Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Bankgeschäfte Wo Bayern ausrastet ...

Sitzen ist eine sehr angenehme Tätigkeit. Weshalb ihr auch der Bayer seit Jahrhunderten schon frönt. Doch weder Sessel, noch Sofa, noch Stuhl oder Korb vertraut er sich und sein Hinterteil am allerliebsten an, sondern einer viel älteren und viel ehrwürdigeren Sitzmöbelkategorie noch: der Bank!

Von: Thomas Kernert

Stand: 08.07.2017 | Archiv

Sitzen ist eine sehr angenehme Tätigkeit. Zumindest für uns Menschen. Dennoch - oder gerade deshalb - glaubt der Mensch, immer wieder aufstehen zu müssen. Laut Pascal liegt die Ursache allen Unheils allein darin, dass der Mensch nicht ruhig in seiner Kammer sitzen bleiben könne.

Sitzen ist eine sehr angenehme Tätigkeit. Zur präventiven Unheil-Vermeidung machten sich die Menschen deshalb sehr früh schon sehr profunde Gedanken darüber, wie man möglichst lange möglichst ruhig und bequem in seinen vier Wänden der Tätigkeit des Sitzens nachgehen könne.

Der Louis-Quinze-Sessel

Die Ergebnisse sind beeindruckend und zeigen, dass das Stubenhockertum  trotz Tourismus und Outdoor-Wahn bis heute über sehr schlüssige und bequeme Argumente verfügt. Warum sollte man beispielsweise aus einem französischen Louis-Quinze-Sessel aufstehen?! Welche Eleganz, welche Harmonie, welche „Culture“ umflort den in einem solchen vierbeinigen Artefakt Sitzenden?!

Das Chesterfield-Sofa

Oder blicken wir nach England: Was macht einen etwas dürren, leicht anämisch wirkenden Member of the House of Lords zu einem raumgreifenden Ereignis? - Exakt: Ein raumgreifendes, kraftstrotzendes Chesterfield-Sofa, auf dem er sitzt: 2 Meter breit, 80 Zentimeter tief, animalische rotbraune Lederpolsterung!!

Der Wiener Kafeehausstuhl

Und wie sollte man stundenlang über das Leben und den Tod disputieren können ohne auf einem Wiener Kaffeehausstuhl zu sitzen, dessen grazile, um nicht zu sagen skelettöse Bughölzer direkt aus der Werkstatt des Boanlkramers stammen könnten?!

Der Strandkorb

Und was wäre der Küstenpreuße ohne seinen Strandkorb, der in Wirklichkeit natürlich kein Korb, sondern eine abenteuerliche Mischung aus Schrankwand und Kinderwagen ist, in welche sich der Küstenpreuße verkriecht, wenn er mal so richtig im Freien sein will?

Jedem Volk sein Sitzmöbel!

Den Wienern ihr Thonet-Stuhl, den Franzosen ihr Louis-Quinze-Stuhl, den Briten ihr Chesterfield-Sofa, den Friesen ihr Strandkorb. Und den Bayern? - Keine Frage, nichts steht weltweit so bayerisch da wie die Bierbank. Nichts passt symmetrischer zusammen als Bierbänke und bayerische Männerhinterteile.

Die Kirchenbank nahm großen Einfluss auf Körper und Geist der Bayern

Gläubige in einer Kirche

Das erstaunt insofern ein wenig, als die heute handelsübliche Bierbank mitnichten im frühmittelalterlichen Bayern erfunden wurde, sondern 1950 in Schwaben – wenn auch im bayerischen Schwaben, genauer: in Illertissen. An bankförmigen Kollektivsitzmöbeln freilich herrschte auch zuvor schon kein Mangel. Vor allem die Kirchenbank nahm großen Einfluss auf den körperlichen und geistigen Habitus des Bayern. Auf Ruhbänken  bzw. ‑steinen gewöhnte er sich zudem früh schon an harte Unterlagen. Und stand gar nichts anderes zur Verfügung, so genügte ihm auch ein gefällter Baum als Raststätte. Hauptsache, man saß interaktiv "beisammen" und konnte auf gleicher Höhe seinen diversen Geschäften nachgehen (welche mitunter krummer waren als besagte Bäume).

Thomas Kernert sinniert über das bayerische Bankwesen

Parkbank im Englischen Garten

Die "belehnte" Parkbank, wie sie der Englische Garten später offerierte, gehört bis heute eher zur Kategorie der Luxusmöbel. Auf ihr lässt sich herrlich plaudern, herrlich "anbandeln" (… die urbane bayerische Reproduktion wäre ohne sie vermutlich längst zum Stillstand gekommen…) sowie, bei entsprechender Witterung, herrlich über das bayerische Bankwesen sinnieren. Dies tat unser Feuilletonist Thomas Kernert mit Inbrunst und Begeisterung …


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