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"4 3 2 1" Der neue Roman von Paul Auster

"4 3 2 1" hebt an wie eines dieser ausschweifenden Familienepen aus dem 19. Jahrhundert, also eher untypisch für einen Paul Auster. Doch im Zuge des 1264 Seiten dicken Romans zeigt sich: Er ist Gipfel und Summe seines bisherigen Werkes.

Von: Helmut Petzold

Stand: 24.01.2017

Paul Auster 2010 | Bild: picture-alliance/dpa

"4 3 2 1" hebt an wie eines dieser ausschweifenden Familienepen aus dem 19. Jahrhundert: Am ersten Tag des zwanzigsten Jahrhunderts trifft Isaac Reznikoff aus Minsk im Hafen von New York ein. Ein Mitreisender rät ihm, sich einen amerikanischen Namen zu geben, Rockefeller z.B. Als ihn der Einwanderungsbeamte fragt, kann er sich nicht mehr an diesen Namen erinnern und platzt auf jiddisch heraus „Ich hob fargessen“, weshalb er fortan Ichabod Ferguson heißt. Ichabod Ferguson wird drei Söhne haben; einer davon: Stanley Ferguson wird am 6. April 1944 Rose Adler heiraten, die sich im Atelier Schneiderman zur Fotografin ausbilden läßt. Am 2. März 1947 wird Stanley und Rose ein Sohn geboren, Archie; man erfährt auch sonst viel über die Familien Ferguson, Adler, Schneiderman - und das alles ist erst einmal eher untypisch für einen Roman von Paul Auster. Dann aber, nach gut 80 Seiten fällt der sechsjährige Archie von einem Baum und bricht sich ein Bein. Er muss lange im Bett liegen. Er liest. Er denkt vor sich hin:

"Was für ein interessanter Gedanke: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wie jetzt."

Paul Auster in 4 3 2 1

Der Zufall, die Schicksalsmacht

Damit sind wir dann doch bei zentralen Themen in Austers Werk: dem Verhältnis von Wirklichkeit, Illusion und Phantasie, der Existenz anderer Wirklichkeiten. Und: dem Zufall, der über das menschliche Schicksal entscheidet.    

"Was, wenn er vom selben Baum gefallen wäre und sich nicht ein, sondern beide Beine gebrochen hätte? Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auf eine andere Weise geschehen könnte. Alles könnte anders sein."

Paul Auster in 4 3 2 1

So denkt Archie weiter; und Paul Auster spinnt diesen an sich bekannten Gedanken auf 1260 Seiten aus. Es gibt in "4 3 2 1" vier Archies; alles ereignet sich in vierfacher Ausführung. Wir lesen viermal von Highschool- und Feriencamps und Pubertät, von erster Liebe, erstem Sex, erstem Leid, erstem Glück: Jedes Kapitel von Archies Lebensgeschichte ist unterteilt in vier Handlungsstränge, zumindest anfangs: Der Roman heißt "4 3 2 1", weil die vier Archies nicht gleich lang leben, der erste stirbt mit 13, am Schluss bleibt nur einer übrig.

Vier Versionen desselben Archie

Auster erzählt also viermal dieselbe Geschichte, nur anders, und das ist kein bisschen langweilig: Die Familienkonstellationen verändern sich: mal hat Archies Vater ein kleines Elektrogeschäft, mal stirbt er früh beim Brand dieses Geschäfts, mal wird er reich, ein „Prophet des Profits“; und Archies Mutter ist mal Hausfrau, mal Inhaberin eines Fotostudios, mal eine bekannte Fotografin. Archie selbst bleibt sich gleich und ist doch verschieden. Auster beschreibt vier Versionen desselben Menschen: immer verliebt Archie sich in Amy Schneiderman: in einem Leben leben sie die große Liebe, in einem anderen wird sie seine Stiefschwester, in einem dritten kommt sie nur am Rande vor, da ist Archie bisexuell. Und immer folgt sein Leben einer typisch Austerschen Grunderfahrung:

"Alles eine Zeitlang stabil, und dann eines Morgens geht die Sonne auf, und alles bricht in Stücke."

Paul Auster in 4 3 2 1

Zudem verschränkt Paul Auster Archies Geschichte mit Zeitgeschichte: "4 3 2 1" ist auch ein großer Roman über die 60er-Jahre, dieses nostalgisch übermäßig verklärte Jahrzehnt. Nur dass bei Paul Auster der "Summer of Love" und "Woodstock" nur am Rande vorkommen. Das Gewicht liegt auf der Gewalt, die diese Dekade geprägt hat: auf den Attentaten auf John F. Kennedy, Martin Luther King, Robert Kennedy, Andy Warhol, auf Vietnamkrieg und Rassenkonflikten, auf den bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen in Newark, deren Zeuge ein Archie wird. Ein anderer beschreibt detailliert den größten Studentenprotest in der amerikanischen Geschichte: die Besetzung der Columbia University im Frühjahr 1968 durch die Studenten; ihre brutale Räumung durch die Polizei; dann die mehr als tendenziöse Berichterstattung der New York Times.

Vier Archies, die alle schreiben

Alle Archies schreiben: Übersetzungen moderner Lyrik, Journalistisches; oder Filmkritiken und Erzählungen; oder Erzählungen und Romane: Sie wollen eine "Mischung aus Leichtigkeit und Gewichtigkeit" erreichen, wollen "die Welt so genau beobachten wie der hingebungsvollste Realist und sie trotzdem durch eine andere, leicht verzerrende Linse sehen." (Paul Auster)

Das ist keine schlechte Beschreibung des Werkes von Paul Auster. Sein neuer Roman ist vieles in einem: ein Familienepos, die Geschichte dreier Familien, die vielfältig miteinander verflochten sind. Ein Zeitroman, eine postmodern verspielte Autobiographie. Ein Roman übers Erwachsenwerden, eine "Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege, denen sich ein Mensch auf seinem Gang durchs Leben stellen muss". (Paul Auster)

" 4 3 2 1 " - Summe des Werks von Paul Auster

Ein weitläufiger, großartiger Roman, in dem man sich verlieren kann; ein Opus magnum voller Tragik und Komik. Auch eine Summe seines bisherigen Werkes. Und: die Feier einer weiteren Grunderfahrung, die Austers gesamtes Werk durchzieht: der Erfahrung, "wie seltsam, absolut seltsam es war, am Leben zu sein."

Diwan

Paul Auster: " 4 3 2 1 "
Roman
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.
Rowohlt Verlag
1264 Seiten
29,95 Euro


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