Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Varian Fry "Der amerikanische Schutzengel"

Aus Anlass seines 50. Todestages erinnert Ulrike Voswinckel an den "amerikanischen Schutzengel" Varian Fry. Der Journalist hatte 1940/41 alles daran gesetzt, die in die Falle geratenen deutschen, österreichischen und auch französischen antifaschistischen Flüchtlinge in Marseille zu retten.

Von: Ulrike Voswinckel

Stand: 16.09.2017 | Archiv

Varian Fry und Jacqueline Breton, 1940/41 in Marseille | Bild: picture alliance / kpa / 90061

"Marseille, 24. Januar 1941
Wie ich Euch in meinem langen Telegramm vor ein paar Tagen mitteilte, liegt der Grund für die geringeren Emigrationszahlen als Ihr sie wünschen würdet, vor allem darin, daß weniger amerikanische Visa, als wir es wünschten, da sind. (...) Wir sind nicht weit davon entfernt zu verzweifeln, weil wir sehr viele Leute, in der Hoffnung, daß sie in Kürze ausreisen würden, auf unseren Etat gesetzt haben. Stattdessen warten sie Woche um Woche und Monat um Monat auf Visa, die nie ankommen."

(Varian Fry, aus einem Brief an das Hilfskomitee zur Rettung bedrohter Flüchtlinge in New York)

"Schutzengel der ganzen Sippe exilierter Intellektueller und Poetaster"

Liam Neeson als Oskar Schindler (l.) in Steven Spielbergs preisgekröntem Schwarzweißfilm "Schindlers Liste" (1993)

Es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis Varian Fry, der "Schutzengel der ganzen Sippe exilierter Intellektueller und Poetaster" (Walter Mehring) in das Bewusstsein einer Öffentlichkeit gedrungen ist, die nur Hollywoodproduktionen zur Zeitgeschichte wahrnimmt. "Schindlers Liste" war so ein Film, und im Zuge der Beschäftigung mit den Personen, die während der Schrecken der Nazizeit eine aufrechte Haltung oder sogar einen persönlichen Wagemut zur Rettung gefährdeter Menschen bewiesen haben, ist erst sehr spät der Amerikaner Varian Fry wiederentdeckt worden - zu spät für ihn, der 1940/41 alles daran gesetzt hat, die in die Falle geratenen deutschen, österreichischen und auch französischen antifaschistischen Flüchtlinge in Marseille zu retten.

Amerika wollte nicht noch mehr Juden und Intellektuelle aufnehmen

Fry, der nach seiner vom Vichy-Frankreich und dem amerikanischen State Department erzwungenen Rückkehr aus dem Hexenkessel Marseille unerwünscht war, zu engagiert, weil er wusste, wie bedroht die Zurückgelassenen waren, zu unbequem für ein Amerika, das nicht noch mehr Juden und kritische Intellektuelle aufnehmen wollte. Es waren nicht viele der von ihm Geretteten - Franz Werfel, Alma Mahler, Lion und Marta Feuchtwanger, Heinrich und Golo Mann, Marc Chagall, Max Ernst, Hannah Arendt, um nur ganz wenige der über 2000 zu nennen -, die sich nach ihrer Ankunft in Amerika noch seiner erinnerten oder ihm explizit dankten.

Varian Frys Rückkehr nach New York war kein Triumphzug

Lion Feuchtwanger (1958) war einer der von Varian Fry Geretteten

Er stürmte sozusagen in das Büro des Emergency Rescue Committee und fand es selbstverständlich, nun das Kommando zu übernehmen; er wusste, welche Schicksale und Menschen sich hinter den Akten verbargen, in welcher Angst und Gefahr sie schwebten, und er wollte die Anstrengungen aller Mitarbeiter verzehnfachen. Außerdem hatte er schon bei seiner Ankunft auf dem Flughafen das State Department harsch angegriffen und den Journalisten erklärt, welche Dummheiten und welchen politischen Verrat es begangen hatte, indem es mit der Vichy-Regierung kollaborierte, statt die Antinazis und Antifaschisten zu unterstützen. Das war zu viel für das Komitee, das letztendlich auf gute Zusammenarbeit mit dem State Department angewiesen war. Varian Fry wurde entlassen. Es war ein trauriger Brief, den er nach Frankreich schrieb:

"Jeder hier findet es vollkommen unverständlich, wie ich so von allen geliebt wurde in Marseille, während ich hier so steif und befangen bin wie früher. Ich habe versucht zu erklären, daß die Umstände viel damit zu tun hatten, und daß auch viele Leute übertreiben, aber es hilft nicht."

(Varian Fry)

In der McCarthy-Ära geriet er in das Visier der Kommunistenhasser

Kommunistenhasser Senator Joseph McCarthy (1950)

Als Varian Fry 1945 sein grandioses Buch "Auslieferung auf Verlangen" über die abenteuerlichen Monate in Marseille zwischen Passfälschern und Fluchthelfern veröffentlichte, war der Krieg vorbei und kein Mensch wollte mehr etwas davon wissen. Und schlimmer noch - in der McCarthy-Ära geriet er in das Visier der Kommunistenhasser und bestritt sein Leben unglücklich und verbittert bis zu einem frühen Tod am 13. September 1967, von dem man nicht weiß, ob er ein Selbstmord war. Die späte Ehrung in Yad Vashem hat er nicht mehr erlebt.

Buchtipp:

Auslieferung auf Verlangen: Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41

  • Autor: Varian Fry
  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 1 (1. August 2009)
  • ISBN-10: 3596183766
  • ISBN-13: 978-3596183760
  • Originaltitel: Surrender On Demand

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