Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Bayern-Israel-Bayern Geschichten von Exil und Remigration

Thomas Muggenthaler porträtiert Zeitzeugen, die dem antisemitischen Terror des NS-Regimes entkamen und in Israel eine neue Heimat fanden. Doch nicht alle Emigranten konnten dort dauerhaft Wurzeln schlagen und so kehrten einige von ihnen wieder nach Bayern zurück.

Von: Thomas Muggenthaler

Stand: 30.09.2017 | Archiv

Uri Neuburger - Tel Aviv

Uri Neuburger

In Ramat Aviv, einem schönen, modernen Stadtteil der Mittelmeermetropole Tel Aviv, lebt Uri Neuburger. Er hieß früher Heinz Neuburger und wurde in Regensburg geboren. Seine Geschichte ist ungewöhnlich, denn seine Familie hat den Holocaust in Italien überlebt. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs emigrierte sie nach Palästina. Über Uri Neuburgers Schreibtisch in Tel Aviv hängen Bilder aus Regensburg: die Steinerne Brücke oder die Synagoge vor ihrer Zerstörung 1938.

"Meine Frau sagt, wenn ich nicht Humor hätte, könnte man mit mir nicht leben. Die Engländer sagen: Join the Navy and see the World. Ich sag: Sei ein Flüchtling von Hitler, dann siehst du die Welt!"

(Uri Neuburger)

Thomas Muggenthaler hat in Israel neben Uri Neuburger auch Oscar Prager besucht, der aus Fürth stammt, erst einmal nach England emigrierte und heute ebenfalls in Israel lebt. Und er hat sich mit Emanuel Gutman unterhalten, dessen Familie aus München direkt nach Jerusalem ausgewandert ist.

Oscar Prager - Petah Tikwa

Oscar Prager

In Petah Tikwa, einer Stadt vor den Toren Tel Avivs, lebt Oscar Prager, der 1929 in Fürth geboren wurde. Oscar Prager trägt eine Kippa, die Kopfbedeckung religiöser Juden. In dem Viertel, in dem er wohnt, sieht man viele nach den religiösen Vorschriften gekleidete Menschen. Er sei bewusst hierher gezogen, sagt Oscar Prager. Er wurde religiös erzogen. Sein Vater war der Direktor der jüdischen Volksschule und der Realschule in Fürth. Nach den frühen, noch unbeschwerten Kindheitstagen bekam Oscar Prager im Schulalter den Antisemitismus nazistischer Prägung zu spüren.

Seine Großmutter stammte aus dem nahen Sulzbach. Sulzbach hat eine lange jüdische Geschichte, besitzt heute noch eine imposante Synagoge und einen großen jüdischen Friedhof.

"An eines kann ich mich sehr gut erinnern: Wie meine Großmutter weggezogen ist aus Sulzbach nach Fürth, hatte der 'Fränkische Kurier' als Überschrift: 'Sulzbach ist judenrein'."

(Oscar Prager)

Emanuel Gutmann - Jerusalem

Emanuel Gutmann

In Jerusalem lebt Emanuel Gutmann. Er stammt aus München. In jungen Jahren hatten sich seine Eltern in der bayerischen Landeshauptstadt eine Existenz aufgebaut. Der Vater hatte seine Arztpraxis, die Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um die drei Söhne. Emanuel war der älteste.

"Ich bin geborener Münchener. Mein Vater, Dr. Moses Julius Gutmann, war Arzt. Er wurde der erste Allergist in Deutschland. Und als wir Mitte der 30er Jahre nach Jerusalem kamen, war mein Vater der erste Allergist hier in Palästina."

(Emanuel Gutmann)

Manche Emigranten kehrten wieder nach Bayern zurück

Nicht alle Emigranten, die ihre bayerische Heimat notgedrungen verließen und in Palästina bzw. Israel Zuflucht fanden, haben dort dauerhaft Wurzeln geschlagen. Thomas Muggenthaler porträtiert in seiner Sendung auch Menschen, die aus Israel wieder nach Bayern zurückgekehrt sind: Henry Brandt etwa, geboren in München, 1939 über England nach Tel Aviv ausgewandert, heute Rabbiner in Augsburg. Oder auch Uri Siegel, Neffe des legendären FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer und 1934 nach Palästina emigriert, aber seit gut sechzig Jahren in seiner Geburtsstadt München als Rechtsanwalt tätig.

Henry Brandt - Rabbiner in Augsburg

Henry Brandt

Henry Brandt hieß früher Heinz. Sein Vater Friedrich, Fritz genannt, führte zwei Schuhgeschäfte in München. Geboren 1927 und aufgewachsen in Schwabing, spürte Henry Brandt schon als Kind den wachsenden Antisemitismus und die zunehmende Bedrohung. Sein Vater konnte sich lange nicht zur Emigration entschließen, hoffte darauf, dass Wehrmacht oder Industrie Hitler und die Nazis stoppen würden. Doch zwei Ereignisse im Jahr 1938 ließen ihn umdenken. Das eine war die sogenannte "Reichskristallnacht".

"In der Nacht haben sie meinen Vater nach Dachau abgeholt. Ein paar Monate zuvor hatten sie schon die große Synagoge, in die ich mit meiner Familie öfters zum Schabbat-Gottesdienst gegangen bin, abgerissen. Das war wirklich ein dramatisches Ereignis."

(Henry Brandt)

Nach "Kristallnacht" und KZ war klar: Die Familie würde nach Palästina emigrieren. Mutter Margot Brandt hatte bereits alles vorbereitet.

Uri Siegel - Rechtsanwalt in München

Uri Siegel

Uri Siegel wohnt in der Ismaninger Straße, direkt neben der Villa Stuck. Er wurde 1922 in München als Ulrich Leopold Siegel geboren, den Vornamen Uri gab er sich in Palästina, als Zeichen für den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. Sein Onkel war Kurt Landauer, der legendäre Präsident des FC Bayern München. Uri Siegel kann sich sogar noch an die Feierlichkeiten erinnern, als die "Bayern" 1932 zum ersten Mal Deutscher Meister wurden.

"Wir haben uns den Siegeszug, den Einzug der Mannschaft vom Hauptbahnhof zum Marienplatz, vom Haus der Tante, der Gabriele Rosenthal, aus angeschaut und mein Vetter Otto durfte neben dem Kutscher sitzen. Wir waren sehr stolz darauf."

(Uri Siegel)

Als Zeitzeugen, die dem antisemtischen Terror des NS-Regimes entkamen und den Holocaust überlebten, haben sie alle viel zu erzählen: Geschichten von Flucht und Vertreibung, vom Heimischwerden in der Fremde, dem Glück des Ankommens in der Sicherheit, von der Sehnsucht nach dem Verlorenen - und auch vom Heimkehren …


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