Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Herbstgesänge Psychogramm einer Jahreszeit

Wie der Frühling ist auch der Herbst eine Übergangsjahreszeit. Entsprechend janusköpfig tritt er in Aktion. Während die einen lauthals singen, sterben die anderen leise. Nicht unter Bierbänken, sondern an Bäumen. Die herbstliche Farbenpracht, tausendfach bewundert und besungen, ist ein irreversibler Prozess, in dessen Verlauf lebendes Zellmaterial ziemlich schnell seine Vitalfunktionen einbüßt. Erkennbar ist dieses Sterben am Verlust der grünen Farbe. Am Ende tanzen bräunliche Blätterleichen einen danse macabre im Wind ...

Von: Thomas Kernert

Stand: 23.09.2017 | Archiv

Eine Traube macht noch keinen Herbst, viele hingegen einen passablen Wein. Der Herbst ist die Zeit der reifen Früchte, der vollen Teller und noch volleren Gläser. Im Herbst wird geerntet, gesungen und eingeweckt. Oder wie Peter Bamm einmal meinte:

"Aus den Träumen des Frühlings wird im Herbst Marmelade gemacht."

(P. Bamm)

Herbstliche Impressionen

"Oiß is vargänglich, nua da Kuaschwanz, der bleibt länglich"

Einsamer Maßkrug mit Herbstlaub

Bayern ist wie Marmelade, klebrig, süß und dickflüssig. Entsprechend anmutig ist das herbstliche Bayern. Zumindest wenn die Sonne scheint, die Farben tanzen und die Berggipfel jodeln. Dann mutiert jeder Augenblick zu einem kostbaren Juwel. Leider jedoch ist das menschliche Dasein in die Ruhelosigkeit der Zeit geworfen: "Oiß is vargänglich, nua da Kuaschwanz, der bleibt länglich." Der barocke Genussmensch weiß, dass die Zeit nur dann für eine hauchdünne Ewigkeit stehen bleibt, wenn man sich hinsetzt, den Kuh- bzw. Ochsenschwanz auffrisst und dazu drei Maß trinkt. Dann schallen die Lobgesänge durch die Bierzelte und preisen den Herrn und seine Gaben. Und wenn dann der November-Blues durch die Gassen heult (bzw. pfeift, bzw. singt), bleibt immer noch Zeit fürs Trübsal-Blasen, Gedichte-Lesen und Weihnachts-CDs-Einkaufen.

Extrovertierte und introvertierte Fröhlichkeit auf der Wiesn

Ekstatischer Tanz auf der Bierbank

Der Herbst, das ist die Jahreszeit des Laubhaufens, der Pfütze, der regennassen Fensterscheibe und der Geste des aufgestützten Kopfes. Letztere ist ein uraltes Bildmotiv, dessen Tradition bis zu den Klagefiguren in den Reliefs ägyptischer Sarkophage reicht. Trauernde, aber auch Philosophen, Heilige und Götter wurden in dieser Haltung abgebildet. Mit am berühmtesten ist der Kupferstich der mit aufgestütztem Kopf dasitzenden Melancholia von Albrecht Dürer, die von vielen als Inbegriff depressiver Verstimmung interpretiert wird. In Bayern jedoch trifft man diese Sitzhaltung oft auch in einem ganz anderen Zusammenhang an, nämlich beim Feiern am Biertisch.

Womit wir auch schon wieder auf der Wiesn wären. Dort gibt es grundsätzlich zwei Arten von Fröhlichkeit: die extrovertierte und die introvertierte. Die extrovertierte Fröhlichkeit tanzt so lange erst auf den Bierbänken, dann auf den Biertischen, bis sie irgendwann das Gleichgewicht verliert und unter dem Tisch landet, die introvertierte sitzt da, schaut diesem Treiben vergnügt zu und stützt ihren Kopf mit Hand und Ellenbogen ab. Dabei steigen in ihr mit der Zeit und der Anzahl der konsumierten Biere bunte Nebel auf, die alles in ein wundersmes Licht tauchen, bis schließlich der Arm unter der Wange wegrutscht und die Schwerkraft den Oberkörper langsam nach vorne auf die Tischplatte zieht. Die extensive Fröhlichkeit wird von Australiern, Italienern und Nordrhein-Westfalen, die introvertierte von Altbayern bevorzugt.


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