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Dramatisch, theatralisch, verwirrend Benjamin Clementine: „I Tell A Fly”

Die New York Times reihte ihn in die Liste der kulturell bedeutendsten Menschen des vergangenen Jahres ein: Benjamin Clementine. Der gebürtige Londoner hat sich in Paris als Straßenmusiker durchgeschlagen und viel Lob für sein Debüt eingeheimst. Sein zweites Album „I Tell A Fly“ ist dramatisch, theatralisch, verwirrend – alles andere als ein gewöhnliches Songwriteralbum. Im November präsentiert Bayern 2 sein Münchner Konzert.

Von: Claus Kruesken

Stand: 13.10.2017

CD-Cover  "I Tell A Fly" von Benjamin Clementine | Bild: Caroline, Montage: BR

Songs der Gegensätze

Viele seiner Songs haben Momente, die einen zunächst in Sicherheit wiegen. Und dann reißen einen überraschende Sounds aus dem vermeintlichen Frieden, musikalische Fragmente, überraschende Wendungen. „I Tell A Fly“ ist kein Album, bei dem man sich auf klassische Songstrukturen verlassen kann.

Schwierig für die Plattenfirma

Clementines neue Platte ist zutiefst verstörend, und damit auch für die Plattenfirma ein schwieriges Thema. Da hatte man sich offenbar erst leichtere Kost vorgestellt. In einem Interview berichtete der Musiker davon, wie er seinem Label gedroht hatte: „Wenn Ihr das wirklich von mir verlangt, gehe ich wieder dorthin zurück, wo ich hergekommen bin“. Und das wäre die Pariser Metro, wo er einst als Obdachloser Musik gemacht hat.

"Ich habe Clementine auf seiner letzten Tournee erlebt. Ein Konzert im Londoner Southbank Center, bei dem man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Man traute sich kaum zu atmen, um auch nicht die winzigste Nuance seines Vortrags zu verpassen. Wie ein Mensch auf der Bühne am Piano so viel ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, das habe ich noch selten erlebt, und das werde ich mir auch dieses Mal nicht entgehen lassen. Ja, es ist streckenweise anstrengend, aber von Anfang bis Ende faszinierend."

Bayern 2-Musikredakteur Claus Kruesken

Flüchtlingssituation in Europa

Thematisch und textlich beschäftigt sich das Album ausführlich mit der Flüchtlingssituation in Europa und den daraus resultierenden politischen Entwicklungen. Ein Song spielt zum Beispiel im berüchtigten „Dschungel von Calais“, jenem illegalen Zeltlager, das bis zur Räumung vor einem Jahr die Unterkunft für bis zu 7.000 Flüchtlinge war, die versuchten, durch den Kanaltunnel nach England zu kommen.

Traumatische Kindheitserlebnisse

Clementine wird auch sehr persönlich auf seinem neuen Album: So arbeitet er im Song  „Phantom of Aleppoville“ Kindheitserlebnisse auf. Als kleiner Junge war er von anderen gehänselt und geschlagen worden, was ihn traumatisiert hatte.

Ein britischer Psychoanalytiker hat solche Traumata mit denen bei Kindern im Krieg verglichen – wenn auch in einer ganz anderer Größenordnung, aber ähnlichen Mustern folgend. Mit Aleppoville beschreibt Clementine einen Ort, an dem Kinder andere Kinder schikanieren. Einen Ort, an dem er sich selbst lange Zeit befunden hat.

Die Geschichte zweier Fliegen

Clementine hat das Album zunächst als Theaterstück geschrieben. Das erklärt auch, warum es musikalisch nicht den üblichen Mustern folgt. Es sollte die Geschichte zweier Fliegen auf Reisen werden, die neue Wesen entdecken, Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatten – bis die eine die andere verlässt. Clementine erklärt uns, warum er das Bild der Fliegen gewählt hat:

"Weil wir alle wissen, was eine Fliege ist. Wir verbinden alles mit Fliegen. Wenn du im Geiste umherwanderst, dann ist das irgendwohin fliegen.Und ganz buchstäblich gesprochen: Wenn wir in ein anderes Land reisen, dann fliegen wir auch – mit dem Flugzeug. Wir sagen auch: Die Zeit verfliegt! Wir sind Zeit. Ich dachte mir, am besten bringe ich das Thema zu den Menschen und zu mir selbst als Mensch, indem ich sage: I tell a fly. Im Englischen kann man sagen: I tell a lie, ich lüge. Wenn man mal betrachtet, was gerade so in dieser Welt passiert, wenn du Nachrichten schaust, wenn du Dinge liest oder siehst, dann könntest du sagen, das ist eine Lüge und stimmt so nicht. Die Menschen leiden nicht, sie werden nicht bombardiert und so weiter und so fort. Aber es könnte eben auch sein, dass es wahr ist. Also erzähle ich auf „I Tell A Fly“ eine Geschichte über Lügen. Aber ich, also ich als Benjamin, erzähle auch von einer Fliege. Ich selbst bin eine Fliege."

Benjamin Clementine


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