Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


22

Ein Haus am Walchensee Die Familie Eisner und ihr Feriendomizil

Die Gegend um den Walchensee im Voralpenland war für viele deutsche Juden ein Sommerparadies - bis sie von den Nazis vertrieben wurden. Auch die Familie des Londoner Musikers Tom Eisner - er ist Erster Geiger des London Philharmonic Orchestra - besaß hier ein Feriendomizil.

Von: Julia Smilga

Stand: 11.11.2017 | Archiv

"Oktober 2016. Münchener Konzertsaal Gasteig. Das Konzert des London Philharmonic Orchestra ist gut besucht. Ich befrage die Konzertbesucher nach ihren Musikwünschen für unser Radioprogramm. An einem Foyertisch sitzt ein groß gewachsener Herr bei einer Tasse Kaffee. Seinem schwarzen Smoking und der Fliege nach scheint er Orchestermitglied zu sein und hat bestimmt einen schönen Musikwunsch für mich!

Der Musiker stellt sich vor: Tom Eisner, Erste Violine im Londoner Orchester. Er spricht erstaunlich gut Deutsch und wünscht sich die Alpensinfonie von Richard Strauss. Und zwar aus einem besonderen Grund: Tom Eisners Urgroßvater hat mit Strauss gespielt. Seine Musik war in der Familie sehr beliebt, auch nachdem die Eisners Deutschland hatten verlassen müssen und nach England ausgewandert waren.

Was war damals passiert? Die Antwort ist kurz: 'Wir sind Juden'."

(Julia Smilga)

Suche nach den deutschen Wurzeln

Bertolt Brecht (1951)

Von der Ermordung  seiner jüdischen Großeltern im KZ hat Tom Eisner lange nichts gewusst. Als die  Mutter nach vielen Jahrzehnten ihr Schweigen bricht, beginnt für den gebürtigen Engländer die Suche nach seinen deutschen Wurzeln. Sie führt ihn zu einem alten Haus am Walchensee, vor mehr als 100 Jahren erbaut von dem wohlhabenden jüdischen Textilfabrikanten Hugo Eisner – Toms Urgroßvater. Dessen Tochter Lotte Eisner, die berühmte Filmhistorikerin und Toms Großtante, war gern in diesem Haus zu Gast. Wie auch der Dichter Bertolt Brecht

Anfang des 20. Jahrhunderts lebte die jüdische Familie Eisner in Berlin

Die Filmhistorikerin Lotte Eisner (1983)

Ihr Textilgeschäft lief gut, die Eisners waren vermögend: eine Villa im noblen Bezirk Tiergarten, englische und französische Gouvernanten für die Kinder. Die Familie bestand aus Toms Urgroßvater Hugo, seiner Frau Margarete und ihren drei Kindern. Fritz, Toms Großvater,  wurde 1893 geboren. Drei Jahre später kam seine Schwester Lotte zur Welt, 1906 das Nesthäkchen Steffi. Das Familienoberhaupt Hugo Eisner war kaisertreu, aber liberal, erzählt Lotte Eisner in einem Interview Jahrzehnte später:

"Meine Familie war furchtbar assimiliert, wie wir alle, die Leute aus dem Tiergartenviertel. Ich habe immer die Ungerechtigkeit gespürt und habe mich immer geniert, ein reiches, sogenanntes 'wohlhabendes Mädchen' zu sein. Mein Vater war ein alter Demokrat, mein Bruder und ich waren linker als er."

Was Lotte Eisner damals dem Reporter nicht erzählt: trotz Assimilierung, Kaisertreue und deutscher Weihnachtsfeste spielte das Judentum eine gewisse Rolle in Hugo Eisners Familie. 1983, kurz vor ihrem Tod im Pariser Exil, verfasste sie ihre Memoiren – unter dem Titel "Ich hatte einst ein schönes Vaterland". Zu diesem Zeitpunkt war sie eine der wichtigsten Filmwissenschaftlerinnen in Europa, berühmt als Gründerin der "Cinémathèque Française", des renommierten Filminstituts in Paris:

"Die ersten Jahre meines Lebens hat es mir wenig Kummer gemacht, dass wir Eisners Juden waren. Mein Vater hatte mir einmal, als ich noch ein kleines Mädchen war, von einem Pastor Stoecker erzählt, der die Juden hasste. Da war ich ganz erschrocken und begriff zum ersten Mal, dass wir anders waren, als die übrigen Deutschen. Vater ermahnte mich, dass wir Juden uns besonders anständig benehmen müssten, damit die anderen gar keinen Grund fänden, uns schlecht zu machen."

Welche Geheimnisse hütet dieses Haus?

Tom Eisner mit der heutigen Hausbesitzerin Friederike Wolf vor dem "Haus am Hochwald"

Aus der zufälligen Begegnung Tom Eisners mit der heutigen Hausbesitzerin Friederike Wolf entwickelte sich eine enge Freundschaftsbeziehung. Im ehemaligen Haus seiner Familie verbringt er nun oft selbst seine Ferien. Doch welche Geheimnisse hütet dieses Haus, das in der NS-Zeit notgedrungen den Besitzer wechselte? Was wurde aus den jüdischen Nachbarn der Eisners? Und was wissen die heutigen Walchenseer über jene Ereignisse, in die manchmal  ihre eigenen Eltern involviert waren?

Suche nach Antworten

Julia Smilga begleitet Tom Eisner bei seiner Spurensuche im einstigen Sommerparadies seiner Familie. Gemeinsam suchen sie nach Antworten auf  manchmal  unbequeme Fragen.

Literaturhinweis:

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland: Memoiren"

  • Autorin: Lotte H. Eisner
  • Vorwort: Werner Herzog
  • Bearbeitung: Martje Herzog-Grohmann
  • Taschenbuch: 392 Seiten
  • Verlag: Das Wunderhorn (1. Januar 1984)
  • ISBN-10: 388423031X
  • ISBN-13: 978-3884230312

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland" ist nicht nur die Begegnung mit den wichtigsten Filmkünstlern seit es den Film als Kunstwerk gibt, es ist auch die Geschichte einer großen Journalistin, die durch ihren Idealismus, ihre Ehrlichkeit, ihre umfassende Bildung ohne akademischen Anspruch, zur großen Alten Dame des Deutschen Films wurde ...


22