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Robert Menasse: "Die Hauptstadt" Schwarzhumorig-ironischer Ideenroman

2015 wurde Robert Menasse mit dem „Prix du livre européen“ für seinen Essayband „Der Europäische Landbote“ ausgezeichnet. Der engagierte Proeuropäer kündigte damals einen Roman an, der das Panorama der Epoche entfalte, denn wir „befinden uns heute sozusagen in der Situation der Figuren der großen Vorabend-Romane“. Nun hat der 63-Jährige seinen - in Brüssel spielenden - Vorabend-Roman vorgelegt. Robert Menasse ist damit auf der Longlist für den Deutschen und Österreichischen Buchpreis gelandet.

Von: Knut Cordsen

Stand: 11.09.2017

Buchcover "Die Hauptstadt" von Robert Menasse | Bild: Suhrkamp Verlag, Montage: BR

"Grundsätzlich ist es für mich - unter Anführungszeichen - als Österreicher natürlich wesentlich leichter mich mit der Absicht, der Gründungsabsicht, mit der Grundidee der Europäischen Union zu identifizieren, nämlich der Überwindung des Nationalismus, perspektivisch der Nationen, weil ich aus einem Land komme, das keine Nationsidee hat, also ich wüsste nicht, welche Nationsidee Österreich als Nation haben sollte, - nicht genug damit: ich auch nie irgendwie mit dem Begriff Österreicher mich identifizieren konnte, weil sich ja die Identifikation nur herstellen kann, wenn ich zustimme dem Selbstbild Österreichs. Und so wie Österreich sich darstellt – wenn ich das schon höre! – ‚Alpenrepublik“, ich komme aus Wien, da gibt‘s keine Alpen, dieses Selbstbild mit den Lederhosen, den Dirndln, dem Schuhplatteln und dem Jodeln und den Almen und Matten, dem Skifahren – ich fahre nicht Ski, bin ein Städter, ja. Also ich habe mit dem Angebot ‚Identifiziere dich mit dem österreichischen Wesen, so wie wir uns darstellen‘, habe ich nie was anfangen können."

Robert Menasse

Vom Niedergang der europäischen Idee

Robert Menasse geht mit seinem neuen Buch ein Wagnis ein: Er schreibt einen Roman über einen Verwaltungsapparat, den Hans Magnus Enzensberger ein „sanftes Monster“ genannt hat. Brüssel, der Sitz der Europäischen Kommission. Es ist ein schwarzhumorig-ironischer Ideenroman geworden, der in bisweilen zynischem Zungenschlag vom Niedergang der europäischen Idee in unserer Zeit erzählt. Nicht ohne Grund erhält darin einer auf der Suche nach einem Spital die lapidare Antwort, „das Europa ist das beste Krankenhaus“, - „hier sind Sie in guten Händen“. 

"Das hat zum Teil ja auch - diese Auseinandersetzungen und Kämpfe der Europäischen Kommission -, auch was Tragikomisches. Ja, die Tatsache, dass z.B. notwendige Initiativen, die die Kommission setzen will, entwickelt werden im Wissen, dass sie abgewürgt werden im Europäischen Rat. Dass es da immer irgendeinen Staatschef, Regierungschef oder Fachminister aus einem der Mitgliedstaaten gibt, die sagen: Nein, das kommt nicht in Frage. Diese Papiere, die die Kommission da ausarbeitet, heißen Märtyrerpapiere, weil sie wissen, wenn sie herübergeschickt werden in den Rat, werden sie zerrissen, das ist eigentlich auch schon ein Alltagszynismus, der da herrscht."

Robert Menasse

Keine Ideen in babylonischem Kauderwelsch

Dies ist ein Roman, in dem es auch um die absurde Sprache der Beamten geht, die sogenannte „Comitology-Language“, in der man Entscheidungen nicht „trifft“, sondern „herbeiführt“.  Robert Menasse, der vier Jahre in Brüssel verbrachte, hat dort genau studiert, wie eine Institution erstarrt und wie sich ihre Mitarbeiter verhalten – im Buch nennt er es „dieses Beantworten von Floskeln mit Floskeln, die raunende Transformation von keinen Ideen in ein babylonisches Kauderwelsch“.

"Ich habe ja auch erzählt in dem Roman, welche Bedeutung so Begriffe wie ‚mobilité‘ oder ‚visibilité‘ haben. Also man muss das immer beweisen bei allem, dass man mobil ist, dass man bereit ist, das Arbeitsfeld zu wechseln; man muss mit dem, was man tut, immer sichtbar sein, ja, also das sind die Begriffe, die so die zentralen Pflöcke sind, die da eingeschlagen werden und zwischen denen sich die Kommunikation in dieser Institution bewegt."

Robert Menasse

Ausschwitz als Hauptstadt Europas?

„Big Jubilee Project“ – unter diesem Titel arbeitet man 2017 in Brüssel an einer Image-Kampagne zum 50jährigen Bestehen der Europäischen Kommission. Auf der Suche nach einem „neuen Narrativ“ von Europa verfällt man auf einen makabren Gedanken. Auschwitz, der Ort des Zivilisationsbruchs und Menschheitsverbrechens, könnte doch zur Hauptstadt Europas erkoren werden. Wie das? Der Ort des Massenmords als „moralischer Baldachin“ der europäischen Gemeinschaft?

"Es wird nie in Europa der Fall sein, dass alle Europäer eine Hauptstadt als europäische Hauptstadt anerkennen, die bereits die Hauptstadt eines Nationalstaats ist. Das heißt, die Europäische Union muss sich sozusagen eine neue Hauptstadt erschaffen und dann mit dem Anspruch, das muss die Stadt der Zukunft sein, so wie das immer ist bei allen geplanten Städten. Naheliegenderweise muss diese Hauptstadt in Auschwitz gebaut werden, an dem Ort, wo alles begann, was jetzt zu Europa in der jetzigen Form geführt hat, der Ort, der niemals vergessen kann, der niemals vergessen darf, und dort eine Hauptstadt zu bauen, verbindet man die Geschichte mit der Zukunft – die Stadt der Zukunft."

Robert Menasse

Literarisches Menetekel

So abwegig wie das zunächst klingt, ist Menasses Gedanke nicht: Hielt doch der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, seine Antrittsrede wo? In Auschwitz. Das ist der Kern von Menasses Roman, der freilich viel mehr bietet: einen dubiosen Auftragskiller, einen melancholischen Kommissar, einen KZ-Überlebenden, einen Experten der „nachnationalen“ Ökonomie, Lobbyisten und nicht zuletzt ein Schwein, das als Phantom durch Brüssel und die Gazetten irrt. Den großen innereuropäischen Flüchtlingstreck 2015 sowie den Brexit 2017 hat Menasse auf unangestrengte Art und Weise in die Handlung eingeflochten. Man kann „Die Hauptstadt“ als ein literarisches Menetekel lesen, verfasst von einem, der sich - als Österreicher – durchaus in der Tradition der Habsburgermonarchie sieht.

"Die Habsburgermonarchie war nichts anderes als ein politisches System, das nicht den Anspruch hatte, eine Nation zu bilden, es war ein gemeinsamer Markt mit einer gemeinsamen Währung und gemeinsamer Verwaltung und gemeinsamem Rechtszustand. Und dieses Gebilde ist von den Nationalismen in die Luft gesprengt worden. Und die kleinen Nationen, die dann gebildet wurden nach dem Untergang der Habsburgermonarchie haben nicht einen einzigen Tag in größerer Freiheit, größerem Wohlstand und größerer Sicherheit gelebt als in der Zeit, als es diesen Bund der Habsburgermonarchie gab. Erst als diese Nationen dann in die nachnationale Entwicklung der Europäischen Union eingetreten sind, sprich EU-Mitglieder geworden sind, ist Rechtszustand, Sicherheit, Wohlstand in diese Nationen zurückgekehrt. Also das ist ein schlagendes Argument."

Robert Menasse


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