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Wolfgang Hildesheimer: Paradies der falschen Vögel Roman über die perfekte Fälschung

Hildesheimers Fälscherroman von 1953 nimmt den Kunstbetrieb im biederen Nachkriegsdeutschland aufs Korn. Monika Aichele hat die Neuauflage des erstaunlich zeitlosen Textes mit aufwendigen Porträts "falscher Vögel" bereichert.

Von: Heinz Gorr

Stand: 18.09.2017

Buchvover: Wolfgang Hildesheimer und Monika Aichele, "Das Paradies der falschen Vögel" | Bild: Edition Büchergilde, Montage BR

Genialer Fälscherroman

"Der Maler Ayax Mazyrka, der 'Procegovinische Rembrandt' benannt, eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kunstgeschichte, hat niemals existiert. Seine Werke sind gefälscht, und die Geschichte seines Lebens ist eine Fiktion." Mit diesem illusionszerstörenden Satz beginnt der geniale Fälscherroman. Dem aufrichtigen Bekenntnis des Erzählers folgend, soll gleich vorweg gesagt sein: Dass das 1953 erschienene Buch jetzt eine so bereichernde Neuauflage erfahren hat, ist ein Glücksfall. Der beinahe nicht zustandegekommen wäre, denn nach ersten Recherchen hatte Monika Aichele Bedenken, der Größe des Textes nicht gerecht zu werden, ihn durch Bilder womöglich einzuschränken:

"Also, der Hildesheimer ist dadurch so schön, dass er diesen Roman im Vagen lässt.  Er kann immer sein, er kann sich nicht nur in der Kunstwelt abspielen. Und das Schöne, dass man sich selbst mit seiner Fantasie diesen Roman und diese Orte an sich selbst randenkt, das wollt ich nicht nehmen. Also da hab' ich gedacht, Illustration ist das falsche Mittel: Sobald ich Personen und Szenen zeige, dann kann ich die zeitlich verorten, ich kann die geographisch verorten und das wollte ich nicht."

Monika Aichele

Universum paradiesischer Kreaturen

Dann besann sich die Künstlerin auf den Titel und die "falschen Vögel": Dem im Deutschen so reichen Assoziationsraum um die Gefiederten mit "lustigen", "komischen" oder "schrägen" Vögeln, fügte sie ein ganzes Universum paradiesischer Kreaturen hinzu, inklusive lateinischer Bezeichnungen. So begegnet man der Europäischen Wasserscheidenschnepfe oder dem Giraffenhäher, dem Ameisenkolibri oder der Handtuchstelze (Baianus carpediensis), dem Lotsenvogel, dem Teppichkehrer und dem kreisrund strahlenden Moonbird (Lunatix williamsburgensis). Zu  jedem Exemplar liefert die international tätige Künstlerin eine Legende im Anhang mit genau recherchierten Angaben zum Lebensraum und der ornithologischen Charakteristik ihrer Vögel. Denn – darauf legt Monika Aichele großen Wert – in den Namen und Beschreibungen teile sich einiges mit über die eigene Biografie:

"Ich dachte, es ist vielleicht von Interesse, das, was ich schön, interessant empfunden habe an dieser Welt, an den Vögeln. Teilweise hab' ich diese Orte selbst bereist und teilweise habe ich auch die Vögel schon gesehen."

Monika Aichele                           

Aufwendig ausgestattete Edition

Ein großes stilistisches Repertoire ermöglicht es der versierten Gestalterin, ihre "falschen Vögel" mit ganz unterschiedlichen Arten der Bildgebung einzukleiden. Die aufwendig ausgestattete Edition mit geprägtem Leineneinband wechselt von karikaturhaften Tuschezeichnungen über grell-bunte, an Comics erinnernde Vogelporträts zu kühlen, in Farbgebung und Pinselstrich reduzierten Bildern mit fernöstlichem Einfluss - bis hin zur Optik eines e.o. plauen:

"Plauen hat ganz einfach einen schönen Linienstil, Outlines, japanische Künstler - sieht man bestimmt auch - dass da der ein oder andere zitiert wurde in den Vögeln, das war auch Sinn und Zweck des Ganzen, dass ich wiederum Bilder nicht fälsche, aber zitiere."

Monika Aichele

Illustrationen als perfekter Kommentar

Man kann sich kaum einen passenderen bildnerischen Kommentar zu Hildesheimers Roman vorstellen, der mit herrlicher Ironie den Kunstbetrieb im biederen Nachkriegsdeutschland aufs Korn nimmt. Der Erzähler namens Anton Velhagen wächst im wohlhabenden Haus seiner Ziehmutter auf und findet schon als Fünfjähriger in seinem Onkel Robert Guiscard ein ideales Vorbild für die eigene Fälscherkarriere.

Im Rückblick schildert Anton, wie Onkel Robert den barocken Maler Ayax Mazyrka erfindet und dank großer malerischer Fähigkeiten auch gleich dessen komplettes (angeblich lange verschollenes) Œuvre kreiert. Mit Hilfe weniger verschworener Eingeweihter macht Robert aus dem fiktiven Mazyrka einen posthum entdeckten Barockstar, der dem balkanischen Fürstentum Procegovina zu internationalem Prestige und kunsthistorischer Weltgeltung verhilft. Die Antwort auf die Frage, was ein echtes Bild sei, ist mit Blick auf die Kunstskandale unserer Gegenwart eine immer gültige Weisheit: "Ein echtes Bild ist ein Bild, welches von einem oder mehreren Experten als echt erklärt ist."  

"Ich denke, die ganzen Mechanismen, wie so eine Verflechtung funktioniert und wie auch Zeugnisträger in diesem Buch Wahrheit ablegen über das Original, das vermeintliche, ist ein Mechanismus, den man immer findet. Zu aktuell, es ist beängstigend aktuell dieses Buch, würde ich sagen."

Monika Aichele

Skurril-überzeichnete Figuren

Hildesheimer bevölkert die Handlung mit etlichen skurril-überzeichneten Figuren und parodiert nebenbei auch den wissenschaftlichen Background, indem er seinem "procegovinischen Rembrandt" den Kunsthistoriker Prof. Bruhlmuth hinzugesellt, der eine mehrbändige Monografie über Mazyrka herausgibt. Nichts geht über den Nimbus eines deutschen Sachverständigen, räsoniert der Erzähler, der bürge "für die Qualität und vor allem für die Wesentlichkeit des behandelten Gegenstandes."

Erfrischendes, zeitloses Lesevergnügen

Zu sehen, wie fragwürdige Existenzen sich ihr Künstlerparadies erschwindeln und zu verfolgen, ob sie irgendwann doch daraus vertrieben werden, ist dank dieser bibliophilen Neuauflage eine Augenweide und gerade in der Ära des Fakes - von zu Guttenberg bis Beltracchi - ein erfrischendes, zeitloses Lesevergnügen:

"Wenn man genau geforscht hat, dann hat man genug komische Vögel gefunden – schon immer."

Monika Aichele

Wolfgang Hildesheimer: Paradies der falschen Vögel

Illustriert von Monika Aichele
Mit 30 farbigen und schwarz-weißen Bildtafeln sowie einer Nachbemerkung der Illustratorin mit lexikalischer Erläuterung der Vögel. 
216 Seiten
Edition Büchergilde 2017


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