Bayern 2


19

"Eine wirklich richtige Entscheidung" Thomas Steierer holt sich das Passauer ScharfrichterBeil

Der begehrte Passauer Nachwuchskabarettpreis Scharfrichterbeil geht in diesem Jahr an Thomas Steierer. Der Münchner setzte sich am Mittwochabend im Scharfrichterhaus gegen fünf Mitbewerber durch - zu Recht.

Von: Christoph Leibold

Stand: 07.12.2017

Wo geht Nachwuchs eigentlich los? Und bei welchem Alter hört er wieder auf? Die Passauer Vorauswahl-Jury, die aus gut 60 Bewerbungen sechs Starter für den Wettbewerb herausfilterte: Sie hatte den Rahmen heuer denkbar weit gesteckt. Als ersten Finalteilnehmer schickte sie Thomas Schreckenberger ins Rennen. Der wird im kommenden Jahr 50 und tourt mit seinem fünften Soloprogramm. Ist das noch Nachwuchs?

"Das Schöne am Bühnenleben ist ja, das Alter spielt keine Rolle. Schauen sie sich die Rolling Stones an - gut, rein optisch ist das eher Körperwelten mit Gesang."

Thomas Schreckenberger

Schreckenberger kann sich noch an die Zeiten erinnern, da Kabarett in verrauchten Kellern stattfand. Fast hat es den Anschein, als sei auch er selbst dieser Vergangenheit entstiegen. Er parodiert Politiker und durchpflügt pointenfixiert die Parteienlandschaft. Inhaltlich nah an der Aktualität, formal dagegen eher old school.

Aus Österreich und jung

Dann der Kontrast. Zwei Buben aus Österreich. David Miesmer und Rainer Luttenberg hatten vor weniger als einem Jahr ihren ersten Auftritt als Kabarettduo. Kennengelernt haben sie sich in Wien auf der Schauspielschule. Das ist zwar schon ein paar Jahre her, und doch wird schnell klar: Die beiden müssen noch viel lernen, um Bühnenreife zu erlangen. So folgte auf Routine rührende Naivität.

Und darauf mit Startnummer drei: Bumillo, Poetry-Slam- und BR-Fernseh-erfahren und altersmäßig irgendwo zwischen Oldie Schreckenberger und den Youngstern aus Wien. Auch kein Newcomer mehr, aber eigentlich zu jung, um sich über die sogenannten digital natives zu echauffieren, die nur noch wischen und scrollen. Ein etwas altklug geratener Auftritt.

"Was bin ich geschimpft worden in meiner Kindheit: Tapp da nicht hin. Heute darf jeder überall drauftappen. Und was hören die Jugendlichen für Musik? Dubstep"

Bumillo

Zweite Hälfte deutlich stärker

Und das war’s auch schon mit dem ersten Teil bis zur Pause, die man als Zuschauer etwas ratlos antrat. Dann aber kam Thomas Steierer, der sich auch metromadrid nennt. Noch spezieller als sein Pseudonym ist Steierers Auftreten.

"Ich mach das hier auf der Bühne schon seit 2009. Aber mit einer Unterbrechung von neun Jahren. Das war jetzt nur ein Witz. Ich war jetzt fünf Jahre lang nicht Stand-Up-Comedian, sondern Stand-By-Comedian."

Thomas Steierer

Steierer ist ein talentierter Anti-Perfomer. Schon wie er sein Mikrofon hält, mit eckig von sich gestrecktem Ellbogen, ist absonderlich. Dabei purzeln die Sätze wie spröde Brocken aus seinem Mund. Er bewegt sich kaum, verzieht keine Miene, und zieht die Zuhörer doch in den Bann. Der eigene Lebens-Nicht-Lauf ist sein Thema. Das permanente Versagen und Dennoch-Versuchen.

Mit DJ-Equipment

Das Scharfrichterhaus

Sehr besonders auch David Scheid aus Wien, angereist mit Laptop und Turntables und eigentlich DJ. Scheids Remix aus klassischen Kabarettmonologen einerseits, Scratching, gesampelten Sounds und Satzfetzen andererseits ist noch keine ganz runde Mischung. Einen erfreulichen eigenen und ausbaufähigen Eindruck hinterließ aber auch er bei der wettbewerbsüblichen 15-Minuten-Kostprobe. Nach den Auftritten von David Scheid und Thomas Steierer war man wieder halbwegs versöhnt mit dem Beil-Jahrgang 2017, der einen anfangs so kalt gelassen hatte. Und bitte, es ist ja doch ein Nachwuchswettbewerb. Etwas Bühnenreife darf erwartet werden, ausgereift aber muss nicht alles sein.

Nur eine Frau dabei

Wann kommen eigentlich die Frauen? Nun, es kam nur eine, ganz am Schluss und aus Moskau. Nicht direkt natürlich. Seit sie 15 ist, lebt Liza Kos in Aachen:

"Mich hat sehr gewundert, wie laut Deutsche Nasen putzen."

Liza Kos

Liza Kos bestellt das fruchtbare Feld der interkulturellen Comedy. Sie spielt mit Klischees von Russen und Deutschen und der eigenen integrationsbedingten Persönlichkeitsspaltung. Neu ist das nicht, aber - egal ob gesprochen oder gesungen - mit elegantem Understatement präsentiert.

Thomas Steierer verdienter Gewinner

Alle Teilnehmer auf der Bühne.

Da hätte man sie also beisammen gehabt, die drei Preisträger für das kleine, mittlere und große Scharfrichterbeil. Wobei die Jury zur Abwechslung ja mal drei zweite Plätze vergeben hätte können an Steierer, Scheid und Kos. Alle drei haben ihre Stärken, und noch ein paar Schwächen. Die Jury entschied sich anders: Liza Kos ging leer aus. Thomas Schreckenberger bekam stattdessen das kleine Beil. Vielleicht weil man im traditionsreichen Passauer Scharfrichterhaus auch das klassische Politkabarett gewürdigt sehen wollte. DJ David Scheid landete auf Platz zwei. Und erster? Wurde Thomas Steierer. Und wenn man es recht bedenkt, war das wirklich die richtige Entscheidung. Steierer war nicht unbedingt besser als Scheid, aber mit seinem radikalen Bekenntnis zu maximalem Minimalismus sicher der Mutigste unter den gestrigen Beil-Bewerbern.

"Sigmund Freund wusste, der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen. In meinem Fall ist diese letzte Humorwaffe wie eine abgesägte Schrotwaffe, mit der ich auf mich selbst ziele. Immerhin, dass ich denke, damit durchzukommen, das ist ein Witz."

Thomas Steierer


19

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Holger Dörner, Donnerstag, 07.Dezember, 17:55 Uhr

1. Schöner Artikel

Wenn alle Feuilleton-Texte so geschliffen formuliert wären wie dieser, würde es mehr Spaß machen, den Kulturteil diverser Tageszeitungen zu lesen. Prima Artikel, danke dafür.