Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Ludwig II. und Wittgenstein Der König und der Philosoph

Dass der Wunsch nach Perfektion ein Fass ohne Boden ist, weiß man. Weshalb es folgerichtig weder dem König, noch dem Philosophen gelang, es zu füllen. Im Gegenteil. Trotz des permanenten Willens, sich präzise auszudrücken, fühlten sich beide notorisch und permanent unverstanden.

Von: Thomas Kernert

Stand: 12.08.2017 | Archiv

Beide stammen aus besten Kreisen, beide wurden auf weichen Kissen geboren. Beide machten es sich im Leben unnötig, aber mit großer Begeisterung schwer. Beide grübelten, bis sich die Balken bogen, beide hatten Ansprüche, beide bauten gewaltige, höchst majestätische Luftschlösser. Beide liebten die Musik und die Einsamkeit, aber nicht die Frauen. Beide flirteten mit dem Tod. Beide neigten zu Depressionen, beide waren maßlos eitel. Beide sahen ziemlich gut aus, beide starben kinderlos ...

Eine überaus empfindliche Natur ...

König Ludwig II.

„Jede Berührung mit der Welt verletzt mich, meine Natur ist von einer übermäßigen und unbegreiflichen Empfindlichkeit. Beleidigungen verletzen mich so tief, dass sie mich entwaffnen, sie drücken mich zu Boden, und sicherlich werden sie mich eines Tages vernichten.“

König der Träume - König der Gedanken

Beide besitzen bis heute einen harten Kern von Gleichgesinnten und einen riesigen Dunstkreis von Sympathisanten. Dass sie sich nie begegneten, lag allein daran, dass der Wittelsbacher drei Jahre vor der Geburt des Wittgenstein dummerweise im Würmsee ertrank. Was uns nicht daran hindern konnte, die beiden posthum miteinander bekannt zu machen. - Ein Sprachspiel und Gedankenspiel von Thomas Kernert.

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Ludwig Wittgenstein

"Keine Frage: Ein cooler Satz: Gnadenlos und endgültig wie das Fallbeil einer Enthauptungsmaschine. Ein Satz, der gerade denjenigen, der verstanden hat, ohne mit der Wimper zu zucken exekutiert. In der einschlägigen Literatur existieren nur wenige ähnlich kaltblütige, ähnlich schonungslose Sätze. - Ein solcher Satz macht einsam. Gegen einen solchen Satz muss man sich wehren. Wehren, indem man ihn entweder verspottet oder nachbetet. Kein Wunder, dass die Ikonoklasten der Moderne diesen Satz auf ihre Fahnen schrieben, um damit gegen die Traumschlösser der Metaphysik anzurennen." (Thomas Kernert)


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