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Neuübersetzung "Die Blumen des Bösen" von Charles Baudelaire

Er gilt als dekadent, als Dandy und Junkie, für Jean-Paul Sartre war er ein Reaktionär, für Walter Benjamin ein Revolutionär. Zum 150. Todestag des großen Poeten, sind seine Gedichte in einer neuen Übersetzung neu zu entdecken.

Von: Andreas Trojan

Stand: 02.08.2017

Buchcover: Charles Baudelaire, "Die Blumen des Bösen" | Bild: Rowohlt, Montage BR

Charles Baudelaire stammte aus bürgerlichen Kreisen, sein Stiefvater Jacques Aupick schaffte es bis zum General. Doch Baudelaire selbst empfand sich als anti-bourgeois, als „poète maudit“, als ein verfemter Dichter. Das war nicht nur eine künstlerische Attitüde. Denn seine berühmte Gedichtsammlung, die „Fleurs du Mal“, die „Blumen des Bösen“ fiel in der Erstausgabe von 1857 der Zensur zum Opfer.

Gotteslästerung? Zensiert und gestrichen

Baudelaire befand sich damals in guter Gesellschaft. Auch Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ war im Februar des gleichen Jahres gerichtlich verfolgt worden. Die Vorwürfe auf Seiten der Staatsanwaltschaft lagen ähnlich: Gotteslästerung und Beleidigung der öffentlichen Moral. Die „Blumen des Bösen“ erschienen in verschiedenen Fassungen und beinhalten in der Gesamtausgabe 150 Gedichte. Sechs davon mussten aus dem ursprünglichen Band entfernt werden – Baudelaire huldigte in einigen von ihnen der lesbischen Liebe. Doch diese lyrischen Texte waren nicht die einzigen, die Anstoß erregten.

"Der Teufel selbst hält die Fäden, die uns führen!
Die abstoßenden Dinge wecken unsern Appetit;
Zur Hölle steigen ab wir täglich Schritt für Schritt
Durch finstren Pesthauch, ohne Grauen zu verspüren."

Baudelaire: Die Blumen des Bösen, übersetzt von Simon Werle

Baudelaires Gedichte mit Patina

Mit diesen starken Versen beginnt Baudelaires Gedichtsammlung „Die Blumen des Bösen“. Hier, in der Neuübersetzung von Simon Werle, zeigt sich gleich eines: Der Übersetzer versucht, Baudelaires Verse so wortgetreu wie möglich ins Deutsche zu übertragen. Damit bleibt sozusagen die „Patina“ von Baudelaires Französisch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten. Simon Werles Übersetzung ist also keine „modernistische“, sie ist aber auch keine, die versucht, Baudelaires Gedichten einen eigenen lyrischen Stempel aufzudrücken – wie dies etwa bei den Übertragungen von Stefan George der Fall gewesen ist.

Himmel und Hölle

Das oben zitierte Eingangsgedicht, so der Titel, ist „Dem Leser“ gewidmet. Der Dichter steigt mit ihm in die Hölle, lacht das Böse förmlich an. Doch eben dieser Leser staunt nicht schlecht, wenn ein Gedicht später Baudelaire für sich und seine Leserschaft Gott anruft. – „Segen“ heißt der Text. Will der Dichter, dieser Mann der Widersprüche, damit seine Leser in die Irre führen?! Könnte Baudelaire uns antworten, so würde er vermutlich sagen, dass man den Untertitel, der die erste Abteilung der Gedichte zusammenfasst, ernst nehmen sollte: „Spleen und Ideal“. Der „Spleen“ meint eine fixe Idee, die einen gemütskrank machen kann. Die große Schwester des „Spleen“ ist die „Melancholie“. Spleenig-melancholisch ist Baudelaire, weil das Schöne in der modernen Welt dahinschwindet. Und doch hält er am Ideal der Schönheit fest, möge sie vom Himmel oder aus der Hölle kommen.

"Von Satan oder Gott, was liegt daran? Engel, Sirene,
Was liegt daran, machst du nur – du samtäugige Fee,
Duft, Rhythmus, Glanz, o meine königliche Schöne! –
Die Welt mir minder öd, die Augenblicke minder weh?"

Baudelaire: Die Blumen des Bösen, übersetzt von Simon Werle

"Die Modernität"

Charles Baudelaire prägte für seine Dichtung den Begriff der „modernité“, die „Modernität“. Das ist nicht die „Moderne“, die mit ihren Avantgarden das Alte und Überkommene zertrümmern möchte, sondern eine Kunst- und Lebenshaltung, die das Flüchtige des spleenigen modernen Großstadtlebens mit dem Ideal, der Idee verbinden möchte.

"Die Modernität ist das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige, die eine Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unwandelbare ist."

Charles Baudelaire

Zufall und Vergänglichkeit sind auch heute allzu vertraute Begleiter unseres modernen Lebens. Doch sehnt man sich angesichts schnell wechselnder und flüchtiger Perspektiven nicht nach einem ideellen Halt – und sei es nur ein vorgestelltes „Unwandelbares“? Vielleicht sind uns Baudelaires Verse näher als wir denken.

Am Schönsten hat Baudelaire die Doppeldeutigkeit der „Modernität“ in dem Gedicht „À une passante“, „An eine, die vorübergeht“ zur Sprache gebracht. Man befindet sich auf einem belebten Pariser Boulevard. Ohrenbetäubender Lärm, Menschenmassen, Gestank umgeben einen. Der Dichter als Flaneur schlendert dahin, da streift ihn flüchtig der Blick einer schönen Dame.

"Geschmeidig, stolz; dem einer Statue glich ihr Bein.
Ich selber sog, verkrampft wie im Bann des Wahns,
Im Himmel ihres Augs, der fahlen Wiege des Orkans,
Die Süße, die berückt und Lust, die tötet, ein."

Baudelaire: Die Blumen des Bösen, übersetzt von Simon Werle

Schönheit des Flüchtigen

Im Flüchtigen des Großstadtgetümmels, wo sich in Sekunden die Wahrnehmung verändert, nimmt der Flaneur die vorbeieilende Schöne wahr und gibt sich dem Ideal hin, indem er die Dame zur „Statue“ der Schönheit emporhebt. Doch schon wieder reißt das Flüchtige die Macht an sich, das Ideal wird zum „Spleen“, zum Moment der Trauer.

"Woanders, weit von hier! Zu spät! Vielleicht gar nie!
Wohin du fliehst, bleibt mir, mein Ziel dir unerahnt.
O dich hätt ich geliebt – o dich, die es erkannt!"

Baudelaire: Die Blumen des Bösen, übersetzt von Simon Werle

Baudelaire, der Klassiker - vielfach übersetzt

An Teilübersetzungen der „Blumen des Bösen“ ins Deutsche mangelt es nicht. Einflussreich wurde die Auswahl von Stefan George, die Charles Baudelaire in Deutschland berühmt machte. Ebenso sei Walter Benjamin genannt, der den Gedichtteil „Tableaux Parisiens“ übertrug, also die Abteilung, in der Baudelaire sich auf das Leben in der Seine-Metropole konzentrierte. George wie Benjamin haben zwar Reim und Rhythmus Baudelaires beizubehalten versucht, fühlten sich aber weniger dem Originaltext verpflichtet. Erwähnt sei noch die Gesamtausgabe von Baudelaires Werken von 1989, in der der Romanist Friedhelm Kemp und sein Team die Gedichte der „Blumen des Bösen“ in einer schlichten Prosafassung übersetzten. Der Übersetzer und Autor Simon Werle hat sich nun an die Mammutaufgabe gewagt und alle Gedichte der „Fleurs du Mal“ neu übersetzt. Man muss festhalten, dass er Erstaunliches geleistet hat: In seiner Übersetzung wird in jedem Gedicht – man könnte sagen: in jedem Vers! – deutlich, wie Baudelaire den künstlerischen wie auch weltanschaulichen Spagat zwischen dem Flüchtigen der modernen Welt mit seiner melancholisch-spleenigen Reflexion und der Sehnsucht nach Ideal und Unwandelbarem zu verbinden trachtete. Genau das hat Werle sprachlich exakt erfasst.

"La forme d’une ville
change plus vite, hélas ! que le cœur d’un mortel."

Charles Baudelaire

"Noch schneller umgestalten / als Menschenherzen kann sich, ach, die Form der Stadt"

Baudelaire: Die Blumen des Bösen, übersetzt von Simon Werle

Natürlich gilt es da und dort, Kompromisse einzugehen, schon allein wegen der Beibehaltung des Reims, doch wer ein wenig das Französische beherrscht, kann ja in der jetzigen Ausgabe den Originaltext zurate ziehen. Da es Simon Werle gelungen ist, die formale Virtuosität und die lyrische Gestaltungskraft Baudelaires ins Deutsche hinüberzutragen, ist seiner Übersetzung der „Fleurs du Mal“ bleibender Erfolg zu wünschen – Ein Lesegenuss ist Baudelaires Lyrik ohne Zweifel.

Das Buch

Charles Baudelaire: "Les Fleurs du Mal" "Die Blumen des Bösen" Gedichte. Übersetzt von Simon Werle. Zweisprachige Ausgabe. Rowohlt, 528 Seiten, 38 Euro.


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