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Von Kirkenes nach St. Petersburg Segelabenteuer in Russlands Norden

Früher durften hier keine Privatyachten aus dem Ausland segeln und auch heute wagen sich nur ein oder zwei Segelboote im Jahr durch Barentssee und Weißes Meer bis Sankt Petersburg. Für uns war es ein spannender Vorstoß ins Unbekannte.

Von: Mechthild Müser

Stand: 16.11.2017

Nur ein bis zwei Schiffe pro Jahr segeln auf dieser Route nach Russland. Das erzählt uns die norwegische Polizei im Hafen von Kirkenes, als wir unsere Yacht klarmachen zum Auslaufen. Und auch das nur in den Sommermonaten von April bis Oktober, danach frieren die Gewässer wieder zu. Auf ins Unbekannte sagen wir uns und ziehen leicht fröstelnd die Schultern hoch. Aber die Kälte wird uns nicht abhalten, ebenso wenig die zahlreichen Vorschriften:

  • Es muss mindestens eine russisch-sprechende Person an Bord sein
  • In russische Hoheitsgewässer müssen wir an einem genau festgelegten Punkt C in der Barentssee einfahren.
  • Jede Schleusung muss angemeldet sein, jede Brückenöffnung ebenso - und zwar mindestens 24 Stunden vorher.

Unsere Segelyacht „Wappen von Bremen“ hat einen Mast von über 25 Metern Höhe und einen Tiefgang von zwei Meter achtzig. Normalerweise fahren in diesen nördlichen Breiten keine Schiffe, die so hoch hinausragen. Für uns müssen sämtliche Brücken geöffnet oder angehoben werden, selbst wenn eine Autobahn drüber läuft. Wir sind auf viel Unterstützung angewiesen. Werden wir die auch bekommen?

Arktischer Wind und üppige Mahlzeiten

Im Varangerfjord begleiten uns noch Fischer, Möwen und Lummen, sogar Beluga-Wale zeigen sich in der Ferne. Aber die Barentssee ist genauso grau und öde wie zu erwarten war. Arktischer Wind kommt aus Nordost, kalt-feuchte Luft, die Wassertemperatur liegt um die vier Grad, die Lufttemperatur bei acht. Die Heizung an Bord bleibt trotzdem aus, wir wollen keine Energie verschwenden und ziehen uns lieber warm an. Wir sehen weder Schiffe noch Tiere – außer ein paar Sturmmöwen. Die Stimmung retten wir mit üppigen Fleisch- und Fischmahlzeiten, auch wenn uns die Schräglage beim Kochen einiges Geschick abfordert.

Wir segeln Richtung Südosten, an der Kola-Halbinsel am äußersten nördlichen Rand des europäischen Festlands entlang, außerhalb der russischen 12-Meilen-Zone. Auf der Höhe von Murmansk versucht einer unserer Mitsegler, der sein Schulrussisch aus DDR-Zeiten wieder hervorgekramt hat, mit Hilfe eines Spickzettels Funkkontakt zur Küstenwache aufzunehmen. Wir bekommen keine Antwort. Uns ist es egal, Murmansk wollen wir sowie so großräumig umfahren. Trotzdem stehen wir unter Beobachtung, aber das erfahren wir erst später.

Illegaler Grenzübertritt

Nach drei Tagen und Nächten erreichen wir das Weiße Meer, ein Nebenmeer der Barentssee, das im Osten und Süden die Kola-Halbinsel umschließt. Wir segeln nach Süd-West, tiefer ins Weiße Meer hinein. Am nächsten Tag holen wir die Segel ein und fahren unter Motor in die lang gezogene Einfahrt von Archangelsk, der größten Hafenstadt am Weißen Meer. Etwa 350.000 Menschen leben hier. Völlig überrascht sind wir von den Unmengen von geschlagenen Baumstämmen, hoch aufgetürmt am Ufer, auf Frachtkähnen oder als riesige Flöße auf dem Wasser. Die Flößer wohnen in winzigen Bretterhütten auf ihren Flößen, die sie aus dem Landesinneren an die Küste gebracht haben. Archangelsk ist einer der größten Holzumschlagplätze.

Die Zoll- und Hafenbehörde bezichtigt uns – freundlich aber bestimmt – eines schweren Vergehens: illegaler Grenzübertritt. Wir seien in der aufgewühlten Barentssee nicht genau am Punkt „C“ über die Grenze gegangen, sondern ein paar Meilen nördlich. Es stimmt, wir wollten uns aufwendiges Manövrieren ersparen und dachten, das wäre schon okay. War es aber nicht. Nach vier Stunden bekommen wir ein siebenseitiges Protokoll in kyrillischer Schrift. Unsere Nachlässigkeit kostet uns 30.000 Rubel, das sind ungefähr 420 Euro. Vorschrift ist Vorschrift.

Im Zentrum von Archangelsk

Nachdem wir an dem uns zugewiesenen Liegeplatz in Archangelsk angelegt haben, kommt noch ein Mitsegler an Bord. Er spricht fließend russisch und übernimmt ab hier die Kommunikation mit den Hafenmeistern, Schleusen- und Brückenwärtern. Zu Fuß ziehen wir entlang der schlaglochübersäten Straßen ins Stadtzentrum von Archangelsk. Die historische Innenstadt ist – selbst bei Regen - erstaunlich pittoresk. Wir besichtigen die schön verzierten mehrstöckigen Villen aus Holz in der Fußgängerzone. Manche dieser traditionellen Wohnhäuser reicher Kaufmannsfamilien dienen heute als Museum. Wir speisen armenischen Schaschlik vom Grill, dazu gibt es Kwas, einen erfrischenden, leicht vergorenen Brottrunk, es kostet nicht viel. Archangelsk verzeichnet nur etwa hundert Besucher pro Monat, meistens Russen, sagt die Frau im Touristenbüro. Wir besuchen prächtige Kirchen voller Ikonen und werden belehrt, dass Reliquien nur küssen darf, wer keinen Lippenstift aufgetragen hat.

Solowezki - Inseln des Stalinistischen Terrors

Unser nächstes Ziel, die Solowezki-Inseln im Weißen Meer, erreichen wir nachts nach anderthalb Tagen entspanntem Segeln. Das Kloster des Archipels war einst Zentrum des orthodoxen Glaubens, aber die Zaren nutzten die Insellage, um direkt neben den Klostergebäuden kanonenbestückte Festungen zu errichten und ihre politischen Gefangenen dorthin zu verbannen. Niemand sei je entkommen.

Zu Sowjetzeiten ließ Lenin auf Solowezki das erste Arbeitslager für 3000 Häftlinge bauen, unter Stalin wuchs die Zahl auf mehr als 80tausend. Die Inseln mit ihren Lagern wurden zum Inbegriff für Stalins Terror. Auch der Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn nahm sie zur Vorlage seiner berühmten Anklageschrift „Archipel Gulag“.

Außerhalb des Klostergeländes wird mit einer Ausstellung der Lagerinsassen gedacht. Uns erschüttern vor allem die Fotos vom Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals, russisch: Belomorkanal. Als Verbindungsstück zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer sollte er den Handel beflügeln und Kriegseinsätze ermöglichen. Tausende Gefangene mussten nur mit Spaten, Schaufeln und Schubkarren im Bett des flachen Flüsschens Wyg den 220 km langen Kanal bis zum Onega-See ausheben, die Schleusen bauten sie aus Holz. Tausende starben – an Hunger, Krankheiten und unmenschlichem Arbeitseinsatz.

Schleusen als Hochsicherheitszonen

Diesen Kanal werden wir befahren, dann weiter über den Onegasee, den Ladogasee und die Newa bis nach Sankt Petersburg. Schon Tage vorher haben wir uns für die vielen Schleusen angemeldet. Früh morgens um 5.50 Uhr beginnen wir mit Schleuse 19. Von hier aus wird abwärts gezählt bis zum Onega-See. Die ursprünglichen Holzwände der Schleusen sind heute überall durch Beton ersetzt, die Tore aus Stahl. „Fotografieren verboten“, ruft uns eine bewaffnete Schleusenwärterin mürrisch zu, wir gehorchen. Die Schleusen sind Hochsicherheitszonen. Manche Schleusen quietschen in urtümlichen Tönen wie eine Geisterbahn, sie sind zu wenig in Betrieb. Nachdem wir Schleuse 16 passiert haben, weitet sich der Kanal zu einem See.

Solange die Fahrrinne eng und mit Tonnen markiert war, sind wir unter Motor gefahren, aber sobald es geht, setzen wir Segel. Bald weitet sich das Wasser zu einem riesigen Seengebiet mit flachen, komplett bewaldeten Inseln. Die Schleusen 9 und 8 hieven uns noch weiter nach oben, von Belomorsk aus sind es insgesamt 102 Meter, die wir an Höhe zulegen. Die Waldeseinsamkeit ist vorbei, Fischer und größere Schiffe sind unterwegs. Dann geht es über sieben Schleusen in schneller Folge abwärts in den Onega-See hinein, den zweitgrößten See Europas.

Freilichtmuseum auf der Insel Kishi

Noch am Abend machen wir uns auf, um das beliebteste Reiseziel auf dem Onega-See anzusteuern: das Freilichtmuseum auf der Insel Kishi, auch ein Weltkulturerbe, das viele Kreuzfahrtschiffen ansteuern. Am Morgen tauchen die silbrig schimmernden Zwiebeltürme der hölzernen Kathedrale in der Ferne auf, eine Silhouette wie in alten Märchen. Kishi gehörte einst wohlhabenden Bauern. Gemeinsam mit anderen Dorfgemeinschaften haben sie das Geld zusammengebracht, um diese Meisterwerke der Zimmermannskunst zu bauen, die Kathedrale, die Häuser und Mühlen. In einer Kapelle stehen drei schwarzgekleidete Männer und lassen ihre Stimmen ertönen.

Bei Nieselregen erreichen wir den mäandernden Fluss Swir, der den Onega- mit dem Ladoga-See verbindet, den zweitgrößten mit dem größten See Europas. Der Wind kommt uns aus Westen mit bis zu 30 Knoten entgegen, wir fahren vorsichtig, denn auf dem Swir gibt es einigen Gegenverkehr.

Dann bewältigen wir die letzte Schleuse unserer Reise. Doch die Brücke dahinter, die für uns auf 27 Meter angehoben werden soll, hat sich verkantet. Sechs Männer in roten Overalls klettern hoch in die Pfeiler, bewegen rechts ein Stückchen, dann links, bis die Brücke die erforderliche Höhe hat und sie uns schließlich über Funk auffordern loszufahren.

Eine Burg als "Schlüssel" zur Ostsee

Vor der Einfahrt in den Ladogasee müssen wir erklären, bis zu welcher Wellenhöhe wir in der Lage sind zu segeln. Der riesige See kann sehr ruppig sein. Wir queren ihn unter Segeln und tiefhängenden Wolken bis zum Ausfluss der Newa und passieren die Schlüsselburg. Die 700 Jahre alte Burganlage hat Zar Peter der Große 1702 von den Schweden zurückerobert. Die Burg war sein „Schlüssel“ zur Ostsee - erst dann konnte er St. Petersburg bauen lassen -  und sie war ebenso „Schlüssel“ für die Bewohner des belagerten Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Über die zugefrorene Newa und das Eis auf dem Ladoga-See konnte die hungernde Bevölkerung teilweise versorgt werden und vielen Menschen gelang die Flucht. Die Route, die wir gesegelt sind, wurde für sie damals im Winter zur „Straße des Lebens“.

Strahlendes St. Petersburg

Zwei Nächte liegen wir im südlichen Yachthafen von St. Petersburg, bevor das grandiose Finale unserer Reise ansteht. Ein Lotse kommt an Bord, das ist Pflicht. Dann werden nachts zwischen zwei Uhr 10 und halb fünf nacheinander alle neun Newa-Brücken innerhalb der Stadt geöffnet - für uns und zwei Öltanker. Wir fahren vorneweg, erst durch die schwarze Nacht, dann vorbei an der menschenleeren Kulisse der angestrahlten St. Petersburger Prachtbauten. Darüber erheben sich vergoldete Kuppeln, Kirchtürme und Baukräne. Tausende farbige Lichter spiegeln sich im schwarzen Wasser. Beim rückwärts schauen sehen wir, wie die Brücken sich nacheinander langsam wieder schließen und die Autos losrollen.

Alle Beiträge der Sendung

  • Von Kirkenes nach St. Petersburg - Segelabenteuer in Russlands Norden. Von Mechthild Müser
  • Finnlands urigste Cafés - Kaffeetrinken wie die Weltmeister. Von Felicia Englmann
  • Seebüll und der Expressionismus. Auf den Spuren von Emil Nolde in Nordfriesland. Von Hildburg Heider

Die Songs der Sendung

  • Markscheider Kunst - Sailor
  • M.A. Numminen & Sanna Pietiäinen - Täysikuu

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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