Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Kranke Dichter "Appetitlos, müde und leidend"

Warum nur befällt die hypochondria vaga gerade Schriftsteller so heftig und bevorzugt? Wahrscheinlich liegt es an der berufsbedingt vergrößerten Vorstellungskraft. - Justina Schreiber begibt sich auf die Suche nach Dichtern, die in ihren Krankheiten mehr als nur Metaphern sehen.

Von: Justina Schreiber

Stand: 26.08.2017 | Archiv

"Der arme Poet" von Carl Spitzweg | Bild: picture-alliance/dpa/akg-images

"So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn - im Gegenteil - wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen."

(Ingeborg Bachmann)

Hypochondria vaga, die "Grillenkrankheit"

Kopfschmerzen, Fieber, Unruhe, Hartleibigkeit und was der diffusen Symptome mehr sind: „Natürlich liegt organisch nichts vor“, bemerkte Thomas Mann in seinem Tagebuch. Warum nur befällt die hypochondria vaga, die Grillenkrankheit, wie man sie früher nannte, gerade Schriftsteller so heftig und bevorzugt? Wahrscheinlich liegt es an der berufsbedingt vergrößerten Vorstellungskraft. Wie schnell mutieren in der Phantasie ein Furunkel an der Wange zum Krebs oder müde Beine zum Diabetes!

„Gibt es überhaupt ein gesundes Genie?“ ...

Gottfried Benn

... fragte - rein rhetorisch natürlich - der dichtende Doktor Gottfried Benn. Die Reihe nervös-hysterischer Autoren, die ihr Leiden am eigenen Körper verdichten, ist lang. Sie reicht von Rainer Maria Rilke bis Karl Valentin, von Franziska zu Reventlow bis Italo Svevo. Wobei sich auf den poetischen Krankenlagern neben künstlerisch wertvollen Herz- oder Lungenleiden durchaus auch unproduktive Störungen einstellen können, die jede Schreibblockade bestens rechtfertigen.

Mehr als nur eine Metapher

Als unangefochtene Weltmeister in der Disziplin der literarischen Leibesvisitation müssen nach wie vor die Österreicher gelten. Aber auch in Bayern hat Justina Schreiber genug Dichter gefunden, die in ihren Krankheiten wesentlich mehr als nur Metaphern sehen.


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