Bayern 2


37

Neuer Salman Rushdie Roman Grandios erzählt mit filmischen Mitteln

Der neue Roman von Sir Salman Rushdie spielt in New York, aber wie in allen seinen Romanen spielt auch in "Golden House" Indien wieder eine Rolle: der Terror in Bombay 2008, als das legendäre Taj Hotel brannte.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 08.09.2017

Salman Rushdie | Bild: picture-alliance/dpa

René, der Erzähler in Salman Rushdies neuem Roman "Golden House", der hübsche, anfangs noch etwas blasse Sohn philanthroper Geisteswissenschaftler, der gern Filme machen möchte, ist aufgewachsen in einer Blase - in Greenwich Village, Manhatten. Den Stoff für seinen ersten Film findet er gleich gegenüber, bei der mysteriösen, unermesslich reichen Familie Golden, mit der er bald mehr verstrickt ist, als ihm lieb sein kann. Nomen est omen bei Nero Golden, dem Patriarchen, der den Duft despotischer Gefahr mit sich trägt, später eine russische Lady Macbeth zur Seite hat und dem das Feuer gleich mehrfach zum Verhängnis wird. Seine drei Söhne sind alle krisengebeutelt: Petya, der geniale Erfinder von Computerspielen, ist Autist; der großspurige Apu wird Künstler und dramatisch enden; Dionysus, genannt D, weiß nicht, ist er Mann oder Frau? Eine rätselhafte Familie, die sich da in New York neu erfindet und aus einem Land kommt, das nicht genannt werden darf, sich aber bald als Indien entpuppt.

Sir Salman Rushdie sieht sich selbst noch immer als Junge aus Bombay, der an Indien klebt. Kein Buch ohne Indien-Bezug, auch "Golden House", dieser New York-Roman birgt mit der Familie Golden indische Figuren und atemraubende, dramatische Szenen: vom Terror in Bombay 2008, als das legendäre Taj Hotel brannte und Neros Frau darin umkam. Tödlich endet auch Apus Reise nach Indien. Entlarvend der Malabar Hill mit den Schönen und Reichen, die Versuche, Indien zu destabilisieren mit Waffenlieferungen aus Pakistan, die mafiösen Verstrickungen eines indischen Don Corleone, der Nero Golden vom Gold-König zum Diener degradiert, zum Dhobi, dem Wäscher, genauer: dem Geldwäscher und Geldkofferträger der Mafia, deren Bandenkrieg er fast zum Opfer fällt.

Mannigfaltige Anspielungen auf die reale Welt

Man möchte wetten, dass Rushdies Romankulisse und ihre mafiösen Akteure sehr reale Modelle haben, auch im heutigen Mumbai. Alles real also, aber nicht ohne mythische, literarische, cineastische Bezüge, allen voran der "Joker" aus dem Cartoon "Gotham City": grüne Haare, bleiches Gesicht, blutrote Lippen. Ein Schelm, wer an den jetzigen Präsidenten der USA denkt, der im November 2016 zur Wahl antrat.

"Es war das Jahr des großen Kampfes zwischen gestörter Fantasie und grauer Realität, ... der Welt, wie sie war ... und wie sie gesehen wurde, dem Ding an sich, um den Kantschen Begriff zu verwenden – und andererseits diesem Charakter aus einem Cartoon, der die Grenze zwischen der Buchseite und der Bühne überschritten hatte – eine Art illegaler Immigrant, dachte ich – dessen Plan vorsah, das ganze Land mit vorgetäuschter Ausgelassenheit in eine moderne düstere Graphic Novel zu verwandeln…"

Salman Rushdie, Golden House

Moral, Verrat und die Wut der weißen Amerikaner

Rushdie ist ein Cinemaniac, ein Literamaniac und ein Global Player der Philosophie und Künste. Virtuos, wie er Kino und Realität, Cartoon und Kant, klassische Tragödie und Politik verbindet, wie er von Homer über Hitchcock bis zu Indiens Kultregisseur Satyajit Ray jagt. Mit dem Joker beginnt Neros Sturz und Amerikas Niedergang. Renées Schock sitzt tief.

Grandios, wie realistisch und märchenhaft, wie kühn und poetisch, aktuell und zeitlos Salman Rushdie in diesem funkelnden, geistreichen New York-Roman menschliches Verhalten beschreibt und Fragen von Identität und Moral verhandelt: Kann ein Mensch gleichzeitig gut und böse sein? Was ist Schicksal, was freier Wille? Und was heißt Verrat? Sind Menschen "überhaupt moralische Wesen oder Wilde, die ihre Bigotterien als Ethik definieren?", fragt René, zürnt über die Wut des weißen Amerika, das sich "mit einem schwarzen Präsidenten abfinden musste", erzählt von Nero und dem "Golden House" in New York, in Stories und Fragmenten, mit filmischen Mitteln: Wischblende - langsame Überblendung - Schnitt.


37