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"Körper und Seele" von lldekó Enyedi Zarte Liebe im Schlachthof

Sie träumen von Hirschen im Wald: Das verbindet die scheue Qualitätsprüferin eines Schlachthauses mit dem älteren Finanzchef der Firma. Der skurrile Liebesfilm aus Ungarn gewann den Goldenen Bären, jetzt startet er im Kino.

Von: Kirsten Martins

Stand: 25.09.2017

Filmplakat | Bild: Alamode Verleih

Zärtliche und seltsame Liebesgeschichte

Der Film erzählt eine ebenso zärtliche wie seltsame Liebesgeschichte zwischen zwei einsamen Menschen. Die  introvertierte Maria arbeitet als neue Qualitätsprüferin an einem Budapester Schlachthof. Blond, blass und schweigsam fürchtet sie jede Berührung, sitzt mittags allein in der Kantine. Dort sieht sie der viele Jahre ältere Personalmanager Endre, er ist geschieden, ein Arm ist gelähmt - beide scheinen nichts gemein zu haben - doch etwas verbindet sie. Die Ungarin Ildekó Enyedi schrieb das Drehbuch und inszenierte "Körper und Seele".

"Ich lese immer wieder die Gedichte einer ungarischen Schriftstellerin. Sie beschreibt genau die Leidenschaften und Geheimnisse, die in uns allen leben  - auch in den unscheinbarsten Menschen - über diesen Kontrast wollte ich einen Film machen."

Ildekó Enyedi

Hirsche im Winterwald

Nach einem Diebstahl verhört eine Polizeipsychologin Maria und Endre unabhängig voneinander. Die Polizistin glaubt an einen bösen Scherz, als sie hört, dass beide jede Nacht dasselbe träumen: Durch einen verschneiten Wald streifen ein Hirsch mit mächtigem Geweih und eine Hirschkuh, sie suchen nach Futter, überqueren einen kleinen Bach. Verschämt reagieren Maria und Endre, als sie von dieser rätselhaften Gemeinsamkeit erfahren. Doch von nun an essen sie mittags gemeinsam und erzählen sich ihre Träume, die sie immer wieder in den verschneiten Wald führen.

"Die Traumbilder sollten nichts romantisch Verträumtes haben, wir haben mit tatsächlichen Hirschen in einem Wald gedreht. Ich wollte keine bedeutungsvollen Metaphern, die beiden Hauptfiguren gleichen uns, sie haben - wie wir alle haben - einen großen, geheimen Reichtum in sich."

lldekó Enyedi

Unvorhersehbar und unsentimental

"Körper und Seele" ist ein lichter Film, obwohl er die Untiefen des Lebens nicht auslässt, hat er etwas Schwebendes, ist ohne alle Eindeutigkeit. Brav und vorhersehbar oder moralisierend ist hier nichts. Die Spannungen in der ungarischen Gesellschaft sind spürbar, ohne die Geschichte zu beschweren. Relevante Filmkunst entsteht meist aus Neugierde und intellektueller Freiheit. Mutig balanciert lldekó Enyedi auf der schmalen Grenze zwischen Kitsch, Trivialität und Poesie.

Leise Poesie und hintergründiger Humor

Mit leiser Poesie und hintergründigem Humor scheut sie sich nicht genau zu verfolgen, wie die Liebe, die Leidenschaft zwei scheue Menschen erfasst und vermeidet dabei mit unterkühltem Blick alle Sentimentalität. Manchmal entschleunigt die Regisseurin auch die Bilder, verweilt auf flüchtigen Momenten, die ihre Figuren charakterisieren – zuhause übt Maria mit Playmobilfiguren, wie sie mit Endre am nächsten Tag sprechen wird. Dann wieder zieht die Regisseurin erzählerisch das Tempo an, überspringt Wochen, Monate. Denn so einfach wie im konventionellen Erzählkino entwickelt sich die Liebe zwischen Maria und Endre nicht.

Atmosphärisch dichte Bilder

Dokumentarisch die Szenen aus der Arbeitswelt von Maria und Endre: Die kühle Anonymität in der bleichen Kantine, die mickrige Grünpflanze am Fenster von Endre, die sonnige Wand, vor der Arbeiterinnen in weißen Kitteln kurz mal eine rauchen, das bemüht freundliche Gespräch zwischen Endre und einem misslaunigen Kollegen. Dazwischen atmosphärisch dichte Bilder ohne Worte. Scheinwerferlichter vorbeifahrender Wagen streifen über eine dunkle Zimmerdecke, Endre liegt schlaflos auf einer dünnen Matratze auf dem Boden. Im Bett neben ihm träumt Maria, der Schatten einer Gardine weht über ihr Gesicht. Ildekó Enyedi lässt sich in „Körper und Seele“ ganz auf ihre Figuren ein, und folgt ihnen in ihre rätselhaften Träume.


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