Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton

Ringlinie Oder: Das war eine schöne Zeit

Autor: Markus Metz und Georg Seeßlen Stand: 03.12.2011
Königsplatz München; fiktive Straßenbahn | Bild: picture-alliance/dpa; Montage BR

"Es ist ja so: Man sieht nur, was man weiß oder kennt. Sobald sich der Spaziergänger oder Tourist oder eilige Geschäftsmann mit der Geschichte auseinandersetzt, dann wird er auch in der Oettingenstr. diese Hakenkreuz-Symbolik erkennen oder im Haus der Kunst, wenn er unter den Kolonnaden das Mosaik betrachtet, das mäandernde Hakenkreuz sehen und an der Oberfinanzdirektion in der Sophienstraße den Reichsadler mit herausgeschlagenem Hakenkreuz vermuten."

(Andreas Heusler, Historiker)

„Wir wussten, die Mörder waren noch unter uns“, schrieb Carl Zuckmayer nach der Befreiung von der Naziherrschaft. Die Ruine des „Braunen Hauses“, als Sitz der Reichsleitung der NSDAP zur Ikone des Nationalsozialismus stilisiert, wurde 1951 abgerissen.

"Hauptstadt der Bewegung"

Adolf Hitler verlässt die Parteizentrale der NSDAP, das "Braune Haus" in München

Über Jahrzehnte wollte man sich in München nicht erinnern, weder an die unrühmliche Rolle als Hitlers „Hauptstadt der Bewegung“ noch an eigene Schuld während Verfolgung und Holocaust. Erst seit 1995 weist am Königsplatz eine kleine Tafel verschämt auf die Geschichte des umliegenden „Parteiviertels“ hin. Bevor es in München wieder ein großes jüdisches Zentrum geben konnte, musste das 21. Jahrhundert beginnen. Erst mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches begann die Planung für ein NS-Dokumentationszentrum auf dem Gelände des ehemaligen „Braunen Hauses“.

Fiktive Straßenbahnfahrt durch die Vergangenheit ...

Markus Metz und Georg Seeßlen folgen auf einer fiktiven Ebene einer alten Frau bei einer Straßenbahnfahrt durch die Stadt. Dabei erzählt sie von ihrem Leben und zeigt eine erstaunliche Fähigkeit, die Dinge schönzureden. Auf einer realen Ebene begleiten sie Historiker und Künstler, die dem Verdrängen und Vergessen entgegen arbeiten und versuchen, Steine zum Sprechen zu bringen.

"Juden hat’s nicht viel geben bei uns. Wir waren auf gar keinen Fall ein Judenhaus. Ich hab nur gewusst, dass bei der Schneiderin ein paar waren. Des habe ich dann auch der Mutter gesagt. Aber die hat gesagt, dass wir uns da nicht einmischen.

Und dann bin ich doch noch zum BDM kommen. Wir haben da immer Sport gemacht. Und halt so Sachen gebastelt. Oder Fahnen genäht. Für den Führer.

Des war ja ein schöner Mann. Sonst haben wir nichts gewusst. Ein Hitlerbild, des haben wir aus einer Zeitschrift ausgeschnitten. Die wo mehr Geld gehabt haben, die haben natürlich ein richtiges Führerbild gekauft.

Schauen’S, da drüben. Hinter den Bäumen, die große Straße. Da hat es immer die Aufmärsche gegeben. Da sind wir gesprungen. Da haben wir uns zeigen dürfen. Das war eine schöne Zeit. Da träum ich heute noch oft davon. Heut’ kann ich gar nicht mehr recht gehen. Wissen’s die Hüfte. Sieben Operationen in den letzten zwei Jahren. Da hab ich dem Arzt gesagt, jetzt kann ich nimmer. Wenn ich beim nächsten Mal ins Krankenhaus muss, dann komm ich nimmer raus ..."

(Alte Frau)