"Das Zeitalter der Erkenntnis" Eric Kandel über Wien um 1900
Was geschieht im Gehirn, wenn wir Kunst betrachten? Um das herauszufinden, schließt der Neurobiologe Eric Kandel an einen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft an, der als Erforschung des Unbewussten in Wien um 1900 seinen Anfang nahm.
Freud, Schnitzler, Klimt, Kokoschka, Schiele: Das Wiener Fin de Siècle verbindet man mit großen Namen. Literatur und Kunst suchten nach neuen Bildern vom Menschen, seinen Emotionen und seinem Körper, die junge Psychoanalyse entwarf ein Modell des Unbewussten, Architektur und Design gestalteten das Lebensumfeld im freien Ornament des Jugendstils - oder arbeiteten gerade an einer funktionalen Reduktion der Formen. Das Bewusstsein von einem entschiedenen Aufbruch aus überkommenen gesellschaftlichen und ästhetischen Konventionen verband all diese unterschiedlichen Personen und Bewegungen.
Der Blick nach innen
In dieses kulturelle Umfeld führt der Neurowissenschaftler Eric Kandel in seinem neuen Buch "Das Zeitalter der Erkenntnis". Kandel, selbst 1929 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren, emigrierte als Neunjähriger mit seiner Familie in die USA. Das Geistesleben seiner Heimatstadt um die Jahrhundertwende ist Kandel vertraut geblieben, nun untersucht er es in Wechselwirkung mit dem wissenschaftlichen, vor allem medizinischen Fortschritt dieser Zeit. Natürlich ist Sigmund Freud hier die dominierende Gestalt. Als junger Neurologe behandelte er Hysterie-Patienten mit einer Kombination aus Hypnose und Psychotherapie und ließ sie den Blick nach innen richten, um ihre private Geschichte, ihre vielleicht verborgene Vergangenheit aufzuspüren.
Hintergrund
Wir steuern unsere Handlungen nicht nur bewusst, sondern sind von unbewussten Motiven getrieben - das war die große Erkenntnis Freuds. Er teilte sie mit Künstlern seiner Zeit wie Klimt oder Schnitzler, und für Kandel ist sie eins von drei Hauptmerkmalen der "Wiener Moderne": als die "neue Sichtweise, den menschlichen Geist im Grunde als von Natur aus irrational zu betrachten". Auch Sexualität und Aggression wurden unter dieser Perspektive ganz neu wahrgenommen und gedeutet. Als zweites Merkmal nennt Kandel die Selbstbetrachtung, der sich Psychologen und Künstler unterzogen, als drittes den Versuch, Wissen zu vernetzen und Kultur und Naturwissenschaft in einen Dialog zu bringen.
Die Biologie des Geistes
Darwins Ansatz, auch den Menschen biologisch zu betrachten, revolutionierte das Menschenbild - und die Wiener Intellektuellen waren besonders empfänglich für die Botschaft dieser Revolution. So etwa der Pathologe Carl von Rokitansky, dessen Rolle Eric Kandel in seinem Buch darstellt.
Hintergrund
Rokitansky war ein Anhänger Darwins und als führender Kopf der Wiener Medizinischen Schule an der stärker wissenschaftlichen Ausrichtung der medizinischer Forschung beteiligt, die klinische Untersuchungen systematisch mit Ergebnissen von Autopsien verknüpfte. So leistete er auch erste Beiträge zur Hirnforschung, die spätere Generationen ausarbeiteten. Schnitzler war Student an der Medizinischen Schule, Freud studierte in einer Zeit, in der Rokitansky höchst einflussreich war, Klimt beschäftigte sich gründlich mit Erkenntnissen der Biologie: Künstler und Wissenschaftler erforschten, mit ihren je unterschiedlichen Mitteln, die Tiefen der Seele. Und man war vernetzt, man kannte sich, debattierte, tauschte sich aus - in Ateliers, Labors oder im Café Central.
Kunstbetrachtung und Hirnforschung
Der zweite Teil von Eric Kandels Buch verlässt die historische Perspektive und macht die Biologie ästhetischer Erfahrung direkt zum Thema. Verschiedene Betrachter sehen in einem Kunstwerk Verschiedenes, dieses Sehen also ist selbst kreativ. Was aber passiert im Gehirn, wenn wir Kunst betrachten? Der Hirnforscher Kandel behandelt unter anderem die Grundlagen der Verarbeitung visueller Bilder, die Gesichtswahrnehmung, die Rolle von Erinnerungen für das Sehen, die körperliche Äußerung von Emotionen und die biologische Reaktion auf Schönheit und Hässlichkeit.
Eric Kandel im Gespräch
Solche biologischen Vorgänge zu kennen, bedeutet nach Kandel nicht, das Geistige zu trivialisieren. Vielleicht können sie, als Ergänzung zur traditionellen Introspektion, sogar künstlerische Ausdrucksformen anregen. Die Möglichkeiten der neueren Hirnforschung im Dialog mit den Kulturwissenschaften zu nutzen, um Kreativität besser zu verstehen, das könnte, so schreibt Kandel ganz zum Schluss seiner Untersuchung, "eine neue Dimension der Geistesgeschichte eröffnen". Und darin klingt das Pathos der "Wiener Moderne" noch einmal an.
Eric Kandel
Auch die Vita von Eric Kandel verbindet Kulturwissenschaft und Hirnforschung. Geboren 1929 in Wien, emigrierte Kandel 1939 mit seiner jüdischen Familie in die USA, wo er später Geschichte und Literatur in Harvard und Medizin in New York studierte. An der dortigen Columbia University ist er seit 1974 als Professor tätig und beschäftigt sich vor allem mit den biologischen Grundlagen des Gedächtnisses. Kandel gehört zu den bedeutendsten Neurowissenschaftlern der Gegenwart, im Jahr 2000 erhielt er den Medizin-Nobelpreis.
Günter Kaindlstorfer hat "Das Zeitalter der Erkenntnis" von Eric Kandel für das Büchermagazin auf Bayern 2 gelesen. Zu hören ist seine Besprechung im Diwan am Samstag, 20. Oktober 2012, 14.05 Uhr (Wiederholung 22.05 Uhr).

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