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Radikal-poetische Metamorphose João Pedro Rodrigues: "Der Ornithologe"

Der neue Film des Portugiesen João Pedro Rodrigues lässt Katholizismus und heidnische Mythen aufeinandertreffen. Eine radikal poetische Metamorphose - und ein Meisterwerk.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 17.07.2017

Aus der Sicht eines Haubentauchers

Der Film beginnt aus der Sicht eines Vogels, eines Haubentauchers: Mit einem Plupp taucht er aus dem Wasser auf und nimmt sofort sein Nest auf einer kleinen Schilf-Insel in Augenschein, in dem (in der Dämmerung hell leuchtend) zwei Eier liegen. Dann hört und sieht man einen Menschen, der sich kraulend nähert. Was passiert jetzt?

Alles ist friedlich

Die Frau des Haubentauchers klettert aufgeregt aus dem Wasser und setzt sich auf die Eier. Der Mensch hat aufgehört, zu kraulen - er dümpelt im Wasser und blickt gewissermaßen auf sein Nest, ein graues Zelt, auf einer Sandbank am Ufer. Daneben liegt ein gelbes Kajak mit einem Paddel, und im Hintergrund ist ein Geländewagen zu sehen. In der Mitte des Platzes brennt ein kleines Lagerfeuer. Alles ist friedlich. Der Mann, inzwischen wieder an Land, beobachtet mit seinem Fernglas die Haubentaucher.

Intensiv mit Ornithologie beschäftigt

Der portugiesische Filmregisseur Joao Pedro Rodrigues hat sich selbst einmal intensiv mit Ornithologie beschäftigt, sein Studium der Vogelkunde dann aber Mitte der achtziger Jahre abgebrochen und sich an der Lissaboner Filmhochschule eingeschrieben.

Frage nach der Identität

"Der Ornithologe", für den Rodrigues letztes Jahr auf dem Festival von Locarno den Preis für die beste Regie gewann, ist sein fünfter Spielfilm - und ohne Zweifel sein bisher persönlichster. Fast alle seine Werke sind im Schwulen-Milieu angesiedelt - und sein großes Thema ist die Frage nach der Identität. Wer sind wir? Welche Persönlichkeiten schlummern unter unserer Oberfläche? Welche unserer möglichen Existenzen leben wir und welche unterdrücken wir?

Wiedergänger des heiligen Antonius von Padu

In Rodrigues' Kino ist nichts festgeschrieben, die Charaktere sind Verwandlungen unterworfen, sie begeben sich meist auf Reisen, die zwangsläufig zu Veränderungen führen. In "Der Ornithologe" wird der Vogelkundler im Laufe des Films zu einem Wiedergänger des heiligen Antonius von Padua, einem Portugiesen, der im 13. Jahrhundert während seiner vielen Reisen ganz unterschiedliche Daseinsformen durchlebte - vom Einsiedler bis zum Studienleiter für Theologie an der Universität von Bologna. Dort galt er als bedeutendster Prediger seiner Zeit. Dass er ganz unterschiedliche Identitäten besaß, zeigt schon die Tatsache, dass der Heilige heute als Schutzpatron der Bäcker, Schweinehirten, Bergleute, Sozialarbeiter und Reisenden angerufen wird.

Wahre Odysse

Bevor es im Film zur Verwandlung kommt, erlebt der Ornithologe eine wahre Odyssee. Er kentert in einer Stromschnelle und wird von zwei chinesischen Pilgerinnen, die vom Jakobsweg abgekommen sind, aus dem Wasser gezogen und gerettet. Doch dann erweisen sich die beiden Frauen als fundamental christliche Furien:

Angsteinflößende Rituale

Nachdem der Ornithologe am nächtlichen Lagerfeuer gesagt hat, er glaube weder an Gott noch an den Teufel, findet er sich am nächsten Morgen an einen Baum gefesselt wieder. Die beiden Damen wollen ihn entmannen. Er entkommt - und trifft als nächstes auf eine Gruppe junger Männer, die faschingshaft kostümiert im Wald angsteinflößende Rituale betreiben. Danach begegnet er einem taubstummen Schäfer namens Jesus und wird später von drei Amazonen, die sich lateinisch unterhalten, auf der Jagd angeschossen.  

Eigenwillige Filmsprache abseits des Mainstreams

Joao Pedro Rodrigues gehört zur Generation portugiesischer Regisseure, die vor rund zwanzig Jahren angefangen haben, ungewohnte, eigenwillige Filmsprachen zu entwickeln, abseits des Mainstreams und der Kommerzialisierung des Kinos.

Überwältigende Naturaufnahmen

"Der Ornithologe" fasziniert in ruhigen Bildern durch überwältigende Naturaufnahmen und mischt auf überraschende Weise katholische Ikonographie mit heidnischen Mythen von Waldgeistern und schwulem Begehren.

Ein wahres Meisterwerk

Rodrigues ist ein Meisterwerk gelungen. Er verwischt alle Grenzen zwischen narrativem und assoziativem Kino - und am Ende tritt der Regisseur auch noch selbst an die Stelle seines Hauptdarstellers. Das ist dann die letzte Verwandlung in dieser radikal-poetischen Metamorphose.


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