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Upperclass des 20. Jahrhunderts Anthony Powell: "Eine Frage der Erziehung"

Anthony Powell (1905-2000) gilt als einer der wichtigsten britischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde vor allem durch den zwölfbändigen Romanzyklus "Ein Tanz zur Musik der Zeit", den er zwischen 1951 und 1975 veröffentlichte. In den letzten Jahrzehnten sind in Deutschland Übersetzungen einzelner Bände erschienen - eine vollständige Ausgabe aller zwölf Bände soll bis Ende 2018 komplett vorliegen. Der ersten Band "Eine Frage der Erziehung" ist jetzt in einer Taschenbuchausgabe und zeitgleich als Hörbuch erschienenen.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 16.10.2017

Hörbuch-Cover "Eine Frage der Erziehung" von Anthony Powell | Bild: speak low, Montage: BR

"Als ich hereinkam, kniete Stringham, ein wie ein Krummsäbel geformtes Papiermesser als Toastgabel benutzend, vor dem Kaminfeuer. Ohne aufzusehen sagte er: Wir haben eine Marmeladenkrise."

Auszug aus dem Hörbuch

Upperclass des 20. Jahrhunderts

"Eine Frage der Erziehung" nennt Anthony Powell den ersten Band seines Romanzyklus "Ein Tanz zur Musik der Zeit", seinem Porträt der britischen Upperclass des 20. Jahrhunderts. Der erste Band deckt die Zeit ab, in der aus pubertierenden Jungs junge Männer werden. Orte der Handlung sind ein Internat, unschwer als Großbritanniens Nobelcollege Eton zu erkennen, eine Pension in Frankreich und eine Universität, vermutlich Oxford. Der Ich-Erzähler schildert seine Mitschüler und deren Familien, die er bei Besuchen kennenlernt, mit kühler Distanz, aber mit einem genauen Blick. Als er die Mutter seines Freundes Charles Stringham trifft, geht es im Gespräch natürlich sofort um Fragen der Erziehung:

Einfühlsame Personenporträts

Der Plot dieses Romans ist wenig spektakulär. Schülerstreiche, erste Verliebtheiten und sexuelle Abenteuer, Konkurrenzkämpfe an der Universität, ein harmloser Autounfall. Die Stärken Powells sind seine genauen Beschreibungen, seine einfühlsamen Personenporträts, eine strikt auf den Ich-Erzähler zentrierte Perspektive voller Abwägungen und Unsicherheiten, aus denen Anthony Powell eine ganz eigene Art von Humor entwickelt. Eine „gemächliche Erzählung über den Esstisch hinweg" wollte er mit seinem Romanzyklus schaffen. Das ist ihm zumindest im ersten Band vollauf gelungen, etwa, als ein Auto im Straßengraben landet und die Insassen anfangen, sich zu streiten. 

"Wie kann man nur etwas so verdammt Bescheuertes tun, sagte Brent. Du hättest uns alle umbringen können. - Das hätte ich leicht gekonnt, sagte Peter, dem es nie schwerfiel, mit Freunden von der Sorte Brents fertig zu werden. Ich frage mich, warum ich es nicht getan habe, mit einem Tölpel wie dir im Schiff."

Auszug aus dem Hörbuch     

Souverän und mit der nötigen Variationsbreite

Der "Erzähler über den Esstisch hinweg" ist Frank Arnold, der diese Rolle souverän und mit der nötigen Variationsbreite ausfüllt. Mit zurückhaltender Noblesse bei den beschreibenden Passagen, mit teilweise derbem Rollenspiel bei den Dialogen. Die fein ziselierte, stellenweise auch absichtlich in lässige Umgangssprache abrutschende Prosa Anthony Powells bringt er so erst richtig zum Klingen.

Anthony Powell: "Eine Frage der Erziehung"

gelesen von Frank Arnold
übersetzt von Heinz Feldmann
ungekürzte Lesung
2 mp3-CDs
Gesamtlaufzeit: 521 Minuten
Label: speak low


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