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Sebastián Lelio: "Eine fantastische Frau" Transfrau in einer Welt der Vorurteile

„Ich bin genau wie du“, sagt die Transfrau Marina, als sie sich mal wieder dafür rechtfertigen muss, nicht den konventionellen Geschlechterrollen zu entsprechen. Der chilenische Film „Eine fantastische Frau“ zeigt uns einen Menschen, der in der Großstadt Santiago verzweifelt darum kämpfen muss, was für die meisten eine Selbstverständlichkeit ist: das Recht auf Liebe und das Recht auf Trauer.

Von: Roderich Fabian

Stand: 17.07.2017

Neuer Ansatz zum Thema Transgender

"Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ - so hieß 1971 die Dokumentation des damals noch jungen Aktivisten Rosa von Praunheim. Der Film war ein offensives Statement zur Lage der Schwulen in Deutschland und sorgte für heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit. „Nicht die Transfrau ist pervers, sondern die sie umgebende Gesellschaft“  - das könnte der Untertitel dieses chilenischen Filmes sein, der einen neuen, interessanten Ansatz zum Thema Transgender zu bieten hat.

Kette von Ereignissen

Es geht um Marina, Mitte 30, die wir am Anfang des Films als verliebte Frau erleben, an der Seite eines wesentlich älteren Mannes. Der heißt „Orlando“ - eine Anspielung auf Virginia Woolfs berühmten Transgender-Roman. Doch nach einer zärtlichen Liebesnacht erleidet Orlando einen Herzinfarkt und stirbt noch in der gleichen Nacht im Krankenhaus. Das löst eine Kette von Ereignissen aus. Nachdem Orlandos Tod feststeht, verlässt Marina das Krankenhaus, bevor Orlandos Familie eintrifft. Doch die Polizei fängt sie ein - und sie muss sich vor einem Beamten rechtfertigen.

"'Ich heiße Marina Vidal. Haben Sie ein Problem damit?' - 'Wieso waren Sie so schnell weg?' - 'Warum halten sie mich hier fest?' -' Ich halte Sie nicht fest' - 'Geben Sie mir meinen Ausweis zurück?'"

Dialog aus dem Film

Sofort unter Verdacht

Marinas offensichtliches Äußeres lässt sie sofort in Verdacht geraten, irgendeine Schuld am Tod Orlandos zu tragen. Und ihr ist klar, dass ihr jetzt schwierige Zeiten bevorstehen. Die Diskriminierungen, die sie erfahren muss, sind anfangs noch subtil, aber spätestens, als Orlandos Sohn auftaucht, wird Marinas Situation immer schwieriger. Der belehrt sie über irgendwelche „Naturgesetze“, um sie herabzuwürdigen, aber Marina lässt sich nichts gefallen.

"'Was soll jetzt dieser Vortrag? Oder willst du mir was anderes sagen?' - 'Ich will dir gar nichts sagen. Bist du operiert?' - 'So etwas fragt man nicht!' - Und wieso nicht? Ich versteh‘ nicht, was du bist.' - 'Ich bin das Gleiche wie du!' - 'Ja klar.'"

Dialog aus dem Film

Peinliche Geliebte

Ob Marina einen chirurgischen Eingriff hinter sich hat oder nicht, spielt für ihre Gefühle überhaupt keine Rolle und wird im Film auch nicht aufgelöst. Aber weder Marinas Identität noch ihre Liebe und ihre Trauer werden von den anderen ernst genommen. Stattdessen versucht vor allem Orlandos Ehefrau, die in ihren Augen peinliche Geliebte abzuwimmeln.

"'Du hast eine schlimme Zeit hinter dir. Den ganzen offiziellen Teil kann ich übernehmen. Und ich biete dir auch einen finanziellen Ausgleich an. Du kannst also ganz beruhigt sein, musst nirgendwo hin und dich um überhaupt nichts mehr kümmern. Wir regeln das untereinander wie zivilisierte Menschen. Ich gehe mal davon aus, dass wir uns einig sind.' - 'Ihre Kohle, die brauch' ich nun wirklich nicht!'"

Dialog aus dem Film

Welt der Vorurteile

Und so geht Marinas Kampf weiter, denn sie weiß, dass sie mehr als alle anderen ein Recht darauf hat, sich von Orlando angemessen zu verabschieden. Und so driftet sie weiter durch eine altmodische Welt der Vorurteile in der unwirklich wirkenden Hyper-Modernität von Santiago de Chile. Und wir lernen aus diesem konsequenten und beeindruckenden Film, dass es noch ein weiter Weg ist in eine freie Gesellschaft.


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