Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Fischen in Bayern Vom Tanz der Nymphen und dem Baden der Würmer

Nicht mit Angel, Schnur und Haken, sondern mit Aufnahmegerät und Mikrofon stellt Thomas Grasberger allen dreien nach - dem Fisch, dem Angler und der Faszination eines "Sports", der sich auch in Bayern bisweilen philosophisch gibt.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 05.08.2017 | Archiv

Alles Schöne dieser Welt beruhe auf göttlicher Gnade, schreibt der amerikanische Literaturprofessor Norman Maclean in seinem Kultbuch "Aus der Mitte entspringt ein Fluss". Nicht zuletzt gilt diese Hymne den prächtigen Bachforellen im Big Blackfoot River in Montana, wo Maclean mit seinem Vater, einem presbyterianischen Pastor, gern zum Fliegenfischen ging: "Im Fliegenfischen erhielten wir so viele Unterrichtsstunden wie in den anderen geistigen Fächern." Angeln ist demnach Kunst, ist Philosophie, ja sogar Religion!

Wer fängt, hat Recht ...

Und wer nichts fängt, weiß nie, woran es lag. Am Wetter, am Köder, oder weil gar keine Fische da sind? Wir haben einfach keine Ahnung. Und das ist auch gut so, sagt unser Angel-Detektiv Kunzmann. Wäre das Fischen nämlich berechenbar, würde es schnell fad werden. So aber fasziniert uns die fremde, geheimnisvolle Welt im Trüben oft ein ganzes Leben lang.

"Das ist für mich der Reiz: Einzutauchen in die Gegenwelt. Ich überlege mir, wie kann es aussehen, und ich vermesse eine Welt, die mir immer fremd bleibt. Ich kann nur Mutmaßungen anstellen, und wenn ich Glück hab, dann fang ich auch, dann sind die Mutmaßungen bestätigt. Aber eben diese Spannung zwischen einer fremden Welt, in die ich ganz gedanklich eintauche, das macht den psychologischen Reiz dieses Trüben aus, das da vor mir liegt."

(Peter Kunzmann, Professor für Philosophie)

Bereits die Römer kannten die Technik des Fliegenfischens

Römisches Mosaik, das den Fischfang darstellt

Nun muss man für diese Art von Gottesdienst nicht eigens nach Montana reisen. Auch Bayerns Gewässer sind fischreich, weshalb die Begeisterung für das Angeln hierzulande schon seit der Steinzeit heimisch ist. Bereits die Römer kannten die Technik des Fliegenfischens; im Mittelalter war der Fischfang vielerorts ein Privileg des Adels, während es den "einfachen Leuten" lange Zeit verboten blieb, eine Angelschnur auszuwerfen. Das Angeln stand auf dem Stundenplan angehender bayerischer Kurfürsten, und auch König Ludwig II. genoss die traumhafte Naturkulisse Hohenschwangaus nicht nur beim Wandern, sondern auch beim Fischfang. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Angeln – oder Fischen, wie es hierzulande meist genannt wird – einen ungeahnten Aufschwung und gehört heute zu den beliebtesten Freizeitvergnügen im Land.

"Ganz banal ... ich sitze zu Hause und binde eine Fliege, in einem Heizungskeller, aber in Gedanken bin ich am Wasser, an den schönsten Stellen der Welt und das gibt mir ganz viel Kraft fürs Leben und ich freue mich auf den Augenblick, wenn diese Fliege zum Einsatz kommt. Und ich glaube, das ist es, was es ausmacht am Ende. Man vergißt Zeit und Raum, vergißt die Probleme, kann vielleicht besser über Probleme nachdenken, hat eine Lösung. Es ist die reine Seinform, es sind sogar euphorische Momente. Glück ist es in jedem Fall, schon Stunden vor dem Fischen ist da dieses Kribbeln ... Eine fast überschäumende Euphorie ist dabei und ich freu mich einfach immer, dass es wieder geklappt hat, dass ich wieder hier bin."

(Deszö Nagel)

Geht es um den Fang des Lebens?

Fliegenfischer auf Forellenjagd

Worin aber besteht das Glück des Anglers? Warum stellt er sich stundenlang ans Wasser und fischt im Trüben? Um mit "Nymphen" und "Wobblern" die Natur zu überlisten? Um den Fang seines Lebens zu machen? Es gehe nicht darum, den "Rekordfisch des Tages" zu erlegen, sagte die 2008 verstorbene Fliegenfischer-Legende Mel Krieger: "Fliegenfischen ist wie ein Tanz." Doch was sagen die stummen Fische zu diesem Danse macabre?

Buchtipps:

Das Glück am Haken: Der ewige Traum vom dicken Fisch

  • Autor: Christoph Schwennicke
  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Droemer HC (20. August 2010)
  • ISBN-10: 342627518X
  • ISBN-13: 978-3426275184


Angeln

  • Autor: Peter Kunzmann
  • Taschenbuch: 144 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag; Auflage: EA (1. Februar 2004)
  • ISBN-10: 3423206853
  • ISBN-13: 978-3423206853


Tierphilosophie zur Einführung

  • Autor: Markus Wild
  • Broschiert: 232 Seiten
  • Verlag: Junius Hamburg; Auflage: 3., korrigierte Auflage (Juli 2013)
  • ISBN-10: 3885066513
  • ISBN-13: 978-3885066514


Aus der Mitte entspringt ein Fluß

  • Autor: Norman Maclean
  • Taschenbuch: 240 Seiten
  • Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage: 2 (27. Juni 2003)
  • ISBN-10: 3596145317
  • ISBN-13: 978-3596145317


Tom Sawyer & Huckleberry Finn

  • Autor: Mark Twain
  • Übersetzer: Andreas Nohl
  • Gebundene Ausgabe: 712 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser; Auflage: 5 (8. März 2010)
  • ISBN-10: 3446235035
  • ISBN-13: 978-3446235038

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