Unsere schönen neuen Kleider".

Stand: 24.10.2012
Ingo Schulze | Bild: picture-alliance/dpa

"Mein Problem ist nicht der Verlust des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens", sagte der 1962 in Dresden geborene Schriftsteller einmal. Er meinte damit den Westen, wie ihn damals viele von Osten aus wahrgenommen hatten: als ein demokratisches Gemeinwesen mit hohen sozialen Standards. Im Zuge der Wiedervereinigung, die, wenn sie wirklich eine Vereinigung gewesen wäre, auch Gesetze und Rechte - wie das Recht auf Arbeit und ein kostenloses Gesundheitssystem - aus der DDR übernommen hätte, spätestens aber seit der Finanzkrise ist dem Schriftsteller das Vertrauen in diesen verlockenden Westen gründlich abhandengekommen.

Unser schönes neues demokratisches Kleid

"Marktkonforme Demokratie"

"Eigentlich muss man Angela Merkel dafür dankbar sein, dass ihr der Begriff der 'marktkonformen Demokratie' entschlüpft ist. Denn damit hat sie unsere demokratische Verfasstheit auf den Punkt gebracht. Die Analogie zu Putins 'gelenkter Demokratie' erleichtert das Verstehen. Wären die großen Medien aufmerksamer gewesen, hätten sie die Bundeskanzlerin bitten können, diesen Begriff zu erklären. Aber nicht einmal das wurde ihr abverlangt. Marktkonforme Demokratie ist das allerschönste unserer neuen demokratischen Kleider, an dem öffentlich meines Wissens noch niemand Anstoß genommen hat."
Ingo Schulze in seiner Dresdener Rede

"Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert": In diesem Gemeinplatz spitzt sich Ingo Schulzes Erkenntnis über den Westen zu, über den Westen, der sich dem Markt, statt sozialer Gerechtigkeit und Freiheit verschreibe und das auch noch erfolgreich als Demokratie verkaufe. Damit soll jetzt Schluss sein: Wie das kleine Kind in Andersens Märchen spricht Schulze aus, was Sache ist, was jeder sieht, aber keiner sich zu sagen traut: Dass eine "marktkonforme Demokratie" - ein verräterischer Ausdruck von Angela Merkel - keine Demokratie mehr ist. Und er sucht Mitstreiter und Mitzeugen dieser simplen Wahrheiten über unser Land, damit aus unserer umjubelten marktkonformen Demokratie ein demokratiekonformer Markt werde. Sein politischer Traktat "Unsere schönen neuen Kleider" trägt denn auch den programmatischen Untertitel: "Gegen eine marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte!"

Schließungen von Schwimmbädern, Bibliotheken, Musikschulen, Jugendzentren, Privatisierung von Schulen, Krankenhäusern und Bahnlinien: Schulze fährt mit vielen Beispielen und Zahlen auf, um zu demonstrieren, dass unser Gemeinwesen in den vergangenen 20 Jahren "systematisch gegen die Wand gefahren" wurde - und das von demokratisch gewählten Volksvertretern! Begonnen habe diese verheerende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche mit dem Beitritt des Ostens zum Westen, ein Beitritt, der nach Schulze nicht den Namen "Wiedervereinigung" verdient.

"Unsere schönen neuen Kleider"

"Der Westen in seiner real existierenden Form besaß nach seinem eigenen offiziellen Selbstverständnis keinen Gegenentwurf mehr, wir waren in einer alternativlosen Welt angekommen. Demokratie, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Wohlstand schien es nur in einer Marktwirtschaft geben zu können, in der es Privateigentum an Produktionsmitteln gab. ... Aus einer Welt ohne Alternative leitet sich eine Politik ab, die den logischen Unsinn von 'alternativlosen Entscheidungen' propagieren darf."
Ingo Schulze in: "Unsere schönen neuen Kleider", 80 Seiten, Hanser Berlin

Cornelia Zetzsche spricht mit dem Autor über seine Kapitalismuskritik, Samstag, 27. 10. 14.05 Uhr im Diwan auf Bayern 2.

Mut zum Simplen

Ingo Schulze trennt plakativ die gierigen Bösewichte vom gebeutelten Volk, die Betrüger von den Betrogenen und betont in seinem wütenden Traktat wiederholt, dass er Gemeinplätze von sich gibt. Ja er riskiert ausdrücklich - und kokettiert damit -, deswegen "dumm" genannt zu werden. Mit dieser Geste, endlich etwas auszusprechen, was offenkundig ist, aber von fast allen verschwiegen wird, gleicht er dem selbsternannten Tabubrecher Günter Grass. Wie der in die Jahre gekommene Nobelpreisträger so feiert sich auch Schulze als einer, der sich aufgrund des Ernstes der Lage mit seinen simplen Wahrheiten (endlich) ernst nimmt und etwas sagt. Ob das unter Umständen ein bißchen zu simpel und schwarz-weiß-gemalt ist, sei dahingestellt.

Ingo Schulze

1995, mit 32 Jahren debütierte der Dresdener Akademiker-Sohn - sein Vater ist Physiker, seine Mutter Ärztin - mit dem Buch: "33 Augenblicke des Glücks" und wurde gleich mehrfach dafür ausgezeichnet. Seine "Simple Storys" machten Ingo Schulze 1998 über Nacht berühmt und die Short Story zu einem auch in Deutschland gekonnten Genre. Für den Erzählband "Handy" bekam er 2007 den Leipziger Buchpreis. Mit dem Roman "Adam & Evelyn" setzte Ingo Schulze 2008 seine Reihe der Geschichten rund um den Fall der Mauer fort und erwies sich einmal mehr als ein "herausragender Chronist des wiedervereinigten Deuschland", wie die Mainzer Jury ihm bescheinigte.


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