Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Glamour und Skandale Die rebellischen Mitford Sisters

Der englische Adel war schon immer etwas skurril und exzentrisch, aber die sechs Töchter von Lord Redsdale, die Mitford Sisters, waren bizarr, schrill, schockierend und unberechenbar. Ulrike Voswinckel hat den im englischen Original erschienenen Briefwechsel der legendären Ladies gelesen und war verblüfft, wie eng die vielleicht umstrittenste europäische Familie des 20. Jahrhunderts trotz fundamentaler politischer Differenzen zusammenhielt.

Von: Ulrike Voswinckel

Stand: 13.05.2017 | Archiv

Drei der sechs Mitford Schwestern - (v.l.) Unity, Diana und Nancy | Bild: picture alliance/Mary Evans/Picture Library

2008 wurde die Formel-1 Rennfahrergemeinde in der ganzen Welt von der Meldung aufgeschreckt, ihr Präsident Max Mosley sei in einen Sex-Skandal im Sadomaso-Milieu verwickelt. Max Mosley ist der Sohn des verhassten englischen Faschistenführers Sir Oswald Mosley und seiner Frau Diana Mitford, die 1936 heimlich in Deutschland geheiratet hatten – im Haus von Goebbels und im Beisein von Hitler. Diana war die dritte von sechs Schwestern, die allesamt auf die eine oder andere Art – glanzvoll, schockierend, monströs – permanent in den Schlagzeilen waren.

Diana und Unity entwickelten sich zu glühenden Faschistinnen

Porträtfoto von Diana (l.) und Unity Mitford mit der Überschrift "Friends of the Führer"

Die älteste, Nancy, wurde als Autorin der "Englischen Liebschaften" auch in Deutschland bekannt; sie war die witzigste, bissigste und illoyalste. – Die zweite, Pamela, war die unauffälligste, die einzige "Hausfrau" und eine anerkannte Geflügelzüchterin. – Die dritte, Diana, war eine Schönheit. Nach drei Jahren Ehe mit Bryan Guinness verliebte sie sich in Sir Oswald Mosley, verließ ihren Mann und ihre beiden kleinen Söhne, wurde glühende Faschistin und reiste oft nach Deutschland, so 1933 zum Nürnberger Parteitag, wo sie und ihre rebellische und provozierende Schwester Unity als Ehrengäste empfangen wurden.

Die skandalösen Mitford Sisters

Unity Mitford mit Dackel

"23. Dezember 1935, Pension Doering, Ludwigstrasse 17b,
München
Darling Diana, (...)
Ich hatte nicht erwartet, den Führer zu sehen, weil er offenbar seit Wochen nicht in der Osteria war. Doch dann kam er heute endlich, es war wunderbar, und er war wahnsinnig überrascht, mich zu sehen. Er kam sofort – zum ersten Mal er selbst – um mich an seinen Tisch zu holen. Ein bisschen später kam Max Schmeling mit Hoffman und saß an der anderen Seite des Führers. Er erinnerte sich an Dich und mich vom Parteitag. The Führer war himmlisch, in bester Stimmung und sehr fröhlich."

(Unity Mitford)

Unity's Verehrung für Hitler nahm ein tragisches Ende

Unity Mitford kehrt nach ihrem Selbstmordversuch in München nach England zurück (1940)

Unity, deren anfängliche Begeisterung für die englischen Faschisten eher der maximalen Eltern-Provokation zuzuschreiben war, entwickelte in Deutschland einen Fanatismus, dem sie schließlich selber zum Opfer fiel. Hitler persönlich kennenzulernen wurde für Unity zur Obession. In der "Osteria Bavaria", Hitlers Münchner Stammlokal, ging ihr Wunsch 1935 in Erfüllung, fand jedoch kein gutes Ende: Unter rätselhaften Umständen unternahm sie 1939 im Englischen  Garten einen Selbstmordversuch. –

Jessica wurde Sozialistin, Deborah durch Heirat die "Duchess of Devonshire"

Jessica, Unitys jüngere Schwester, las als Teenager das "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror" und wurde Sozialistin. Wie Nancy und Diana schrieb auch sie mit einigem Erfolg, sowohl autobiografisch als auch journalistisch. – Die jüngste Schwester, Deborah, fiel durch keinen Skandal auf, dafür durch ihre glanzvolle Hochzeit mit Lord Andrew Cavendish.

Jessica Mitford (1937)

"Unity, Debo und ich waren fast vollkommen auf unseren eigenen Erfindungsgeist angewiesen. (...) In einem Alter, in dem andere Kinder mit Puppen spielten oder Sport trieben, Ballett- oder Klavierstunden hatten, verbrachte Debo stille Stunden im Hühnerhaus, um zu lernen, wie man den Ausdruck von schmerzlicher Konzentration nachmachen könne, der im Gesicht einer Henne erscheint, wenn sie ein Ei legt. (...) Debo und ich gründeten die Gesellschaft der Hons, in der sie und ich die Offiziere und einzigen Mitglieder waren. (...) Der Name stammte nicht daher, dass sie und ich 'Honourables', Adlige, waren, sondern von den Hühnern und Hennen, die so eine große Rolle in unserem Leben spielten."

(Jessica Mitford)

"Counting my chickens"

Tatsächlich schrieben sich Debo und ihre ältere Schwester Pamela, auch sie eine passionierte Hühnerzüchterin, ihr Leben lang Briefe mit der Anrede: Dear Hen – Liebes Huhn. Da war Debo dann schon die Herzogin von Devonshire und damit beschäftigt, eines der größten Schlösser Englands in Schwung zu bringen und Bücher über dessen Kunstschätze zu verfassen. Einer ihrer Buchtitel aber hieß: "Counting my chickens"- Meine Hühner zählen. Und Pamela war stolz darauf, die "Appenzeller Spitzhauben", eine seltene Hühnerrasse, nach England eingeführt zu haben.

Ulrike Voswinckel erzählt eine Familiengeschichte, die von Rivalitäten, politischen Gegensätzen und wechselnden Allianzen geprägt ist – und deren spektakulärste Kapitel in Bayern spielen.

Buchtipps:

"Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an.": Unity Mitford. Eine Biographie

  • Autorin: Michaela Karl
  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
  • Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH (14. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3455504094
  • ISBN-13: 978-3455504095


Hunnen und Rebellen: Meine Familie und das 20. Jahrhundert

  • Autorin: Jessica Mitford
  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
  • Verlag: Berenberg Verlag; Auflage: 1 (6. März 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3937834605
  • ISBN-13: 978-3937834603


Das rote Schaf der Familie: Jessica Mitford und ihre Schwestern

  • Autorin: Susanne Kippenberger
  • Gebundene Ausgabe: 624 Seiten
  • Verlag: Hanser Berlin; Auflage: 5 (29. September 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446246495
  • ISBN-13: 978-3446246492
  • Größe und/oder Gewicht: 15,5 x 4,3 x 22 cm

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