Nudist in der Südsee Christian Krachts "Imperium"
Splitterfasernackt lebt er in der Südsee, ernährt sich ausschließlich von Kokosnüssen und will damit die Welt verändern. August Engelhardt heißt dieser Freak, und es hat ihn wirklich gegeben. Kracht erzählt seine Geschichte. Aber warum?
Klar, der Aussteiger Engelhardt passt bestens in den Reigen der Exzentriker, der nihilistischen Snobs und Existenzialisten, mit denen Kracht, Jahrgang 1966, seit "Faserland" die deutschsprachige Gegenwartsliteratur belebt. Indes, nach Gegenwart klingt sein neuer Roman ganz und gar nicht. Das liegt an den langen, mit vielen Adjektiven gespickten, verschachtelten Sätzen. Vor allem aber daran, dass Kracht in seinem neuen Roman mit offenkundiger Hingabe den allwissenden Erzähler des 19. Jahrhunderts mimt, der das Leben seines Protagonisten souverän überblickt und deutet, in Vor- und Rückblenden und unterschiedlicher Geschwindigkeit erzählt.
Abenteuerroman der anderern Art
Der "echte" August Engelhardt
1875 in Nürnberg geboren, wanderte der lebensreformbewegte Nudist, Vegetarier und Pharmazeut mit 26 Jahren aus nach Papua Neuguinea in eine Kolonie des Wilhelminischen Reiches und kaufte auf Kabakon, einer kleinen vorgelagerten Insel, eine Kokosplantage. Dort wurde er zum Kokovoren - Engelhardt ernährte sich ausschließlich von dem Fett, dem Fruchtfleisch und der Milch der Kokosnus - und predigte, dass diese göttliche Frucht und die Sonne alles sei, was der Mensch brauche. Auf diesen Prinzipien gründete er den Sonnenorden, der allerdings wenig Zulauf hatte - einige seiner raren Anhänger fanden einen rätselhaften Tod. Engelhardt selbst starb vereinsamt und völlig geschwächt von der Mangelernährung 1919 auf Kabakon.
Dabei bedient sich Kracht wieder munter und voller Ironie bei seinen geschätzten Vorfahren - imitiert sie virtuos, zitiert sie und zitiert sie her. So tauchen mehr und weniger versteckt Thomas Mann, Hermann Hesse, Jack London und viele andere im Zuge von Engelhardts Südsee-Experiment auf, mit dessen historischen Koordinaten es der Schweizer Schriftsteller nicht allzu genau nimmt. Der historisch verbürgte Engelhardt hatte vorübergehend ein paar Anhänger und Geschäftspartner mehr als Kracht es ihm andichtet, dafür lässt Kracht ihn gut ein Vierteljahrhundert älter werden: Statt seines neuen deutschen Kokovorenreiches ist am Ende seines Lebens das "Imperium" der Amerikaner angebrochen und GIs beglücken den ausgemergelten Engelhardt mit Cola, Hotdog und der Aussicht, bald zum Hollywood-Helden zu werden mit seinen kuriosen Abenteuern.
Südsee-Ballade, Parabel oder was?
Der Roman ist indes weit mehr als eine ironisch gebrochene, höchst kunstvoll angelegte Abenteuergeschichte. Engelhardt, dieser durchgeknallte Phantast mit Erlösergebaren, steht hier stellvertretend für Hitler, wie Kracht bald verrät: "So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent."
"Die exquisiteste Barbarei"
Und so erzählt Kracht Engelhardts zivilisationsmüden Rückzug aus der Moderne nicht als die Wieder-Eroberung paradiesischer Zustände in der Südsee, sondern als ein "Schritt zurück in die exquisiteste Barbarei". Wir erfahren, wie der sonst schüchterne Engelhardt die Eingeborenen mit seinem "Zauber, mana" umgarnt und seine neu erworbenen Fürhungsqualitäten nackt auf einem Stück Treibholz stehend mit pantomimischen Gesten unter Beweis stellt. Er ermordet schließlich den homosexuellen Freund und wird mit wachsendem Wahn zum Anthropophagen. Er isst den eigenen Daumen und die Finger seines ergebenen Dieners und stellt auf der ganzen Insel Menschenfallen auf. Der Gouverneur der Kolonie hält den wahnsinnigen Nackten schließlich für untragbar und stiftet einen an, Engelhardt zu ermorden .... .
"Türsteher der rechten Gedanken"?
So weit so stellvertretend. Die gewollte Parallele zwischen dem lächerlichen, bösartigen Phantasten Engelhardt und Hitler hat Spiegel-Rezensent Georg Diez bereits vier Tage vor Erscheinen des Romans auf den Plan gerufen. Ohne diese Parallele könne man den Roman ja noch als Satire auf den gegenwärtigen Vegetarismus mit seiner Reinheits- und Erlösungssehnsucht lesen, so aber vermittle er menschenverachtende Anschauungen, Rassismus und Antisemitismus. Kracht mache sich hier zum "Türsteher rechten Gedankenguts". Das belegt Diez natürlich nicht allein mit Stellen aus dem Roman, denn dessen ironisch-satirischer Ton ist ihm nicht verborgen geblieben. Er untermauert dies zum Einen mit seiner Beobachtung einer zunehmend ästhetizistisch-nihilistischen Tendenz in Krachts anderen Romanen und Essays. Zum anderen mit Zitaten aus dem bereits früher auch andernorts kritisch beäugten E-Mail-Wechsel zwischen Kracht und dem Amerikaner David Woodard: "Five Years". Darin schwärmt der amerikanische Komponist von "Nueva Germanie" einer deutschen Kolonie in Paraguay, einem "arischen Vakuum in der Mitte des Dschungels" und finde Krachts einhellige Zustimmung.
Ein ausgewachsener Literturskandal
Die Reaktion des Verlags folgte prompt: Noch am gleichen Montag wehrte sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch gegen den "Vorwurf der Verbreitung rassistischen Gedankenguts" und betonte: "Der Roman ist eine komplexe literarische Parabel auf die Abgründe, Verirrungen und Gefahren, die in romantischen deutschen Selbstermächtigungen seit dem 19. Jahrhundert angelegt sind". Ein paar Tage später ließ er vermelden, dass Kracht so "bedrückt" wegen der Vorwürfe sei, dass er von seiner Lesetour durch Deutschland erst einmal Abstand nehme. Also hat hier einer - Georg Diez - gründlich etwas missverstanden? Und wenn ja, wie kommt er dazu?
Distanziert wie ein Anthropologe
Beischlaf exotisch
"Schon sinken sie hin und das Fluidum ihrer Gelenkigkeit stockt, verwandelt sich in automatisierte Bewegungen, die von Ferne betrachtet dem Rhythmus einer absurden Mensch-Maschine nahekommen; sie wirken wie ineinander verschlungene, halbnackte Puppen, die am Boden liegend einen spastischen Engtanz absolvieren".
Liegt es vielleicht auch daran, dass Kracht statt der von Haus aus beschränkten Ich-Perspektive nun die Rolle eines allwissenden Erzählers wählt, der meist offensiv im Unbestimmten lässt, was er von den Meinungen und Aktionen seiner durchwegs bösartigen deutschen Südsse-Bewohner hält? Sein Blick auf das Geschehen - etwa auf den Beischlaf von Emma Forsayth-Coes, genannt "Queen Emma", von der Engelhardt seine Plantage erworben hat, und seinem vorübergehenden Anhänger, dem Pianisten Max Lützow, gleicht dem des unbeteiligten Anthropologen, der exotische Zoobewohner beschreibt. Manchmal aber bezieht dieser Erzähler dann doch Stellung - und irritiert damit: Etwa, wenn er eigens betont, dass der zunächst nicht antisemitische Engelhardt am Ende auch zum Antisemiten wurde, und dass das nichts mit seinem sonstigen, der Mangelernährung geschuldeten Wahnsinn zu tun habe: "Es gab keinen kausalen Zusammenhang zwischen seiner krankheitsbedingten Irritabilität und dem Judenhaß, nichtsdestotrotz sprudelte es munter aus ihm heraus; wieviel Schuld sich das mosaische Volk ihm gegenüber doch aufgeladen habe".
Christian Kracht: "Imperium". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten. Martin Zeyn hat den Roman für den Diwan gelesen, Samstag, 18. Februar, 14.05 Uhr auf Bayern 2.

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