Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton

Homer, Shakespeare & Co. in Bayern Mutmaßungen über den bairischen Dialekt

Bairisch ist sexy. Und: Sex sells. Also gibt es mittlerweile auch die Klassiker der so genannten Weltliteratur auf Bairisch. Feiert die Provinz "fröhliche Urständ"? Oder ist alles nur "a Gaudi"?

Autor: Thomas Kernert Stand: 31.12.2011
"Mia redn Boarisch" | Bild: picture-alliance/dpa

Sprechen Sie bairisch? Nein? Dann wird es höchste Zeit, es zu lernen. Denn kein anderer Dialekt ist in Deutschland so beliebt wie das Bairische. Woran das liegt? An der Schönheit und Klugheit der Bayern? Kann sein, die amtierende Miss Germany jedoch stammt aus Weimar, wo man gemeinhin ein ziemlich gewöhnungsbedürftiges Idiom pflegt. Und Jürgen Habermas ist geborener Düsseldorfer.

Weicher, warmherziger Sprachklang

Lexikon der Bairischen Sprache

Logopäden und Dialektforscher weisen deshalb lieber auf die rollenden „Rs“, die runden Vokale, die weichen Sprenglaute sowie die vielen Diphthonge hin, die dem Bairischen insgesamt einen weicheren und warmherzigeren, sprich: kommunikativeren Sprachklang verleihen. Will heißen: Bairisch ist sexy! - Auch wenn Missverständnisse dazu gehören. „A Kiwi“  ist hierzulande keine tropische Frucht, sondern ein Eimer.

Bairisch ist sexy!

Bayerische Kellnerin bei der Arbeit - "Sex sells"!

Dennoch: Sex sells! Ganz in diesem Sinne gibt es mittlerweile alles auf bairisch: Speisekarten, Comics, Kinderbücher, Fernsehkrimis, Rockmusik, Musicals, Opern, ja sogar die Odyssee. Während in der globalisierten Welt immer mehr Sprachen vom Aussterben bedroht sind, trumpft das Bairische mitten in Zentraleuropa groß auf. Eine ganze Branche lebt mittlerweile von der Herstellung und Verbreitung bairischer Kommunikation. Feiert hier die Region, die Provinz, das tellerförmige Denken fröhliche Urstände? Oder ist alles nur a Gaudi?

Bairisch als Massenware

Thomas Kernert, der der Klangfülle und Harmonie des Bairischen in jeder Form zugetan ist, befürchtet: Der gefährlichste Feind des Bairischen ist Bairisch als Massenware.

Einzigartigkeit ist nicht mehr wirklich erwünscht

"Die Sprache ist nicht das Kleid des Gedachten, sondern dessen Körper. Letztendlich läßt unser seltsamer postmoderner Umgang mit dem Bairischen nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig: Er zeigt an, wo wir uns befinden: Wir sind keine Provinzler mehr, so sehr wir es von Zeit zu Zeit auch sein wollen. Wir sind globalisierte Arbeitnehmer mit globalisierten Verbraucherbedürfnissen, einem globalisierten Gewissen und einem leicht klaustrophoben Sprachgefühl. In einem Dialekt ganz zu Hause zu sein, kommt für uns nicht mehr ernsthaft in Frage. Längst sind wir polyglott, sprechen Hoch-, Fach- und Fremdsprache.

Unser Dialekt degeneriert darüber fast notgedrungen zur Nebensprache, zum Spielzeug, zum Schrebergarten, den man - just for fun - mit ein paar exotischen Hybriden á la Homer, Shakespeare und Co. aufmotzt. Warum nicht? Wenn Bayern englisch sprechen können, dann können Homer, Shakespeare und Co. gaudihalber auch mal bairisch sprechen. Alles ist längst mit allem kompatibel. Einzigartigkeit ist nicht mehr wirklich erwünscht. So wollen es die Welt, die Unterhaltungsindustrie und, ja, auch wir ..."