Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


20

Der Bergfilm Gipfel der Gefühle

Der Berg ruft - und der Mensch muss hinauf. Denn er strebt stets nach Höherem, und zwar nicht nur in der freien Natur - "outdoor" - wie es auf Neudeutsch heißt - sondern auch "indoor", im Kino beispielsweise. Wir laden Sie ein zu einer akustischen Expedition in eisige Höhen.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 14.10.2017 | Archiv

"Wetterleuchten um Maria" (1957), Regie: Luis Trenker | Bild: KPA Archival Collection/Süddeutsche Zeitung Photo

Der Berg ist eine der großen Abenteuer- und Philosophie-Landschaften, der Ort, an dem sich Zivilisation und Wildnis, Wirklichkeit und Transzendenz, Geschichte und Ewigkeit begegnen. Ein dramatischer, ein schöner, ein symbolischer und manchmal auch ein ideologischer Ort - mit anderen Worten: ein "kinematografischer".

Bergfilm-Pioniere

Luis Trenker

In den zwanziger Jahren begann sich das Kino technisch und ästhetisch zu befreien. Es entfesselte seine Kamera, es verließ die Studios, es entdeckte die Natur. Der deutsche Bergfilm, dessen Pionier Arnold Fanck wurde, machte aus dieser Befreiung nicht nur ein ästhetisches Ereignis, sondern legte auch den Grundstein für eine cineastische Mythologie, die bei Protagonisten wie Luis Trenker und Leni Riefenstahl eine durchaus zweifelhafte Wendung nahm und im deutschen "Heimatfilm" die Berglandschaft der deutschen Alpen vollends zur Kitsch-Kulisse degradierte.

Der Bergfilm sei ein deutsches Genre, sagt man. Ein sehr deutsches Genre.

Arnold Fanck, Regisseur und Pionier des Bergfilms

Natürlich liegt dieser Verdacht nahe, obwohl es Filme über Bergbesteigungen schon in den Anfangsjahren des Stummfilms und aus den unterschiedlichsten Ländern gab. Weil es ein deutscher Regisseur war, Arnold Fanck, der erstmals grandiose dokumentarische Aufnahmen aus den Alpen mit melodramatischen Spielfilmelementen verband. Weil dieser Bergfilm in den Kinos zwischen München und Berlin so einen enormen künstlerischen und auch kommerziellen Erfolg erzielte. Weil aus dieser Schule des deutschen Bergfilms nicht nur die Stars und Nachfolger Arnold Fancks hervorgingen, Luis Trenker und Leni Riefenstahl, sondern auch die grandiosen, für das Genre besonders wichtigen Kameraleute wie Richard Angst und Sepp Allgeier. Und vielleicht auch, weil hier zum ersten Mal das Genre nicht nur gefeiert, sondern auch kritisiert wurde.

Stefan König - Autor und Gründer des Bergfilmfests St. Anton am Arlberg

Autor Stefan König

"Das nationalistische Element spürt man wieder ganz deutlich in den dreißiger Jahren, aber nicht erst mit dem Aufkommen der Nazizeit, sondern auch schon bei den Erstbegehungen: Matterhorn-Nordwand 1931 durch Franz und Toni Schmidt, dann kamen die Nazis, der Faschismus richtig auf. Da war dann die Grand Jorasse-Nordwand, die 1936 erstbegangen wurde, 1938 die Eiger-Nordwand. Hier ist weniger das nationalistische Element spürbar, sondern dass alle drei - damals als die letzten großen Probleme der Alpen geltenden – Wände von Bergsteigern aus faschistischen Ländern erstbegangen wurden, also dort wo der Kampf einen besonders hohen Stellenwert hatte. Der ehemalige Kulturreferent des Deutschen Alpenvereins hat einen Satz geprägt, den ich sehr schätze: 'Damals verschmolz sich die Kampfideologie des Alpinismus mit der Kampfideologie des Nationalsozialismus.' Da spüren wir diese Nähe, wo es um Kämpfertum, um Wagemut ging, um soldatische Tugenden. Oder auch der Satz: ‚Durchkommen oder umkommen’."

"Sitz der Götter"

Berge haben in anderen Cinematografien, etwa im amerikanischen Western, eine durchaus andere, eher pragmatische dramaturgische Funktion. Doch auch hier, ebenso wie in Filmen aus Russland, Indien oder China zum Beispiel, ist der Berg mehr als nur eine dramatische Landschaft, ein Grenzgebiet, ein "Sitz der Götter", mindestens aber, wie schließlich in der dokumentarischen Ableitung des "Bergsteigerfilms", eine Herausforderung.

Mythos und Magie der filmisch "eroberten Berge"

Das Hörstück geht der Geschichte des Berges im Film nach - von den Stummfilm-Anfängen bis zum sensationellen 3-D-Abenteuer unserer Tage, natürlich mit einem Schwerpunkt auf der heimischen Alpenregion. Im Mittelpunkt stehen Mythos und Magie der filmisch "eroberten Berge" - und die Frage, was davon in den Zeiten der allfälligen Machbarkeiten und des Extremkletterns als Medien-Spektakel noch übrig geblieben ist.

Stefan Glowacz, Extremkletterer und Produzent von Expeditions-Dokumentationen

Stefan Glowacz

"Für mich beinhaltet Bergsteigen alles, was ich an persönlichen Vorstellungen habe von einem Einklang zwischen Körper und Geist. Ich definiere mein Ziel selber und versuche es im vorgegebenen Zeitfenster zu erreichen. Ich muss aber sämtliche körperliche und geistige Energie bündeln, um das Ziel zu erreichen, weil es oft in einem persönlichen Grenzbereich angesiedelt ist."

"Diese Augenblicke, die man auf dem Weg zu seinen Zielen erlebt, sind so intensiv, dass sie einem ständig in Erinnerung bleiben. Das ist mein Antrieb: Ich gehe in die Berge, weil ich dort eine intensive Lebensform erlebe wie ich sie in meinem normalen Alltag nicht habe. Es gab immer den Ansatz, diese Faszination dieser Augenblicke einem größeren Publikum zugänglich zu machen, was in den meisten Fällen scheitern muss. Weil: Dieses Gefühl in diesem Moment kann man nicht darstellen, nicht auf einer Kinoleinwand erzeugen."

Buchtipps:

Jäger des Augenblicks: Traumland Venezuela -
hinter den Kulissen einer Abenteuerfilm-Expedition

(Mit DVD des Kinofilms "Jäger des Augenblicks")

  • Autoren: Stefan Glowacz und Holger Heuber
  • Fotorgraf: Klaus Fengler
  • Gebundene Ausgabe: 168 Seiten
  • Verlag: Delius Klasing; Auflage: 1. Auflage 2015 (9. März 2015)
  • ISBN-10: 3667101481
  • ISBN-13: 978-3667101488


Bera Luis - Das Phänomen Luis Trenker

  • Autoren: Stefan König, Florian und Ferdinand Trenker
  • Broschiert: 287 Seiten
  • Verlag: GeoCenter (1. Oktober 2006)
  • ISBN-10: 3939499021
  • ISBN-13: 978-3939499022

20