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Sven Regener: "Wiener Straße" Liebevoll-bös porträtiertes Kreuzberger Panoptikum

Sven Regener ist bekannt als Sänger, Texter, Trompeter und Gitarrist der Band "Element of Crime". Seit 2001 ist er auch als Schriftsteller erfolgreich. Sein Debütroman „Herr Lehmann“ verkaufte sich über eine Million Mal und wurde wie zwei andere Roman erfolgreich verfilmt. Sein soeben erschienener Roman „Wiener Straße“ steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Wie bei all seinen Büchern hat Sven Regener die Hörbuchfassung selbst eingelesen.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 11.09.2017

Hörbuch-Cover "Wiener Strasse" von Sven Regener | Bild: tacheles!, Montage: BR

"Erwin stellte den Werkzeugkasten ab, den er für die Pfeifen mitgebracht hatte, denn das waren sie, Pfeifen. „Wie bin ich hier nur reingeraten?“, fragte er sich schon den ganzen Tag immer wieder rhetorisch, meist in Gedanken, manchmal auch laut. Aber weder Karl Schmidt noch Karl Lehmann, der offensichtlich Karl Schmidts neuer Lieblingskumpel war, noch H.R. und schon gar nicht Chrissie, seine beknackte Nichte, hatten sich auch nur angesprochen oder sonstwie kompetent gefühlt, mal irgendwas darauf zu antworten."

Auszug aus dem Hörbuch

Größeres Figurenensemble

Rhetorische Fragen dieser Art gibt es viele, direkte Antworten eher wenige im neuen Roman von Sven Regener, der hier fast das komplette Personal seines Debütromans „Herr Lehmann“ noch einmal auftreten lässt. Allerdings nicht im Jahr des Mauerfalls, sondern schon neun Jahre früher, im November 1980, also ungefähr zur selben Zeit, in der auch sein 2008 erschienener Roman „Der kleine Bruder“ spielt. Allerdings ist diesmal nicht Frank Lehmann die Hauptfigur, sondern es gibt ein größeres Figurenensemble.

Dialoge aus dem Berliner Alltag

Regener hat seinen Roman ganz im Sinn der horizontalen Dramaturgie zeitgenössischer Fernsehserien gestaltet – mit fünf in kurze Szenen unterteilten Folgen, mit ständigen Perspektivwechseln und dem Berliner Alltag abgelauschten Dialogen. 

"Ist der Kaffee jetz‘ mal fertich?, sagte Chrissie. Ja, Kaffee!, sagte Marko, „Ich brauche auch einen, ich muss gleich die Taxe anwerfen.“ – „Ich gieß‘ den ein!“ sagte Chrissie und ging hinter den Tresen. „Ich zeig‘ euch das, das ist ganz einfach. Und dann nimmt man von jedem zwei Mark, und dann machen wir Geld wie Heu."

Auszug aus dem Hörbuch

Absurde Szenen

Was in der „Wiener Straße“ passiert, ist eigentlich nicht sonderlich spektakulär. Da werden prekäre Verdienstmöglichkeiten ausprobiert, es wird eine Wohnung renoviert, eine Kunstausstellung vorbereitet, ein Fernsehbeitrag gedreht, und immer wieder trifft man sich im schon aus anderen Regener-Büchern bekannten Café Einfall. Das Besondere an diesem Roman sind die meisterhaft miesepetrigen Dialoge, die ins Absurde überhöhten Szenen und Regeners Fähigkeit, Widersprüche mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, zum Beispiel den zwischen weiblicher Emanzipation und Putzjob.

"Pah, putzen, voll das Klischee, weil ich eine Frau bin. – Wenn du nicht putzen willst, weil du eine Frau bist, Chrissie, dann könntest du ja putzen, obwohl du eine Frau bist. Dann wäre klischeemäßig ja wieder alles im Lack, so sieht’s doch mal aus!"

Auszug aus dem Hörbuch

Eloquent nuschelnder Sven Regener

Dialoge wie dieser sind die Höhepunkt des Hörbuchs. Zwar kommt der eloquent nuschelnde Sven Regener manchmal bei allzu langen Schachtelsätzen ins Schlingern, aber wenn es zum verbalen Schlagabtausch kommt, läuft er zu großer Form auf, etwa als Chrissie und ihre Mutter sauer aufeinander sind.

"Ich geh‘ mal kurz weg! sagte Chrissie. „Wohin?“ – Kotzen!"

Auszug aus dem Hörbuch

Präzise formuliert und zutiefst humanistisch

Gerade weil Sven Regener eher wenig von hohen literarischen Ansprüchen hält, ist ihm mit „Wiener Straße“ ein Stück große Literatur gelungen – präzise formuliert und bei aller Bösartigkeit zutiefst humanistisch - gleichermaßen genaue Menschenbeobachtung und ein Meisterwerk absurder Komik.

"Der eingetragene Arsch-Art-Verein ist eine Simulation. Wir machen hier doch keinen Piefke-Verein nach Piefke-Vereinsrecht auf, verdammt noch mal! Und dieses Plenum ist auch eine Simulation und als solches sogar noch die Simulation eines Scheinplenums, denn auch bei dieser Plenumssimulation hat nicht das Plenum, sondern nur einer das Sagen, und das bin ich."

Auszug aus dem Hörbuch

„Sven Regener liest Wiener Straße“

Ungekürzte Autorenlesung
5 CDs
tacheles! / Roof Music


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