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Neue Übersetzung "Die Baugrube" von Andrej Platonow

"Die Baugrube" von Andrej Platonow reflektiert meisterhaft den Versuch, auch mit der Sprache den neuen sozialistischen Menschen zu schaffen. Der Roman galt lange als unübersetzbar, nun liegt eine deutsche Fassung von Gabriele Leupold vor.

Von: Christine Hamel

Stand: 11.01.2017

Buch: Andrej Platonow "Die Baugrube" | Bild: Suhrkamp Verlag

Das berühmte Verdikt stammt von Joseph Brodskij: Andrej Platonow sei so gut wie unübersetzbar, weil er davon schreibe, wie eine ganze Nation Opfer ihrer eigenen Sprache geworden sei. Platonow, so der russische Dichter und Nobelpreisträger, erzähle eine "Geschichte über diese Sprache, die eine fiktive Welt hervorzubringen vermag und dann in grammatikalische Abhängigkeit von ihr gerät." Wenn die Übersetzerin Gabriele Leupold sich nun über dieses Urteil hinweggesetzt und Platonows 1930 geschriebenen Roman "Die Baugrube" ebenso radikal wie empfindsam neuübersetzt hat, darf man das als einen außerordentlichen Glücksfall für die Literatur feiern. Sie ist – auch auf Deutsch – reicher um Sätze, die vom Neusprech der sozialistischen Ideologie durchtränkt sind und ihn im selben Atemzug ad absurdum führen.

"Während der Revolution blafften in ganz Russland Tag und Nacht die Hunde, aber jetzt waren sie verstummt; die Arbeit war angebrochen, und die Werktätigen schliefen in Ruhe. Die Miliz schützte von außen die Stille der Arbeiterwohnungen, damit der Schlaf tief und nahrhaft sei für die morgendliche Arbeit. (…) Paschkin spürte, als er seine Frau hörte, Liebe und Gelassenheit – das hauptsächliche Leben kehrte wieder zu ihm zurück. 'Olguschka, mein Goldfisch, du spürst ja gigantisch die Massen! Dafür lass mich dir mich anorganisieren!'"

Andrej Platonow, Die Baugrube

Enthusiasmus und Existenzzweifel

Da, wo der neue Mensch geschaffen werden soll, darf natürlich auch die Sprache als Elementargewalt nicht die alte bleiben. Andrej Platonow hat ein Sprach-Grammatik-Artefakt erschaffen, das die ganze Ausweglosigkeit des "neuen Menschen" vor Augen führt.

Andrej Platonow, der "berühmteste Unbekannte der russischen Literatur"

Stalins berühmtes Diktum von den "Schriftstellern als Ingenieuren der Seele" wendet er ins humanistische Gegenteil: Platonow schaut den Ingenieuren in die Seele und findet dort unter diktiertem weltentwerfenden Enthusiasmus lauter Existenzzweifel und Traurigkeit. Der Roman "Die Baugrube" erzählt von Arbeitern, die in einem Provinzstädtchen ein "gemeinproletarisches Haus" errichten wollen und dazu eine Grube ausheben. Die Baustelle verheißt eine neue, künftige Ordnung und Neugliederung der Welt, auf die die Menschen ekstatisch zufiebern. Die Hauptfigur des nur 130 Seiten langen Romans ist Woschtschew, ein Zweifler, der mit autobiografischen Zügen des Autors ausgestattet ist. Dieser Woschtschek, in dessen Name das russische Wort für Wachs – wosk – eingeschrieben ist, hat wegen "Nachdenkens über den Plan des Lebens" seinen Arbeitsplatz in einer Fabrik verloren und auf der Baustelle angeheuert. Eine riesige Grube muss ausgehoben werden, aber so richtig zügig-enthusiastisch geht das nicht voran.

"'Das Tempo ist flau', erklärte Paschkin den Arbeitsleuten. 'Weshalb scheut ihr, die Produktivität zu erhöhen? Der Sozialismus wird auch ohne euch auskommen, aber ihr werdet ohne ihn umsonst leben und dann krepieren.'(…) Beklommen von Paschkins Vorwurf, schwiegen die Arbeitsleute zur Antwort. Sie standen und sahen: wahr spricht der Mann – schneller muss man die Erde graben und das Haus hinstellen, sonst stirbt man und kommt nicht nach. Mag das Leben jetzt vergehen wie der Fluss des Atems, aber dafür kann man es mittels des Aufbau des Hauses gedeihlich organisieren – für das künftige unbewegliche Glück und für die Kindheit."

Andrej Platonow, Die Baugrube

Das Scheitern einer Utopie

"Die Baugrube" ist ein Gedankendrama, ein allegorischer Roman, der zahlreiche Bilder aus der Bibel aufgreift und vom Scheitern einer Utopie erzählt. Mehr noch, er schaufelt allen hochfliegenden, utopischen Plänen ein Grab. Und zwar eines, das es wirklich gegeben hat. Während die Arbeiter eine Baugrube ausheben, toben die brutale Kollektivierung der Landwirtschaft und die sogenannte "Entkulakisierung" - im Roman heißt es, dass die Großbauern, die an der "Unvernunft des abgezäunten Hofkapitalismus" festhalten, auf einem Floß "in die Ferne liquidiert" werden. Eines Tages tauchen am Rand der Baugrube Bauern auf, und verlangen, man möge ihnen ihre Särge zurückgeben, die die Arbeiter zusammen mit der Erde ausgehoben haben. Eine in ihrer Einfachheit herzzerreißende Szene, die von einem plötzlichen Wetterumschlag begleitet wird.

"Nacht bedeckte die gesamten dörflichen Dimensionen, der Schnee macht die Luft undurchdringlich und eng, in der die Brust erstickte (…) Die verbliebenen, nicht-vergesellschafteten Pferde schliefen traurig in den Buchten, so verlässlich darin festgebunden, dass sie niemals umfielen, weil manche Pferde schon tot dastanden; in Erwartung des Kolchos hielten die schadlosen Bauern die Pferde ohne Nahrung, um sich vergesellschaften zu lassen nur allein mit ihrem Körper und die Tiere nicht mit in den Gram zu führen."

Andrej Platonow, Die Baugrube

Hochtönenden Aufbau und unheimlichen Niedergang verschränkt Andrej Platonow zu einem Lehrstück über die absurde Natur des Menschen. Er verdrängt die Gespenster seiner Zeit nicht, er lässt sie ein. Der metaphysische Trost liegt im Erzählen selbst, die Trauer ist darin im doppelten Wortsinn aufgehoben. "Die Baugrube" ist ein Roman, der uns alle angeht und nicht mehr aus dem Kopf und Herzen geht. Dank der ebenso klugen wie erfindungsreichen Übersetzung von Gabriele Leupold lässt sich endlich auch hierzulande der ästhetische Rang Andrej Platonows nachvollziehen, der den Schriftsteller zu einem Ausnahmekünstler macht.

Diwan

Im Bayern 2-Büchermagazin stellt Christine Hamel die Neuübersetzung von Andrej Platonows "Die Baugrube" vor.
Samstag, 14. Januar 2017, 14:05 Uhr (Wiederholung 21:05 Uhr)


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