Bayern 2 - Bayern 2-Favoriten


2

Hinreißend und wunderbar verrückt: "Olympia" Französischer Comic über drei Kunsträuberinnen

Zu den Hauptwerken des französischen Malers Édouard Manet gehört das Gemälde „Olympia“. Entstanden um 1863 zeigt es eine nackte Frau, ausgestreckt auf einem Bett. Die öffentliche Präsentation des Bildes sorgte seinerzeit für einen großen Skandal. Nun steht das kunsthistorisch bedeutende Gemälde im Mittelpunkt eines Comics – und wird darin geraubt. Die französischen Comic-Autoren Bastien Vivès, Florent Ruppert und Jérome Mulot – drei wichtige Künstler ihrer jungen Generation – haben die abenteuerliche und wilde Geschichte erzählt und gezeichnet.

Von: Niels Beintker

Stand: 23.07.2017

Bewährtes Räuberinnen-Trio

Bastien Vivès, Florent Ruppert und Jérôme Mulot widmen nicht zum ersten Mal einem Kunstraub einen aufregenden und vielschichtigen Comic. Sie haben ihre Kunstdiebinnen Alex, Sam und Carole – drei sehr schöne Frauen – bereits in den Louvre geschickt, um dort ein Gemälde zu stehlen. Ein Jahr später nun sollen Alex, Sam und Carole im Auftrag eines Mafia-Bosses Manets Olympia aus einer Ausstellung im Pariser Petit Palais entwenden, dazu je ein Gemälde von Giorgione und Tizian. Eine Wahl haben sie nicht wirklich. Sie retten damit ihr Leben. Dass die drei Freundinnen erneut ihr raffiniert-kriminalistisches Talent unter Beweis stellen, war anfangs gar nicht vorgesehen, erzählt Jérôme Mulot, einer der drei Comic-Autoren.

"Die Geschichte um den Raub der ‚Großen Odaliske‘ schien abgeschlossen zu sein. Dann aber ist uns aufgegangen – auch durch Leserbriefe, die wir bekommen haben – dass das Innenverhältnis unserer drei Comic-Figuren durchaus noch einige Möglichkeiten zum Erzählen eröffnet. Wir haben uns gesagt: Da können wir doch noch etwas machen. Es ist wie ein Kartenspiel, das wir neu mischen und austeilen. Eine neue Figurenkonstellation entsteht. Am Ende der ‚Großen Odaliske‘ ist Carole  ja verschwunden.  Das war der Anknüpfungspunkt für uns. Vor allem aber wollten wir die erzählerischen Möglichkeiten erforschen, die wir noch gar nicht berücksichtigt hatten."

Jérôme Mulot

Voller Witz und Überraschungen

Die Geschichte ist voller Witz und hat einige überraschende Wendungen. Die drei Comic-Autoren, die zusammen entwerfen und zeichnen, arbeiten mit feinem Feder-Strich und mit sanften Farben, dabei entsteht eine spannende graphische Tiefe. Die Bilderfolgen haben keinen einheitlich durchgehenden Rhythmus: Hier – auf einer ganzen Seite – ein Blick auf die Dächer Paris, von einem Hochhaus ausgesehen – eine gezeichnete Liebeserklärung. Dort – in vielen kleinen Panels – eine wilde Flucht durch die Kanalisation.

Eigene Bildsprache mit individuellen Motiven und Gedanken

Die drei Zeichner zitieren oft den Action-Comic und haben trotzdem eine ganz eigene Bildsprache gefunden. Dass die Geschichte um die große Kunst kreist, ist kein Zufall. Bastien Vivès erzählt, jeder der drei miteinander befreundeten Künstler habe dabei eigene Motive und Gedanken. Er selbst wollte einerseits die Schönheit thematisieren, zum anderen auch die Reflexion über die Frage eröffnen, was Kunst heute – in einer Zeit gigantischer Spekulationen – eigentlich ist.

"Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der vielleicht etwas abstrakter ist. Die Maler der Gemälde, um die es in unseren Comics geht, hatten enge Beziehungen zu ihren Modellen. Das waren oftmals Bekannte und Freundinnen. Denken Sie an das Gemälde 'Das türkische Bad' von Ingres, das im Louvre zu sehen ist. Alle darauf dargestellten Figuren stammten aus dem Freundeskreis des Malers. Es geht also um die enge Beziehung des Künstlers zu den Modellen, die er darstellt. Und da sehen wir eine Parallele. Wir thematisieren unsere Bekanntschaft miteinander – und auch mit anderen Menschen – in narrativer Form in unserer Erzählung. Wir erforschen das Verhältnis vom Künstler zum dargestellten Objekt."

Bastien Vivès

Vom Killer kontrolliert

Im Comic der drei Freunde und Zeichner bekommen Alex, Sam und Carole – letztere übrigens hochschwanger – den wortkargen Antonio an die Seite gestellt. Er ist Killer, soll im Auftrag des Mafia-Bosses den Kunstraub überwachen und die drei Diebinnen im Falle von Eigenmächtigkeiten zur Strecke bringen. Beständig kontrolliert machen sich die drei Frauen ans Werk.

Anruf von der Polizei

Mit Blick auf die vielen Recherchen rund um die sensible Sicherheitstechnik im Pariser Petit Palais – bekommt der Comic „Olympia“ eine interessante reale Dimension. Florent Ruppert erzählt, dass er – im Zuge der Recherchen – einen Anruf der Pariser Polizei erhielt. Er wurde vorgeladen, wegen des Verdachts der Zusammenrottung zur Vorbereitung eines Kunstraubes – und sollte in der Abteilung für „großen Kunstdiebstahl“ erscheinen. Dort wurde ihm ein Foto präsentiert: Bastien Vivès, Jérôme Mulot und er sitzen an einem Tisch, einer der drei macht ein Foto von einem Gemälde. Die Vernehmerin, eine wohl sehr schöne Frau, fragte, wer die drei Personen auf dem Bild seien.

"Es stellte sich heraus, dass das Bild in einer Bar gemacht wurde – sie befindet sich gegenüber des Museums, in dem wir für unseren Comic recherchiert haben. Wir saßen dort und haben überlegt, wie können wir unsere Geschichte gestalten und z.B. die Figuren dorthin führen. Ich telefonierte währenddessen mit einer Bekannten, die in einem anderen Museum arbeitete, und fragte sie, ob wir vielleicht auch die der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räume anschauen dürften – natürlich nur im Rahmen der Recherche. Dieses Gespräch hat ein Gast am Nebentisch mitgehört. Er konnte nicht wissen, dass wir an unserem Comic arbeiten, und schloss aus unserem Gespräch, wir würden einen Kunstraub vorbereiten. Also rief er die Polizei an, machte ein Foto und brachte die ganze Geschichte ins Rollen."

Florent Ruppert

Schöne ironische Brechungen

Florent Ruppert sagt, er konnte die Geschichte weitgehend aufklären – und die drei Zeichner lernten bei der Polizei überdies interessante Gesprächspartner für ihre eigene Recherche kennen. Im Comic können Alex, Sam und Carole die drei geforderten Bilder stehlen. Allerdings platzen sie in ein nächtliches Fotoshooting mit dem Popstar Lady Gaga – eine der vielen schönen ironischen Brechungen in der Geschichte. Die Flucht wird turbulent, auch deshalb, weil bei Carole plötzlich die Wehen einsetzen. Antonio erschießt die drei Freundinnen kurzerhand und macht sich mit den geraubten Bildern davon. Ein hinterhältiges, brutales Verbrechen. Verraten sei, dass das die Version der Geschichte ist, die der Mafia-Pate präsentiert bekommt. Vielleicht ist auch alles ganz anders.

Hinreißend und wunderbar verrückt

Bastien Vivès, Florent Ruppert und Jérôme Mulot haben eine hinreißende und wunderbar verrückte Abenteuergeschichte gezeichnet und geschrieben. Es spricht einiges dafür, dass „Olympia“ nicht der letzte Comic über ein eigenwilliges Trio ist.


2