Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Ingmar Bergman in München "Die Erschöpfung des Exils"

In den späten 1970er Jahren flüchtete der weltberühmte Regisseur Ingmar Bergman vor der schwedischen Steuerbürokratie ins Exil nach München, wo er am Residenztheater Regie führte und zwei (besonders pessimistische) Filme drehte. Die Stadt gefiel ihm, aber er gefiel ihr nicht. Eine Hassliebesgeschichte, erzählt von Markus Metz und Georg Seeßlen zum 10. Todestag von Ingmar Berman am 30. Juli 2017.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 29.07.2017 | Archiv

Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman befand sich in den 1970er Jahren eine Zeit lang im bayerischen Exil. Er war auf der Flucht vor einer unerwarteten und unverstandenen "Gewalttätigkeit" seines Staates. Nach einer Hausdurchsuchung und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung - zu Unrecht, wie sich später herausstellte - kam er recht verstört in der bayerischen Landeshauptstadt an, wo er  von 1976 bis 1985 lebte.

"Die Furcht, die Angst, die Schande. Die Demütigung. Das Problem ist, dass ich kindlich und hässlich reagiere, zum Vergnügen derer, die mich beschuldigen. Ich will ihnen Recht geben. Ich will gestehen, ich will lieb sein, ich will bezahlen. Aus den dunklen Ängsten der Kindheit taucht plötzlich ein gefährliches Gefühl auf. (...) Die Stunden schleppen sich dahin, wie ist mein Leben danach, kann ich weiterarbeiten? Kommt die Lust nach dieser öffentlichen Entehrung zurück? Dies ist Wirklichkeit, soll ich weitermachen mit meinen Spielen?"

(Ingmar Bergman, Zitat aus seinem Arbeitsbuch, 1975)

Zunächst machte Ingmar Bergman weiter

Ingmar Bergman (1957)

Während die Beamten und Rechtsanwälte sich immer tiefer in den "Fall Bergman" verbissen, schloss er die Montage seines Films "Von Angesicht zu Angesicht" ab, arbeitete am Drehbuch zu seinem nächsten großen Projekt "Das Schlangenei" und leitete die Proben zu August Strindbergs "Totentanz" am Stockholmer "Dramaten". Im Januar 1976 holten ihn Beamte der Steuerfahndung mitten aus der Probenarbeit. Sein Pass wurde ihm abgenommen, er selbst fünf lange Stunden verhört. Eine hässliche, unverständige Wirklichkeit hatte seine "Spiele" unterbrochen.

"Nun also kamen der Zusammenbruch und der Aufbruch."

(Ingmar Bergman)

Der Zusammenbruch führte Bergman in eine psychiatrische Klinik. Auf den gewaltsamen Einbruch in sein Leben folgte eine Zeit der erschöpfenden Leere.

"Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich gequält worden wäre. Ich stand morgens um halb sechs Uhr auf, um vor allen anderen im Waschraum zu sein, und ich achtete genau auf meine physische Kondition. Der Tag war sorgfältig eingeteilt. Ich bekam zehn Mal zehn Milligramm Valium und, sobald ich mehr brauchte, eine Sonderration."

(Ingmar Bergman)

Auf den Zusammenbruch folgte der Aufbruch: Der 58-jährige Regisseur verließ im April 1976 seine Heimat im Protest ...

"... gegen eine machtbesessene Bürokratie, die wie ein Krebsgeschwür wächst ..."

(Ingmar Bergman)

... und landete nach einigen Zwischenstationen in München.

In München entstanden zwei sehr pessimistische Filme

Dreharbeiten zu "Das Schlangenei"; (v.l.) Hauptdarsteller David Carradine, Ingmar Bergman, und der Schauspieler Georg Hartmann

Besonders wohl scheint er sich hier nicht gefühlt zu haben: Die Filme "Das Schlangenei" und "Aus dem Leben der Marionetten", die er in München drehte, gerieten besonders unversöhnlich und  pessimistisch. Mit seinen Theater-Inszenierungen stieß er beim Publikum und bei der Kritik auf wenig Gegenliebe. Auch persönlich konnte Bergman sich in München nicht heimisch fühlen.

"Ich war seit 1975 am Residenztheater engagiert. 1976 kam Bergman, das Theater stand Kopf, Meisel war ein Coup gelungen: ein Weltstar kommt nach München! Alle Schauspieler haben gezittert, voller Hochachtung. Als die erste Besetzungsliste rauskam - ich war nicht drauf - war jeder enttäuscht, der in Bergmans erster Inszenierung 'Traumspiel' nicht mitmachen durfte. Gerüchte gingen durchs Theater: mein Gott, ist der kompliziert, immer 1000 Prozent will er haben!"

(Robert Atzorn, Schauspieler)

Markus Metz und Georg Seeßlen skizzieren die 'Münchner Jahre' des großen Regisseurs anhand seiner Tagebücher und Lebensberichte, ergänzt durch Erinnerungen von Schauspielern und Kritikern.


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